Analyse

Wirtschaftswissenschafter Richard Thaler ist ein zu pragmatischer Nobelpreisträger

Nobelpreisträger Richard Thaler zeigt, wie sich das Verhalten der Menschen mit etwas List beeinflussen lässt.

Nobelpreisträger Richard Thaler zeigt, wie sich das Verhalten der Menschen mit etwas List beeinflussen lässt.

Der aktuelle Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler ist ein grosser Pragmatiker. Er erforscht und findet praktische Ansätze, mit deren Hilfe reale sozial- und wirtschaftspolitische Probleme gelöst oder wenigstens gelindert werden können. Und Thalers Ideen sind erfolgreich, wie der Amerikaner selber feststellt: «Unsere Forschung hat die Pensionssysteme rund um die Welt im grossen Stil verändert», erklärte der 72-Jährige am Montag schon dem ersten Anrufer aus Stockholm.

Ein Vorzeigefall des Professors ist Grossbritannien. Vor bald fünf Jahren führte die britische Regierung unter David Cameron landesweit ein System für die private betriebliche Altersvorsorge ein. Gleich wie das Schweizer BVG hat auch das britische System den Zweck, die Leistungen der staatlichen Altersversicherung zu ergänzen. Sämtliche Berufstätige ab dem Alter von 22 Jahren und einem Jahreslohn von 8000 Pfund wurden aufgefordert, einen Teil ihres Gehaltes in den Pensionsfonds einzuzahlen. Das heisst, sie wurden nicht aufgefordert, sondern vielmehr darüber informiert, dass die Einzahlung ohne gegenteiligen Bericht (opting out) automatisch erfolge. Der Trick war überaus erfolgreich. Von den 10 Millionen Personen, die sich für eine Teilnahme an dem Pensionssystem qualifizierten, entschied sich nur etwa jeder Zehnte aktiv, das Angebot zurückzuweisen. Es war Thaler, der der britischen Regierung empfohlen hatte, diesen «Nudge» einzubauen, also die Versicherten sanft in die private Altersvorsorge hineinzuschubsen.

Erfolgreich war die Regierung Cameron insbesondere vor dem Hintergrund, dass mehr als ein Drittel der britischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch kurz vor der Einführung des Pensionssystems erklärt hatten, dem staatlichen Sparaufruf keine Folge zu leisten. 45 Prozent der Befragten, die noch keinem privaten Pensionssystem angeschlossen waren, sagten, sie könnten sich eine zusätzliche Ersparnis nicht leisten. 20 Prozent erklärten, sie müssten zuerst Schulden zurückzahlen.

Spezialabteilung für subtile Bürgererziehung

Apropos Schulden: Die verhaltenspsychologischen Erkenntnisse, die das Fundament des «nudging» bilden, kamen der britischen Regierung auch zu Hilfe, als es darum ging, die notorisch schlechte Zahlungsmoral der britischen Steuerzahler zu verbessern. Statt einfach nur Mahnbriefe zu versenden, packte die von Cameron installierte Spezialabteilung für subtile Bürgererziehung, das «Behavioural Insight Team», die ärgsten Steuersünder bei der Ehre: «Keine Steuern bezahlen bedeutet, dass wir alle bei wichtigen öffentlichen Leistungen wie dem Gesundheitssystem, dem Strassenbau oder dem Schulwesen Leistungskürzungen hinnehmen müssen.» Der Wink mit dem Zaunpfahl soll gewirkt haben. Nach Regierungsangaben habe sich die Zahlungsdisziplin deutlich verbessert.

Thaler wird sich mit Bezug auf die Erfolge beim Pensionssystem zu Recht sagen können, ein offenkundiges Problem sei immerhin entschärft worden. Doch der Professor wird sich gleichzeitig eingestehen müssen, dass seine Ideen vor allem auch der Symptombekämpfung Vorschub leisten. Nicht von ungefähr ist Grossbritannien eines jener Länder in der industrialisierten Welt, in denen die Einkommensschere in den vergangenen 20 Jahren am stärksten auseinandergegangen ist. Wenn die Briten spontan kein Geld fürs Alter zur Seite legen, dann muss dem nicht einfach ein irrationales Verhalten beziehungsweise die Unfähigkeit, vorausschauend zu handeln, zugrunde liegen, wie dies die Theorien der Verhaltensökonomen suggerieren. Das Problem kann ganz einfach darin bestehen, dass es eine breite Schicht in der britischen Gesellschaft gibt, die zu wenig verdient. Statt zu «nudgen», hätte sich Cameron also auch fragen können, ob er die Mindestlöhne herauf- oder die Steuern für Tieflohnbezüger heruntersetzen sollte. Auch dazu hätte er sich von Ökonomen hilfreiche Ratschläge holen können.

Symptome bekämpfen schadet

Aber solche Entscheidungen sind für jede Regierung naturgemäss unangenehmer, weil sie eine Umverteilung bewirken, bei der es nebst Gewinnern eben auch Verlierer gibt. Aber eine Regierung, die diese Bezeichnung verdient, muss auch den Mut haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen und sich dem Risiko einer Abwahl auszusetzen. Genau das war und ist aber nicht die Stärke von Politikern wie Tony Blair, David Cameron, Barack Obama oder Angela Merkel, und man ist geneigt zu vermuten, dass dies auch der tiefere Grund sein könnte, weshalb just diese Regierungschefs so viel Freude an Thalers Ideen des «nudging» haben. Aus eigener Erfahrung wissen wir aber alle: Symptombekämpfung ist langfristig schädlich für die Gesundheit.

Meistgesehen

Artboard 1