PORTRÄT: Silvio Panizza: «Ich bin ein kreativer Chaot»

Seinen Namen kennen viele, von der Fasnacht und vom Fussball her. Doch was ist das eigentlich für einer, dieser Silvio Panizza? Wir fragten bei ihm nach.

Hans Graber
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Im besten Sinn ein bunter Vogel: Silvio «Jimmy» Panizza vor dem Luzerner Restaurant Fritschi. (Bild: Pius Amrein (2. Februar 2017).)

Im besten Sinn ein bunter Vogel: Silvio «Jimmy» Panizza vor dem Luzerner Restaurant Fritschi. (Bild: Pius Amrein (2. Februar 2017).)

Hans Graber

Die Innerschweizer Fasnacht hat viele Facetten und viele Gesichter. Insofern gibt es auch den idealtypischen Fasnächtler nicht. Ob Silvio Panizza im Kern ein Fasnächtler ist, sei mal dahingestellt. «Ich war und bin eher ein stiller Mensch», sagt er von sich. Mit 75 ist er nun auch in einem Alter, in welchem statt des viel zitierten «Fiebers» andere Gemütslagen und gesundheitliche Verfassungen wichtiger geworden sind.

Seit Panizza letztmals verkleidet und mit Grend sich ins Getümmel gestürzt hat, ist es länger her. Als Modezar Karl Lagerfeld ist er damals losgezogen. Beim vorletzten Mal als Showmaster Thomas Gottschalk. (Umgekehrt ist dem Journalisten eine ehemalige Luzerner SP-Stadträtin bekannt, die vor wenigen Jahren als Panizza an die Fasnacht gegangen ist; den waschechten Panizza-Grend hatte ein Künstler gemacht).

Aber auch wenn sich der echte Panizza jetzt meist auf kurze Fasnachtsbummel in moderater Kostümierung beschränkt: In Gedanken und mit dem Herz ist er schon dabei. Dazu braucht er nicht viel Vorstellungsvermögen: Panizza weiss viel über die Luzerner Fasnacht, sehr viel, so viel wie wohl kaum ein anderer. Zum 45. Mal in ununterbrochener Folge hat er vor ein paar Wochen in Alleinregie «De rüüdig Fasnachtsfüerer» herausgegeben, ein knapp 100 Seiten dickes Büchlein mit rund 600 Daten von Innerschweizer Fasnachtsanlässen, ergänzt mit wissenswerten und/oder witzigen Beiträgen rund um die Fasnacht. Zudem ist Panizza Herausgeber und Mitautor von vier Bänden «Faszination Lozärner Fasnacht».

Engagement für Fasnacht kostete Job

Reich gemacht hat ihn das nicht, im Gegenteil. Die Arbeit an den Führern («ich verdiene fast nichts daran») und Büchern hat ihm in den frühen 1990er-Jahren eine Kündigung eingetragen, «der besten Anstellung meines Lebens». Bei der «Bilanz» war er damals und hat für das Wirtschaftsmagazin Inserate akquiriert. Aber nebenher und ab und zu auch während der normalen Arbeitszeit hat er sich seinen Fasnachtspublikationen gewidmet und ist für sie geweibelt. «Wohl etwas zu viel», lächelt Panizza.

Dem Arbeitgeber ist das nicht entgangen. Panizza erhielt den blauen Brief. Finanziell ist es ihm danach nicht gerade rosig ergangen, und das ist bis heute mehr oder weniger so geblieben. Panizza lebt von AHV und Ergänzungsleistungen. Auslandferien gabs zuletzt vor rund 25 Jahren. Gran Canaria. Eine Zeit lang war da auch noch eine Ferienwohnung in Minusio, die er nutzen konnte. Lange ist es her. «Aber es geht schon, ich brauche ja nicht viel zum Leben.» Seit zehn Jahren ist er in Ebikon zu Hause. Alleine. «Kein Problem, ich bin mich das gewohnt und kann selber für mich schauen, kochen inklusive.» Seine Spezialität: Coniglio mit Polenta.

