Apéro im Verkehrshaus
«Ich habe noch nie erlebt, dass man den Bundesrat in Luzern am ‹Tschoope› anfassen kann»

Die Bevölkerung macht vor allem Selfies, Luzerner Politiker weibeln für den Durchgangsbahnhof und den Bypass – alle wollen etwas vom Bundesrat, wenn er schon mal in Luzern weilt.

Roman Hodel 12 Kommentare
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Der grosse Moment ist am Mittwoch um 12.39 Uhr. Mit funky Musik einer Liveband, wie man es eher von Late-Night-Shows im TV kennt, betritt der Bundesrat unter Applaus die Halle Luftfahrt im Verkehrshaus Luzern. Diese ist gut gefüllt. Hunderte Besucherinnen und Besucher drängen sich im Erdgeschoss oder beugen sich über das Geländer im ersten Stock. Viele zücken das Handy. So etwas will gefilmt sein. Wieder andere interessieren sich vor allem für den offerierten Weisswein und die Käseplättli.

Viel Volk beim Apéro in der Halle Luftfahrt.

Viel Volk beim Apéro in der Halle Luftfahrt.

(Bild: Patrick Hürlimann, Luzern, 13. Oktober 2021)

«Es freut mich rüüdig, dass ich heute bei Ihnen in Luzern sein darf», sagt Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) am Rednerpult ins Mikrofon und hat damit das Gros der Anwesenden im Sack. «Ich habe das gut gelernt», schiebt er mit Humor nach. Dann wird's ernst: «Demokratie lebt nicht von Einhelligkeit, sondern von Auseinandersetzung», sagt Parmelin. «Streiten ist okay, aber man muss gemeinsam nach Lösungen suchen.» Er sagt dies natürlich in Richtung Corona-Massnahmengegner.

Bundespräsident Guy Parmelin in der Halle Luftfahrt im Gespräch mit einem Besucher.

Bundespräsident Guy Parmelin in der Halle Luftfahrt im Gespräch mit einem Besucher.

Bild: Patrick Hürlimann (Luzern, 13. Oktober 2021

Rimoldi ärgert sich zigarrenrauchend über die Zertifikatspflicht

Von diesen sind kaum welche in der Halle auszumachen. Was wohl am benötigten Covid-Zertifikat liegt und an den vielen zivilen Polizisten und Sicherheitsleuten. Gefühlt jede zweite Person trägt einen Knopf im Ohr. Derweil demonstrieren vor dem Verkehrshaus rund 60 Personen. Unter ihnen Mass-Voll-Gründer Nicolas A. Rimoldi. Zigarrenrauchend erklärt er:

«Nein, wir sind nicht da zum Demonstrieren, sondern unser Ziel ist ein Gespräch mit Alain Berset.»

Wozu es indes nicht kommen wird. An den Apéro gehen werde er ohnehin nicht. «Wir finden die Zertifikatspflicht nicht legitim. Damit treibt der Bundesrat die Spaltung der Gesellschaft voran», so Rimoldi.

Demo der Massnahmengegner vor dem Verkehrshaus.

Demo der Massnahmengegner vor dem Verkehrshaus.

Bild: Peter Schneider/Key (Luzern, 13. Oktober 2021)

Zurück in der Halle, wo man dem Bundesrat tendenziell wohlgesinnt ist. Da ist Familie Zehnder aus Davos. Sie macht vier Tage Bikeferien in Luzern und ist heute aus Wettergründen im Verkehrshaus gelandet. «Dass der Bundesrat hier ist, wussten wir gar nicht», sagen sie und freuen sich über den Gratis-Apéro. Nein, eine Frage hätten sie nicht an ihn. Der Vater sagt nur: «Wenn ich kann, klopfe ich Alain Berset auf die Schulter.»

Die meisten wollen den Gesundheitsminister treffen

Überhaupt Alain Berset (SP). Vor allem ihn, den Gesundheitsminister, wollen die Leute treffen. «Ich wies Herrn Berset darauf hin, dass der PCR-Test mit Vorsicht zu geniessen sei – verwenden alle Testzentren dasselbe Referenzvirus?», sagt Severin Thaler (32) aus Luzern. Leider habe er keine befriedigende Antwort erhalten. Die Covidmassnahmen sieht Thaler «differenziert», wie er sagt: «Selbst wenn der Bundesrat gute Berater haben sollte, sind diese nicht unfehlbar, da sie mit unvollständigen Informationen und unter internationalem Druck Entscheidungen fällen müssen. Auch sind sie nicht frei von Eigeninteressen.»

