KKL: Solistin brilliert allein auf weiter Flur

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter spielt grandios. Ihrer Brillanz kann die Pittsburgh Symphony freilich wenig entgegenhalten.

Roman Kühne
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Lässt es fliessen: Geigerin Anne- Sophie Mutter mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra. (Bild: Lucerne Festival/ Georg Anderhub)

Lässt es fliessen: Geigerin Anne- Sophie Mutter mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra. (Bild: Lucerne Festival/ Georg Anderhub)

Anne-Sophie Mutter (50) ist und bleibt eine Faszination. Ein kurzer Moment der Stille, und dann ist er da, dieser Ton. Auf dem fernen Schauspielrund erzeugt, verzweigt er sich in jede Ecke des Riesenraumes. Überall gleichzeitig, immer unmittelbar nebenan, eine Spur der Intimität, wie sie nur bei wenigen Künstlern entsteht. Trotz jährlicher Auftritte im KKL war dies beim Konzert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra nicht anders. In Antonín Dvoráks Violinkonzert erhält jede Note Ort und Bedeutung.

Nichts ist belanglos, alles sitzt

Sicher, die Interpretation ist an diesem Abend nicht überraschend. Es gibt heute andere, leichtere Spielwege, wie dies etwa Julia Fischers Aufnahme mit dem Tonhalle-Orchester Zürich zeigte. Aber Mutters Gestaltungskraft, ihr üppiger Spielgestus formen eine Einheit von Struktur und Seele. Der Mittelsatz versprüht Romantik, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Die Solistin lässt es fliessen, ein Füllhorn der kompositorischen Einfälle. Oder der brillante Schlusssatz, auch in der Kraft der Eleganz verpflichtet. Nichts ist belanglos, alles sitzt.

Und dann immer wieder dieser Ton. Selbst die hohen Flageolettgriffe haben Volumen. Neben der schlüssig gegliederten Ideenvielfalt ist es Mutters insistente Arbeit mit dem Klang, hohe Kunst und doch so selbstverständlich, die diese Musik reich und üppig macht. Erstaunlich bei einer Geigerin, die praktisch in einem Vakuum spielt.

Denn die Pittsburgh Symphony ist eine Enttäuschung. Unter ihrem Dirigenten Manfred Honeck klingt die Begleitung weitgehend flach und massig. Im ersten Satz wird die Solistin phasenweise zugedeckt. Am ehesten finden Anne-Sophie Mutter und das Orchester noch im Finale zueinander. Sonst wird die Ausformung mehrheitlich der Violinistin überlassen. Selten finden stützendes Spiel und Solo zu Dialog und Innigkeit.

Hohe Lautstärke, dünner Klang

Dies war schon bei der Eröffnung so («Suite aus der Oper Jenufa» von Leoš Janácek). Das Konzept dafür stammte vom Dirigenten des Orchesters, Manfred Honeck. Eigentlich eine Oper mit vielen Ideen und von hoher gesanglicher Qualität, vermochte auch sie nicht zu packen. Wenig schlüssig die Linienführung, inhomogen der Klang, zu schwer und fade die Gestaltung. Ausgerichtet auf schneidende Helle und Lautstärken im oberen Bereich, bildet die Pittsburgh Symphony einen starken Kontrast zu den grösstenteils differenzierten Aufführungen der Gastorchester der letzten zwei Wochen. Das Concertgebouw, die Musiker des Bayerischen Rundfunks, ganz zu schweigen von den Berlinern und dem Festivalorchester – sie alle boten auf ihre Weise Intonationsvielfalt und Gestaltungsreichtum.

Die «typische» amerikanische Tradition von hellen, eher lauten Orchestern wurde hier auf unnötige Spitzen getrieben. Natürlich, wellende Streicherweiten und fesselnde Eruptionen können, dosiert eingesetzt, durchaus einen gewissen Effekt erzielen. Wenn jedoch Manfred Honeck selbst im Fortissimo noch mehr fordert, mag es nicht wundern, dass Elastizität und Abwechslung auf der Strecke bleiben. Fast eine Erlösung ist es, als das Orchester im dritten Bild des «Heldenlebens» (Richard Strauss) längere Zeit ein wenig ruhiger tritt und dem musikalischen Geflecht für einmal Zeit zur Entfaltung gibt – bevor die zwei finalen Sätze die Nuancen wieder mit purer Kraft erlegen.

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