Multilevel-Marketing

Wundersamer «Wellness-Drink» vom ehemaligen Kreditkarten-Dealer

Der deutsche Geschäftsmann Alexander Herr bewirbt einen «Wundersaft» auf Basis der Acai-Beere. Früher sorgte er mit einer anderen Geschäftsidee für massive Negativschlagzeilen. Nun soll der Saft im ganzen deutschsprachigen Raum beworben werden.

«7000 Euro in 4 Wochen für Sie?» Oder: «Vom Start weg in den ersten 30 Tagen teilweise 1000 Euro oder mehr wöchentlich verdienen.» Das verspricht der deutsche «Wahlschweizer» Alexander Herr seit Monaten auf Facebook. «Sie werden sehen, wie einfach es ist, in einem TOP Team noch Geld zu verdienen», verkündete er verzückt.

Herrs Geschäftsgeheimnis: Monavie, ein «Wellness-Drink» aus den USA. Per Multilevel-Marketing (MLM) wird das Getränk unter die Leute gebracht. Der in einer edlen Flasche angebotene Saft kostet um die 50 Franken, enthält ein Konzentrat aus diversen Früchten und der «Acai»-Beere aus Brasilien.

Verdienen tun nur wenige

Wer bei MLM-Firmen anheuert, soll auch weitere Verkäufer anwerben, steigt in der Hierarchie auf und verdient dank einem Bonussystem mehr. Die Realität sieht meist anders aus: Die Superlöhne bleiben aus, den grossen Reibach machen in der Regel die Initianten.

Grund: MLM-Einstieger rekrutieren meist zuerst ihre Verwandten - danach wird es für viele schwierig, weitere Leute zu finden. Eine Analyse des «Income Disclosure Statement» Monavies von 2008 zeigt: Die Top 1 Prozent der Vertriebler sackten 65 Prozent aller Kommissionen ein. 91 Prozent aber erhielten keinerlei Auszahlungen.

Diese Daten wurden auf Wikipedia veröffentlicht. Später löschte ein Monavie-Mitarbeiter dort die Erwähnung des unbequemen Dokuments. Auch sonst veränderte deren Personal den Wikipedia-Eintrag mit grossem Eifer.

Ein Wundermittel? Bewiesen ist nichts

Bereits 2009 war Alexander Herr mit «Bio Life Slim» unterwegs, einem Drink, der schlank machen soll - er selbst habe damit 18 Kilo verloren, behauptete er. Wie jetzt Monavie brachte er «Slim» per MLM unter die Leute.

Monavie wurde 2005 in den USA gegründet. Dabei beteuerten einige Vertriebler immer wieder, der Drink bestehe aus gesundheitsfördernden Stoffen. Diese Behauptungen wurden nie wissenschaftlich erwiesen oder von den Regulierungsbehörden geduldet.

Heute wird Monavie gerne als «Superdrink» beworben. Die Rede ist von «Antioxidantien bis zur Unterstützung gesunder Knorpel». Fachmagazine warnen immer wieder vor übertriebenen Behauptungen, die Acai-Beere sei ein medizinisches Allzweckmittel.

Ex-Firma des Mitgründers warb mit Krebs-Heilung

Monavie-Mitgründer Dallin Larsen sass bereits bei einer anderen MLM-Firma mit im Boot. Jenes Unternehmen bewarb einen anderen «Super-Drink» mit Behauptungen, dass das Wässerchen Krebs oder Arthritis heile. Larsen verliess die Firma 2002, sie wurde ein Jahr später von der amerikanischen Gesundheitsbehörde «Food and Drug Administration» (FDA) geschlossen.

Nun hat Herr diverse Werbereisen durch die Schweiz und Deutschland hinter sich.

Er veranstaltete die so genannte «Extravaganza-Tour» mit seinem amerikanischen Verkäufer-Kumpel Calvin Becerra, der es dank Monavie zu sagenhaftem Reichtum gebracht haben soll.

Herr und Becerra sind zwar prominente Monavie-Anpreiser, an einen anderen Verkäufer kommen sie aber noch nicht heran: Orrin Woodward. Der Amerikaner vertickert in Megashows vor hunderten Leuten Verkäufer-Tools (Software, Bücher) für Monavie. Finanzexperten von «Forbes Magazine» bezeichneten Woodwards Verkaufspraktiken als «Pyramide auf der Pyramide».