Andere wollen Berset einfach mal danken: «Er hat einen der schwierigsten, wenn nicht sogar aktuell den schwierigsten Job in der Schweiz», sagt Philip Schumacher (22) aus Root und zeigt das Selfie. Berset habe etwas überrascht auf das Danke reagiert. Was den Studenten nicht verwundert. Er sagt:

«Es gibt ja momentan so viel Hass in der Schweiz.»
Bundesrat Alain Berset war ein gefragter Mann im Verkehrshaus.

Bundesrat Alain Berset war ein gefragter Mann im Verkehrshaus.

Bild: Peter Schneider/Key (Luzern, 13. Oktober 2021)

Ein Selfie mit Berset gemacht hat auch Dragana Briand (55) aus Sursee: «Ich finde es toll, dass man sich mit ihm fotografieren kann.» Berset sei in der letzten Zeit omnipräsent gewesen im TV «und bei uns in der Pflege, wo ich arbeite». Sie findet, er mache einen guten Job, «ich schätze seine Arbeit und möchte jedenfalls nicht seine Entscheidungen treffen müssen». Mit ihm gesprochen habe sie aber nicht. «Das getraue ich mich nicht.»

Diesen Mut hat Georges Bühlmann (90) aus Luzern – allerdings sprach er nicht mit Berset, sondern mit Parmelin: «Ich fragte ihn, wo sein Dorf, dieses Bursins, sei.» Er habe geantwortet, dass es in der Mitte zwischen Genf und Lausanne liege. «Da sagte ich, aha, Die Mitte!», so Bühlmann in Anspielung auf den neuen CVP-Namen. Parmelin habe beide Augen zugekniffen, gelacht und gesagt: «Ich hab's verstanden.» Bühlmann schwärmt:

«Ich habe noch nie erlebt, dass man fast alle Bundesräte in Luzern am ‹Tschoope› anfassen und Grüezi sagen kann.»

Werbetrommel rühren für grosse Verkehrsprojekte

Die hohe Bundesratsdichte kommt nicht zuletzt Luzerner Politikern gelegen. Regierungspräsident Marcel Schwerzmann (parteilos) und Luzerns Stadtpräsident Beat Züsli (SP) im Namen der Städte Luzern und Kriens rühren die Werbetrommel für den Durchgangsbahnhof und die Bypass-Autobahn. «Es ist zentral, dass der Bund und Kanton und die betroffenen Gemeinden bei der Planung eng zusammenarbeiten und aufeinander zugehen», sagt Schwerzmann am Rednerpult etwa zum Bypass. Und Züsli doppelt nach: «Eine siedlungsverträgliche Gestaltung mit grösstmöglicher Einhausung ist ein zentraler Wunsch der Bevölkerung.» Er erwähnt überdies, dass die erste Autobahn der Schweiz bei Kriens eröffnet wurde, bezahlt durch den Kanton Luzern, ohne Bundeshilfe. Züsli sagt mit einem Schmunzeln:

«Das soll jetzt aber keine Aufforderung sein für zukünftige Projekte.»

Ganz zum Schluss doch noch ein Aufbegehren der Demonstranten

Nach gut drei Viertel Stunden ist der Spuk vorbei. Begleitet wiederum von funky Musik, verlässt der Bundesrat die Halle Luftfahrt und macht sich auf den Weg zum nächsten Programmpunkt – dem Mittagessen. Vor dem Verkehrshaus gibt es dann doch noch ein kurzes Aufbegehren der Demonstranten. Diese müssen von den Polizisten von einem Gittertor «weggedrängt» werden, wie es Christian Bertschi, Sprecher der Luzerner Polizei, formuliert. Nur so kann der Bundesratskonvoi Richtung Innenstadt davonfahren. Man habe jedoch keine Mittel einsetzen müssen und Wegweisungen seien keine nötig gewesen. Bertschi fasst es so zusammen: «Das Treffen der Bevölkerung mit dem Bundesrat konnte ereignisfrei durchgeführt werden.»

Video geschnitten Verkehrshaus
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So war der Anlass im Verkehrshaus Luzern.

Video: PilatusToday
12 Kommentare
Delfi Levis

...und es sind gerade die Uneinsichtigen, die über Freiheitsberaubung jammern,  die die Freiheit der anderen einschränken. Das ist, gelinde gesagt, egoistisch.

Peter Isenring

Wir sind mit einer Gruppe in Norwegen und genießende maskenlose Leben, das bei uns in der Schweiz auch sein könnte, wenn sich mehr impfen lassen würden😏

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