Seinen Vater hat er nie gekannt

Geboren wurde Silvio am 3. Dezember 1941. Im Monikaheim in Zürich, einer Auffangstation für ledige Mütter. Uneheliche Kinder waren damals noch nicht in jedem Spital erwünscht. Silvios Mutter Senia war lange Jahre Serviertochter im Luzerner Hotel Union. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, «er ist für mich nicht existent», sagt Silvio. Er legt aber Wert darauf, dass er laut seiner Mutter «ein Wunschkind» gewesen ist.

Weil sie weiter im Service arbeiten musste, hat Silvio die ersten zehn Jahre seines Lebens bei Onkel Celio Panizza und Tante Hedwig, einer Urnerin, im Luzerner Wesemlinquartier verbracht. Grossvater Panizza war als Stuckateur um 1900 herum von Pianiga, einem Vorort Venedigs, nach Luzern gekommen. An ihn erinnert sich der Enkel noch: «Der Nonno hat immer Rössli gezeichnet.» Silvio war bis zum 20. Altersjahr italienischer Staatsangehöriger. «Tschingg» habe er sich aber nie anhören müssen, «das wurde erst später zu einem Schimpfwort».

In der Kindheit und Jugend wurden zwei Leidenschaften geweckt. Fasnacht und Fussball. Pflegevater Celio war Schiedsrichter, und wenn er am Wochenende nicht pfeifen musste, besuchte er die Spiele des FC Luzern auf der Allmend. Mit Silvio an der Hand. Der begann bald einmal selbst zu tschutten, bei den FCL-Junioren, vorwiegend am rechten Flügel. Einmal reichte es sogar zu einer Regionalmeisterschaft. «Aber ich war technisch nicht so begabt, für die Spitze war das viel zu wenig», sagt er. Den Blauweissen ist er aber nach wie vor treu verbunden. Obwohl: «Als FCL-Fan wird man wirklich nicht verwöhnt, drei Kübel in 115 Vereinsjahren – ein Meistertitel und zwei Cupsiege –, das ist schon sehr mager.»

Die Hoffnung auf mehr ist weiterhin da. Man müsste wohl einfach besser auf Panizza hören. Wenn ihm etwas nicht passt an den aktuellen Vorgängen im FCL, tut er dies gern leserbrieflich kund, und auch im Gespräch kann er sich leicht echauffieren: «Wenn man Sportchef Fringer im letzten Winter nicht gefeuert hätte, hätte man den dritten Cupsieg feiern können», ist er überzeugt.

Wenn, hätte und aber. Es läuft leider überall selten so, wie man es gerne hätte. Aber es läuft, das ist die Hauptsache.

Wie aus dem Silvio der Jimmy wurde

Und wie war das mit der Fasnacht? Infiziert worden sei er von der Mutter, sagt Silvio. Die hat im «Union» bei Dutzenden Bärteliessen der Zunft zu Safran serviert und war buntem Treiben generell nicht abgeneigt. Davon hat anscheinend auch der Sohn etwas abgekriegt. Der kam mit zehn wieder zu Mutter und Nonna ins Maihofquartier, weil die Pflegeeltern selber Nachwuchs erwarteten und kein Platz mehr war für Silvio. An sein erstes Fasnachtskostüm erinnert er sich noch bestens: Indianer.

Ein paar Jahre später gab es in Luzern einen Haufen unternehmungslustiger junger Männer, die sich Seven G nannten, angelehnt an den Western «Die glorreichen Sieben» (1960). Die Clique mass sich im sportlichen Wettkampf und veranstaltete auch Partys, an welchen man Künstler der damaligen Zeit imitierte. Panizza tat sich in der Rolle des Jimmy Muff hervor, jenen von Werner von Aesch (Cabaret Rotstift, Schlieremer Chind) gespielten Sprücheklopfer. Ob Panizza damals – anders als heute – im richtigen Leben ein frecher Grossschnorri war, wissen wir nicht. Geblieben aber ist von Jimmy Muff etwas: Silvios Spitzname ist seither Jimmy. Gute Bekannte nennen ihn so.

