Hochwasserschutz
Am Sempachersee sind keine weiteren Massnahmen geplant – dafür in Sursee ein 6-Millionen-Projekt

Was kann beim Sempachersee gegen erneute Hochwasser unternommen werden? Sylvia Durrer, Projektleiterin Naturgefahren beim vif, erklärt.

Salome Erni Jetzt kommentieren
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Der Seespiegel des Sempachersees senkt sich langsam, das Wasser fliesst Richtung Sursee ab. Nun mag man sich fragen, ob etwas unternommen werden kann, damit Überschwemmungen in Zukunft verhindert werden. Eine Anfrage bei Sylvia Durrer, Projektleiterin Naturgefahren bei der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur des Kantons Luzern bringt Klarheit. Sie erklärt: «Rund um den Sempachersee sind keine Massnahmen geplant.» Denn die Uferschutzzonen würden Bauten weitgehend verhindern. Eine Ausnahme sind Objektschutzmassnahmen direkt an bestehenden Gebäuden.

So sah es vor zwei Wochen am Uferweg beim Sempachersee aus.

So sah es vor zwei Wochen am Uferweg beim Sempachersee aus.

Bild: Pius Amrein (Sempach, 25. August 2021)

Auch der Seespiegel an sich lässt kaum Spielraum zu. Durrer sagt:

«Der heutige Pegelstand ist ein Konsens verschiedener Interessen.»

So befürworten Gemeinden und Seeanstösser einen tiefen Seespiegel als Schutz gegen Hochwasser. Naturschutzzonen und Flachmoore rund um den Sempachersee wiederum sind auf einen höheren Wasserstand angewiesen.

Zuständig für das Festlegen des Pegels ist der Kanton Luzern. Das heute noch gültige Wehrreglement blieb seit dem Jahr 1919 unverändert, obwohl es 1995 Bestrebungen gab, den Seespiegel zu erhöhen. Der Regierungsrat sprach sich damals gegen die Pläne aus.

Das Wehr steht seit langem offen

Selbst wenn gewollt, wäre es nicht einfach, den Seespiegel unten zu halten, erklärt Durrer. Denn:

«Der Sempachersee ist sehr nah an einem unregulierten See.»

Dies beweist der Fakt, dass das Wehr in Oberkirch seit Juni 2020 vollkommen offen steht und beim See damit seit längerem der maximale – und natürliche – Abfluss gewährleistet ist. Trotzdem gelang es nicht, die Überflutungen zu verhindern.

Das Wehr in Oberkirch wird noch von Hand bedient.

Das Wehr in Oberkirch wird noch von Hand bedient.

Bild: Pius Amrein (Archiv)

Den Seepegel tiefer zu halten, wäre nur möglich, wenn der Abfluss erhöht würde, so Durrer. Zusätzliche Kanäle als Ergänzung zur Sure – ob ober- oder unterirdisch – kämen aus Kostengründen dafür aber kaum in Frage. Limitierender Faktor für die Abflussmenge sei sowieso primär das geringe Gefälle des Flussverlaufs zwischen Seeausfluss und Calida, sagt sie.

Ob es eine Möglichkeit wäre, dieses zu erhöhen, prüfte der Kanton bereits im Jahr 2017. Damals wollte er die Stufen, die weiter unten im Flussverlauf auftreten, entfernen, um die Sure fischgängiger zu machen. Dabei kam der Kanton aber zum Schluss, dass eine grossflächige Korrektur des Gefälles nicht praktikabel ist. Grundwasserschutzzonen verunmöglichen das Ausbaggern der Sohle und das Anpassen des Ufers.

Die Altstadt ist das Nadelöhr

Obwohl beim Sempachersee somit kein Hochwasserschutzprojekt vorliegt, sind für die Sure Massnahmen in Planung. Denn auch dort kam es immer wieder zu Überschwemmungen. Vor zwei Jahren beschloss der Regierungsrat das Projekt «Hochwasserschutz und Revitalisierung der Sure sowie Neubau der Wehranlage zur Regulierung des Sempachersees».

Ein Sonderkredit von fast sechs Millionen Franken wurde gesprochen. Diese Massnahme ist nicht mit der Revitalisierung der Sure in der Gemeinde Oberkirch zu verwechseln. Dieses Projekt, das eine rein ökologische Aufwertung darstellt, wurde grösstenteils bereits 2020 umgesetzt.

Hochwasserbecken bei Münigen

Besonders heikel ist die Hochwasserlage im Siedlungsgebiet von Sursee. Nicht nur sei die Sure an dieser Stelle am engsten, sondern auch Massnahmen besonders schwierig zu treffen, sagt Durrer. Sie ergänzt:

«Wir können in der Surseer Altstadt nicht einfach das Flussbett verbreitern, denn dort stehen Gebäude unter Denkmalschutz und das Ortsbild muss bewahrt werden.»

Um zu verhindern, dass die Sure in Sursee über die Ufer tritt, muss das Wasser demnach vorher gesammelt werden. Zu diesem Zweck wird im Bereich Münigen in naher Zukunft ein Hochwasserrückhaltebecken mit einem Rückhaltevolumen von 35'000 Kubikmetern gebaut. Der Abfluss der Sure soll somit auf fünf Kubikmeter in der Sekunde begrenzt werden. Auch dann, wenn die Sure und der flussaufwärts einmündende Hofbach Hochwasser aufweisen.

Ziel der Massnahmen ist es, so die Botschaft des Luzerner Regierungsrats aus dem Jahr 2019, dass auch ein alle hundert Jahre auftretendes Hochwasser schadenfrei durch Oberkirch und Sursee abgeleitet werden kann.

Handbetriebenes Wehr wird ersetzt

Mit dem Projekt des Kantons Luzern wird der Neubau der Wehranlage ebenfalls in Angriff genommen. Denn diese wird heute immer noch von Hand bedient. Da das Wehr künftig automatisch geöffnet und geschlossen werden kann, ist die Reaktionszeit kürzer. Die Steuerung wird mit dem Rückhaltebecken Münigen gekoppelt sein. Projektleiterin Durrer betont aber:

«Die Anweisungen aus dem bisherigen Wehrreglement werden beibehalten, so auch der festgelegte Seepegel.»

Das neue Wehr wird den Seeabfluss also weder generell erhöhen noch senken.

Das Wehr reguliert den Seeabfluss in die Sure, hier bei Oberkirch.

Das Wehr reguliert den Seeabfluss in die Sure, hier bei Oberkirch.

Bild: Boris Bürgisser (Archiv)

Ein Sonderfall tritt ein, wenn der Hofbach bei Sursee Hochwasser aufweist und der Seeabfluss kurzfristig gedrosselt werden muss. Ausschlaggebend dafür ist der Pegelstand im Rückhaltebecken. In diesem Zusammenhang könne es zu einem leichten Anstieg des Seespiegels kommen, schrieb der Regierungsrat 2019. Deshalb seien bei fünf Seeparzellen Objektschutzmassnahmen nötig.

Gemäss Botschaft des Regierungsrats aus dem Jahr 2019 sollten bereits im Jahr 2021 die Bauarbeiten beginnen. Durrer sagt jedoch, dass ein Rechtsverfahren den Fortschritt des Vorhabens blockiere und die Detailplanung noch anstehe. Mit den ersten Baumaschinen sei frühestens 2023 zu rechnen.

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