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Pastillen einer Zuger Firma sollen gegen Covid-19 wirken – Behörden sind alarmiert

Die Carlson GmbH verkauft Lutschpastillen, die weder als Arznei- noch als Lebensmittel oder Kosmetika zugelassen sind und potenziell gesundheitsgefährdendes Chlordioxid enthalten. Deshalb wurde ihr Verkauf von den Behörden gestoppt.

Cornelia Bisch Jetzt kommentieren
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Versucht man über die Website der Carlson GmbH in Zug die dort angepriesenen Lutschpastillen David 19 zu bestellen, ist dies nicht mehr möglich, weil die zuständige kantonale Behörde dem Verkauf der möglicherweise gesundheitsschädigenden Pastille Einhalt geboten hat. Laut Firmeninhaber Vicente Garcia Lübke soll die als Mundhygieneprodukt beworbene Pastille zuverlässig gegen Corona und andere virale Infekte wirken.

«Innerhalb von einem bis zwei Tagen wirkt David 19 zu 100 Prozent gegen Corona. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche»,

behauptet er auf Anfrage. Zahlreiche, «ausschliesslich positive Rückmeldungen» von Kunden würden dies bestätigen.

Vicente Garcia Lübke vertrieb die Lutschpastillen David 19 über seine Firma Carlson GmbH in Zug.

Vicente Garcia Lübke vertrieb die Lutschpastillen David 19 über seine Firma Carlson GmbH in Zug.

Bild: Jan Pegoraro (Zug, 24. Januar 2022)

Keine Zulassung für das Produkt

Blöd nur, dass die Pastille, die bereits seit einem Jahr verkauft wird, nicht zugelassen ist, wie die Zeitschrift «Beobachter» berichtet. Die Autoren bringen das Produkt in Verbindung mit Andreas Kalcker, der vom St. Galler Rheintal aus Chlordioxid vertreibe. Er behaupte, das Bleich- und Desinfektionsmittel wirke gegen alle erdenklichen Krankheiten, von Malaria, Demenz und Krebs bis hin zu Covid-19. Das Pendant in Pastillenform sei David 19, auch es enthalte Chlordioxid, so der Bericht des «Beobachters».

«Die Pastillen bestehen aus Natriumchlorit, Zitronensäure, Artemisia, Kurkuma, Vitamin D, K2, und Zink», führt Garcia aus. Erst wenn die Pastille auf der Zunge liege und sich auflöse, werde Chlordioxid aus der Verbindung der beiden Bestandteile Zitronensäure und Natriumchlorid frisch erzeugt. In dieser geringen Menge sei der chemische Stoff absolut ungefährlich. Ausserdem könne man ja nach dem Genuss der Pastillen den Mund ausspülen. Dass man die Lösung während des Lutschprozesses automatisch schluckt, zählt offenbar nicht.

Heilsversprechen ist unzulässig

Weil die Lutschpastillen auf der Website der Zuger Vertriebsfirma als Mundhygieneprodukt angepriesen werden, lassen sie sich nicht in die Kategorie der Arzneimittel einordnen, sondern gelten als Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Kosmetika. Das begleitende Prädikat «entzündungshemmend» und die Prämisse «Hilft gegen alle Bakterien und Viren im Rachenraum» wurde laut «Beobachter» ursprünglich durch das Versprechen ergänzt, das Produkt heile diverse Atemwegserkrankungen, etwa die unheilbare chronische Lungenkrankheit COPD. Dazu sagt die Zuger Kantonsapothekerin Simone Schwerzmann:

«Versprechen auf Heilung und entsprechende Anwendungsmöglichkeiten sind für Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Kosmetika nicht zugelassen.»

«Ist ein Produkt von Swissmedic als Arzneimittel für den Schweizer Markt zugelassen, dürfen nur diejenigen Indikationen oder Anwendungsmöglichkeiten beworben werden, welche in der zuletzt genehmigten Arzneimittelinformation stehen», präzisiert sie. Aufgrund solcher Diskrepanzen – gemeldet von der Bevölkerung oder durch Swissmedic – würden die Behörden aktiv werden. (siehe Kasten)

Behörden gehen Hinweisen nach

Zum Produkt David 19 erteilen weder der Zuger Kantonschemiker Mattias Fricker noch die Kantonsapothekerin Simone Schwerzmann Auskunft, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. Strafanzeige liegt laut Staatsanwaltschaft keine vor. «Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen den Kategorien Arzneimittel, Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Chemikalien und Kosmetika», führt Schwermann aus. «Für Erstere ist das Amt für Gesundheit zuständig, alle übrigen Bereiche fallen in die Zuständigkeit des Amtes für Verbraucherschutz.» Jeder Kategorie liege eine entsprechende Gesetzgebung zugrunde.

In enger Zusammenarbeit würden die Fachleute beider Ämter Hinweisen nachgehen. «Daraufhin bitten wir die betreffende Firma um eine Stellungnahme und prüfen die Zulassung des gemeldeten Produkts.» Im Fall von Arzneimitteln müsse ein Unternehmen zusätzlich eine Bewilligung für den Handel damit haben. Falls die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten worden seien, könne dies strafrechtliche Folgen haben, ergänzt Fricker. «Ziel unserer Arbeit ist die Verhinderung einer Gesundheitsgefährdung, aber auch der Schutz vor Täuschung.» Werbung müsse den Tatsachen entsprechen, und die notwendigen Informationen müssten zur Verfügung stehen.

Entwickelt wurde die Pastille vom Unternehmer Walter Schaub. Der Sitz seiner Firma Naturasana AG befindet sich laut Recherche des «Beobachters» in Herisau AR. «An der angegebenen Adresse findet sich nur ein Briefkasten, auf dem rund hundert weitere Firmennamen stehen», so die Zeitschrift. Schaub verkaufe die Tabletten nicht selbst, sondern über Vertriebspartner. «Das hat wohl Gründe. Wer nicht zugelassene Produkte nur an Vertriebspartner verkauft, selbst aber Endkunden kein Heilsversprechen macht, kann juristisch nicht belangt werden», vermuten die Autoren.

99 Franken für 30 Rappen Inhalt

«Ich bin nicht vom Fach, sondern nur der Händler. Deshalb ist mir dieser Fehler auf der Website passiert», räumt Garcia ein.

«Das wird jetzt ein bisschen Trubel geben, aber anschliessend werden wir mit dem Verkauf von David 19 fortfahren»,

gibt er sich gelassen. Von dessen positiver Wirkung auf die Gesundheit ist er nach wie vor überzeugt. Das Interesse sei gross, vor allem befeuert durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Finanzielle Interessen negiert er, obschon das Produkt pro Dose 99 Franken kostet. Eine solche ist laut Dosierungsempfehlung in der Akutphase bereits nach gut einem Tag aufgebraucht. Im Bericht des «Beobachters» werden die Beschaffungskosten für die Inhaltsstoffe einer Dose Pastillen auf 30 Rappen errechnet. Für ein Mundhygieneprodukt sei der Preis tatsächlich etwas hoch, gibt Garcia zu. «Aber es kann durchaus sein, dass es einmal als Heilmittel zugelassen wird. Wenn man unter diesen Umständen den Preis anschaut, ist er günstig.»

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