Manchmal muss es mit diesen Seven G und ihrer Entourage auch recht wild zu und her gegangen sein. Weil Jimmy wegen der arbeitenden Mutter oft sturmfrei hatte zu Hause, gab es im Maihofquartier anscheinend schon auch mal Klagen wegen Nachtruhestörung. Aus den Seven G ging schliesslich 1969 auch die Guuggenmusig Tschäderi-Bumm hervor. An der Posaune: Panizza. «Ich war mehr fürs Schränzen als für die Melodie geeignet», sagt er.

Begegnungen mit dem Heiland und grossen Lieben

Panizza war zu jener Zeit ein gestandener junger Mann und beruflich als Propagandist tätig. So nannte man seinerzeit Werbeverkäufer. Er arbeitete bei John Lay, bei der LNN unter Alice Bucher, bei der Publicitas und eben bei der «Bilanz».

Die KV-Lehre hatte er im Luzerner Reklamebüro Haverkamp gemacht, das auch FCL-Werbung machte. Als jeweils der damalige Trainer Rudi Gutendorf ins Geschäft kam, waren das für Silvio Begegnungen fast wie mit dem Heiland höchstpersönlich. Die FCL-Liebe war auf einem Höhepunkt. Panizza verteilte Matchprogramme und trug an Tagen vor dem Spiel jeweils mit Kollege Gusti Schürmann eine grosse Anzeigetafel aus Holz durch die Stadt, um Passanten zum Matchbesuch zu animieren. Irgendwann ist die Tafel dann mal runtergefallen und kaputtgegangen. Mitten auf der Kapellbrücke.

Es gab neben dem FCL auch noch die andere, zwischenmenschliche Liebe. Erstmals gefunden zu haben glaubte sie Silvio während eines dreimonatigen Aufenthalts in Bournemouth in England. Judith hiess sie, eine Deutsche. Sie folgte Silvio in die Schweiz, nach Lausanne, wo er bei der Publicitas eine Stelle hatte. Aber dort gab es halt auch noch andere Männer, und die Romands können gut charmieren. Jedenfalls: «Es war dann nicht die grosse Liebe», konstatiert er rückblickend.

Die traf er dann aber 1981, dank der guten Kollegin Vera, im Luzerner «Hazyland»: Mya Wey. 1984 wurde geheiratet. Gehalten hat die Ehe allerdings nicht auf ewige Zeiten. «Wir liessen uns scheiden, aus verschiedenen Gründen.»

Aber trotz getrennten Wegen: «Wir sind immer sehr gute Freunde geblieben und hatten ein Vertrauensverhältnis wie Bruder und Schwester», berichtet Panizza. Als Mya 2014 starb, sei ihm das «sehr, sehr nahe gegangen». Ihr Lebenspartner Ruedi ist eine hilfsbereite Stütze von Silvio geblieben. Eine neue Beziehung hat er nach der Scheidung nicht mehr angestrebt. «Ich bin lieber allein», sagt er, «ein kreativer Chaot.» Keine ideale Voraussetzung für eine Partnerschaft.

Silvio Panizza wirkt manchmal etwas traurig, müde. Die Gesundheit ist seit längerem nicht mehr die beste. Schon in den Neunzigern hatte er mit der Speiseröhre Probleme, heute «lödelet» es da und dort, ein Händezittern plagt ihn, das Gehen bereitet Mühe. Und gleichwohl, im Gesicht wirkt Jimmy jünger, als er ist. Wenn man ihm gegenübersitzt und ihm zuhört, ist nichts zu spüren von Resignation und Rückzug. Sein rüüdiger Fasnachtsfüerer soll auch 2018 wieder erscheinen. Und 2025. Obwohl es wegen der angegriffenen Gesundheit auch schon ein-, zweimal an einem ganz dünnen Faden hing, ist der Führer immer erschienen seit 1973. Immer.