Aufsichtsbehörde warnt

Derweil warnt Manuel Richard von der Schweizer Lotterie- und Wettbewerbskommission Comlot: «Wir raten bis auf Weiteres allen Interessierten davon ab, beim Geschäftsmodell Monavie mitzumachen.»

«Kommt zudem der Entwurf für die Änderung des Gesetzes gegen den Unlauteren Wettbewerb im Parlament wie geplant durch, ist ab 1. Januar 2012 mit allen Schneeballsystemen Schluss, auch mit Monavie», meinte Richard gegenüber der «az Aargauer Zeitung».

Klar ist: Die Monavie-Macher wollen im deutschen Sprachraum ihr Geschäft ganz gross aufziehen. Sie haben dafür extra eine Gesellschaft gegründet und dutzende Anträge beim Markenschutz-Amt hinterlegt. Weitere Werbetouren sind geplant.

Mit Pseudo-Kreditkarten für massiven Ärger gesorgt

Der «gelernte Metaller» Alexander Herr sorgte in der Vergangenheit für massiven Ärger. Damals vertickerte er aus Deutschland und der Schweiz die Pseudo-Kreditkarte Eypocard aus Lettland durch die Firma Eypo. Die Eypocard war eine «Prepaid»-Kreditkarte, die man zuerst «aufladen» muss, bevor man sie nutzen kann.

Im Firmengeflecht der Eypo traf man unter anderem auch auf Stefan Oberholzer und Guido Colombo - beide mischten beim Millionen-Projekt der «rauchfreien» Zigarette NicStic mit.

Das Firmengeflecht um NicStic wurde von der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma erst nach Jahren stillgelegt. Etliche Kleinanleger verloren durch die NicStic-Blase ihr Geld, die NicStic gab jahrelang vor, an der Börse der nächste Überflieger zu werden.

Auch Alexander Herrs Eypo AG war dem Untergang geweiht. Jahrelang machte die Firma vor allem mit Negativschlagzeilen von sich reden. Die Kundenzufriedenheit war im Keller, das Backoffice der Eypo stand völlig neben den Schuhen. Ein ausrangierter BMW der Eypo war damals neben der Firma parkiert, darin Geschäftskorrespondenz in Güselsäcken.

Die Wirren um Eypocard entmutigten Herr nicht, danach hatte er bei der Debitcard AG die Finger im Spiel - auch sie spezialisiert sich auf «Prepaid»-Kreditkarten.

Schweizer-AG-Beratung für 3900 Euro

Alexander Herrs Umfeld tanzt auf verschiedenen Hochzeiten. So nahm seine Frau Ilze Lauberte in Herrs Firma Intma Internet & Marketing AG Platz.

Diese «Internetfirma» beriet Kunden zu einer «Neugründung einer Schweizer Aktiengesellschaft für unter 3900 Euro». Ilze Lauberte-Herr betätigt sich als Multiverwaltungsrätin in diversen Aktiengesellschaften, unter anderem bei der Atlas Hotelbetriebs AG. In Deutschland wurde gegen diese Firma das Insolvenzverfahren eröffnet (Aktenzeichen 404 IN 383/10).

Alexander Herr arbeitet nicht nur als erfolgreicher Vertriebler, der ein «Traumauto» in der Garage stehen hat. Nebenbei geht er offenbar immer noch seinen Industriemechaniker-Wurzeln nach. In der HERR Industry System AG hat er inzwischen auch Platz genommen.

Die «az Aargauer Zeitung» gab Alexander Herr Gelegenheit zur Stellungnahme. Zu allen Fragen betreffend Monavie meinte er: «Ich bin "Unabhängiger Distributor" und von daher keinesfalls mit Monavie in einem Arbeitsverhältnis, dass ich als solcher befugt wäre Ihnen Auskünfte hierzu zu erteilen.» Weiter meinte er: «Ich kann Ihnen versichern, dass ich mit meiner Monavie Partnerschaft zufrieden bin, da ich ausschliesslich mit Menschen und Unternehmen zusammenarbeite, die ich mir selbst aussuche und wo ich möchte.»

Auf weitere Fragen ging Alexander Herr nicht ein.

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