Das Genie mit dem «genetischen Defekt»

Mit dem ehemaligen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi holte sich die Zuger Kunstpause illustre Prominenz aufs Talksofa. Der liess kein gutes Haar an der Kunst von heute, hatte das Publikum aber trotzdem auf seiner Seite.

Andreas Faessler
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Kunsttalk-Moderatorin Martina-Sofie Wildberger im Gespräch mit Wolfgang und Helene Beltracchi. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 4. April 2019)

Kunsttalk-Moderatorin Martina-Sofie Wildberger im Gespräch mit Wolfgang und Helene Beltracchi. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 4. April 2019)

Das Titanweiss ist ihm 2010 zum Verhängnis geworden, als Wolfgang Beltracchi einen Campendonk fälschte. Der hochdotierte deutsche Maler († 1957) hatte diese Farbe nie verwendet. Beltracchi und seine Frau wurden überführt und wanderten ins Kittchen. Die beiden sorgten für den grössten Kunstfälschereklat der Nachkriegszeit, zig Millionen hatte ihnen die Betrügerei eingebracht. Seit Ende ihres Strafvollzuges lebt das weltberühmt gewordene deutsche Ehepaar ein rechtschaffenes Künstlerdasein, die beiden wohnen in Meggen und treten regelmässig in der Öffentlichkeit auf. Am Donnerstagabend war Wolfgang Beltracchi Kunsttalk-Gast bei der Zuger Kunstpause in der Chollerhalle. Das Interesse am legendären Ex-Kunstfälscher war gross, und als es gleich mal um das Kunstschaffen von heute ging, hub der anfänglich flapsig wirkende Beltracchi zu einem Rundumschlag an und monierte, dass der Künstlernachwuchs schlicht und ergreifend nichts mehr kann. «Die Chance, gross rauszukommen, ist heute gleich null», so Beltracchi. Sogenannte Meisterschüler seien Meister von nichts, Kunstakademien produzierten massenhaft Arbeitslose. Weil das Wissen der Meister von einst schlicht und ergreifend verloren gegangen sei. «Das ist traurig! Wenn man gedenkt, Kunst zu machen, braucht es drei Dinge: ein riesiges Vermögen an Können, Wissen und Intuition. Hat man diese drei Dinge, dann könnte es vielleicht etwas werden – aber nicht in drei Jahren und auch nicht schon in zehn...» Wer ein bisschen was könne, glaube gleich, ein grosser Künstler zu sein. Und für den Bildungshochmut der «Kunst-Elite» hat der Deutsche besonders wenig schmeichelnde Worte übrig.

Er beherrscht sämtliche Handschriften

Sein vernichtendes Fazit zum heutigen Kunstschaffen liess wohl so manchen im Saal einmal leer schlucken – immerhin waren einige aus der Kunst- und Kulturszene zugegen. Wenn sich aber jemand diese Anmassung erlauben darf, dann ist es einer wie Beltracchi selbst, der hundertfach bewiesen hat, was in ihm für ein unvergleichliches Genie steckt: Wer es schafft, gefälschte Altmeister und vermeintliche Neuentdeckungen der klassischen Moderne unentlarvt durch sämtliche Fachgremien auf den internationalen Kunstmarkt zu schleusen, der kann nur ein wahrer Künstler sein.

Beltracchi gewährte daraufhin ein paar faszinierende Einblicke in sein früheres Schaffen. Er beherrscht nahezu sämtliche Künstlerhandschriften der vergangenen Jahrhunderte. Er schuf Gemälde, die nie gemalt worden sind – und mit den exakten zeittypischen Techniken und Materialien. Etwa die Austreibung der sieben Dämonen aus Maria Magdalena im Stil von Dierick Bouts (1410/1420-1475). Oder den grossen Kometen von 1618 mit der Handschrift eines Hendrick Avercamp (1585-1634). Er und seine Frau hätten jeweils bis zu einem Jahr lang intensiv recherchiert, um eine geplante Fälschung im Stil der Zeit und des entsprechenden Urhebers auszuführen. Auf diese Weise haben sich die Beltracchis einen beispiellosen Wissensschatz angeeignet, der alle namhaften Maler über viele Jahrhunderte umfasst und abdeckt. «Ich habe zudem den genetischen Defekt, dass ich ein Gemälde nur anschauen oder an ihm riechen muss. Ich erkenne sofort die Handschrift des Malers», erklärt Beltracchi. Bereits als Kind habe er die sonderbare Gabe gehabt, etwa bei Anblick eines flämischen Wintertjes die schleifenden Kufen und das Lachen der Menschen im Bild förmlich hören zu können.

Klimt, der Schweinehund

Der 68-Jährige legte an dem Abend einen trockenen, doch erfrischenden Humor zutage. Dass er mit seiner unkonventionellen, lockeren und direkten Art nicht immer und überall auf Gegenliebe stösst, veranschaulichte er mit dem Beispiel Gutstav Klimt, den er im österreichischen Fernsehen mal sinngemäss als Schweinehund bezeichnete. Dies hinsichtlich der Tatsache, dass der umtriebige Jugendstilmaler viele seiner weiblichen Modelle schwängerte und sie dann sitzenliess. Die Österreicher waren wenig amüsiert ob dieser Beleidigung ihres grossen Landsmannes.

Wolfgang Beltracchi blickt auf ein wildes, aufregendes Leben zurück. Als er noch Gemälde fälschte, sei er reich und sein Leben ruhig gewesen. Heute, wo er berühmt ist, sei er zwar auch wieder vermögend, habe aber nur noch Stress. Dennoch: Sein altes Leben wünscht er sich nicht zurück. Erstens sei er allein durch die schreckliche Zeit im Kölner Knast geläutert, und zweitens sei Fälschen und Neuerfinden heute viel schwieriger, zu wichtig sei Provenienzforschung geworden im Vergleich zu früher. Auf Wunsch des Publikums bat Beltracchi zum Schluss auch seine Frau Helene aufs Talksofa, welche die kritische Haltung ihres Mannes gegenüber der «Herrschaftslust» der heutigen Kunst-Elite teilt. «Schlussendlich darf Kunst nicht etwas Elitäres sein, sondern sie muss Freude bereiten. Wer sich für Kunst interessiert, darf keine Angst haben müssen, Fragen zu stellen. Es ist wichtig, dass man den Menschen Kunst wieder nahebringt», sagte Helena Beltracchi.

Das aufmerksame und sichtlich interessierte Publikum hat an diesem Abend zwei hochspannende, sympathische Persönlichkeiten kennen gelernt, die mit ihrer kriminellen, doch faszinierenden Vergangenheit nicht zuletzt auch ein sehr wichtiges, lehrreiches Zeichen gesetzt haben.

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