Einer muss es machen – Panizza

Den Anstoss gegeben hatte damals Fussballkollege Max Vogel, der später Beizer im Restaurant Isebähnli an der Baselstrasse wurde. Vogel vermisste einen umfassenden fasnächtlichen Veranstaltungskalender. Ein Fall für Silvio Panizza. Einer muss es ja machen. Der Führer wurde zu einer Art Lebensaufgabe.

Aber es blieb nicht allein dabei. Panizza hat die legendären Tschäderi-Bumm-Bälle im «Union» und im Kunsthaus gegründet und mitorganisiert. Panizza sorgte 1994 für eine Wiederbelebung der skurrilen Künstlervereinigung Bockstall, deren Oberehrenbock er ist. Panizza hat via Fasnachtsführer dazu beigetragen, dass der Rüüdige Samschtig als vierter Fasnachtstag sich etablieren konnte. Panizza ist mit den Gnagi-Brüdern verbandelt und den Kult-Ur-Fasnächtlern zugeneigt, er ist Mitglied der Safranzunft und verfügt über gute Drähte zu anderen Zünftigen und zu Musigen. Panizza ist ein wandelndes Fasnachtslexikon, er kennt sich aus, weiss so manches und manches auch besser.

Und wo bleibt die Anerkennung? Dass ihn heuer das Luzerner Fasnachtskomitee LFK an seinem grossen Empfang als Ehrengast eingeladen hat, sei ihm «eine riesige Freude» gewesen. Eine grosse Genugtuung für Silvio Panizza, dessen Wirken teils gering geschätzt und manchmal sogar etwas belächelt wird.

Panizza ist kein Jammeri. Auch keiner, der sagt, dass früher alles besser und schöner gewesen sei. Den Fasnachtsbällen trauert er zwar nach – an den Tschäderi-Bumm-Ball kamen jeweils 2500 Leute –, aber sonst hätten alle Zeiten ihre guten Seiten. Nicht nur bezüglich Fasnacht. Für Silvio Panizza gibt es auch ein Leben ausserhalb. Er sei ein «News-Freak», lese Zeitungen, höre stündlich die Nachrichten am Radio, schaue «Tagesschau» und «10 vor 10». Er verfolge das Weltgeschehen, das ihn aktuell bedrücke. Syrien, Flüchtlingselend, IS, Trump, Putin. Wohin das alles führen wird, gibt ihm zu denken.

SVP-Mitglied, aber nur ein bisschen

Politisch aktiv war Panizza nie – obwohl: Er ist Mitglied der SVP. Seit vier Jahren sei er aber an keiner Versammlung mehr gewesen, betont er. «Mir ist das manchmal doch etwas zu radikal, was diese Partei so alles verlauten lässt.»

Dabei sein, aber nicht mit Haut und Haaren. Das scheint zumindest für den reiferen Silvio typisch. Er ist lieber etwas im Hintergrund, als Beobachter, manchmal als Strippenzieher. Wie seinerzeit im Militär, als er jeweils zu Beginn des WKs um allerlei Dispensationen ersucht habe, weil er den Kompanie­abend organisieren müsse. Dem wurde stattgegeben. Der Mensch braucht Vergnügungen. Panizza hat das früh erkannt. Dass ihm dabei das eigene Wohlergehen nie das zentrale Begehren war und ist, verdient hohen Respekt.

Er wird weitermachen, so lange es geht, irgendwie. Denn – und diese Schlusssätze hat er extra nachgereicht: «Es gibt kein Leben nach dem Tod. Geniessen wir das irdische Leben. Im Himmel gibts weder Fasnacht noch Fussball!» Geduld, Silvio, vielleicht kommt das ja auch noch.