Sie sind gesund, sie sind ökologisch, und sie bieten ein neues Geschmackserlebnis. Und doch: Zum grossen Renner sind Speiseinsekten bisher nicht geworden.

Vor eineinhalb Jahren hat Coop als erster Detailhändler Insekten ins Regal genommen. Es begann mit Insektenbällchen und -burgern. Dann kam der Insektenriegel sowie drei verschiedene Snackmischungen mit ganzen Mehlwürmern und Grillen hinzu. Coop spricht von zufriedenen Kunden und einer stabilen Nachfrage. Und doch: Der grosse Durchbruch ist ausgeblieben. «Es ist sicher so, dass diese Art von Produkten in einer Nische zu Hause ist», sagt Mediensprecherin Yvette Petillon.

Die Migros ist vor vier Monaten ins Geschäft eingestiegen. Im Angebot: getrocknete Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken. Zum Absatz äussert sich die Migros positiv. Ein Umsatztreiber sind die Insekten allerdings nicht. So sind sie einzig in grösseren Filialen mit ausländischem Lebensmittelangebot zu finden.

Viermal teurer als Rindfleisch

Opfer der zögerlichen Entwicklung ist der Schweizer Pionierbetrieb für die Aufzucht von Insekten, Entomos, geworden. Im Luzerner Hinterland wollte die Firma einst 80 Tonnen Insekten pro Jahr produzieren. Der Erfolg blieb indes aus.

Vor kurzem verkaufte die Andermatt-Gruppe die Firma an ein Start-up, das sich mit Nahrungsmitteln der Zukunft befasst. Der Zuchtbetrieb in Grossdietwil wurde geschlossen. Produziert wird neu in Zusammenarbeit mit der Insekterei in Freienbach; allerdings in viel kleineren Dimensionen.

Dass sich das Geschäft mit den Insekten nur zögerlich entwickelt, dürfte auch mit den hohen Preisen zusammenhängen. Die Mehlwürmer als günstigste Insektenart kosten in der Migros 130 Franken das Kilo; für Heuschrecken beträgt der Kilopreis gar 460 Franken. Daneben erscheint ein Kilogramm Rindsfilet mit einem Preis von 100 Franken geradezu günstig.

Vertreter der Insektenbranche wollen trotzdem nicht von einem Misserfolg sprechen. Christian Bärtsch ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Zürcher Insektenverarbeiters Essento, der unter anderem Coop beliefert. Er sagt: «Ernährungsgewohnheiten zu verändern, braucht Zeit. Auch der rohe Fisch beim Sushi musste sich die Akzeptanz über Jahre erarbeiten.»

Schweiz ist Pionierland für Speiseinsekten

Bärtsch gibt sich überzeugt, dass die Nachfrage Schritt für Schritt wachsen wird. Auch den Preisnachteil sieht er schwinden. Die Fleischindustrie habe sich über Jahrhunderte optimiert, sagt Bärtsch. «Sobald wir über stabile und effiziente Zuchtsysteme verfügen, werden Insekten preislich konkurrenzfähig sein.» Mittelfristig sieht er die Insekten gegenüber dem Fleisch preislich gar im Vorteil, da sie deutlich weniger Futter benötigen als Rinder, Schweine oder Hühner.

Während die Migros ihre Speiseinsekten fixfertig aus den Niederlanden importiert, bezieht Essento einen Teil der Tiere aus der Schweiz. Das Partnerunternehmen Ensectable aus dem Aargau hat im September den Betrieb aufgenommen und verfügt über eine Kapazität von jährlich 12 Tonnen. Bärtsch glaubt an die Schweizer Aufzucht, auch wenn der Preis derzeit etwa doppelt so hoch liegt wie für Tiere aus dem europäischen Ausland.

Sein Blick richtet sich auf die Europäische Union, wo ab nächstem Jahr Speiseinsekten für die ganze EU zugelassen werden. Die Schweiz gehört neben den Niederlanden und Belgien zu den Pionierländern in Europa. Dementsprechend gross sei das Wachstumspotenzial im Ausland, sagt Bärtsch. Während Essento Geschäftschancen wittert, winkt dem Schweizer Konsumenten eine grössere Auswahl an Speiseinsekten. Denn: Sobald eine Insektenart in der EU zugelassen wird, darf sie auch in der Schweiz verkauft werden. Roger Braun