Könige der Schweiz

Wie Zweifel die Chips-Konkurrenz abhängte

Hansheinrich Zweifel: «Esse täglich Chips, aber nicht kiloweise.»

Hansheinrich Zweifel: «Esse täglich Chips, aber nicht kiloweise.»

Hansheinrich Zweifel ist Firmenpatron von Zweifel. Damit ist er quasi «Chips-König». Um sein Reich aufzubauen, schreckte der 80-Jährige selbst vor Werkspionage nicht zurück.

Die Autotüre öffnet sich und mit Unterstützung seiner Assistentin steigt Hansheinrich Zweifel aus. Die gestreifte Krawatte und der hellbeige Anzug sind etwas gross geraten, doch Zweifel fühlt sich sichtlich wohl darin. Nur die Frisur ist nicht nach seinem Geschmack. Der Patron wollte das Fotoshooting bereits verschieben, weil er vorher noch zum Coiffeur wollte. Er willigte erst ein, als er erfuhr, dass er seine Haarpracht mit einer Krone verdecken kann.

Der 80-Jährige ist erfrischend offen. Er steht dazu, dass er eitel ist. Und die Bezeichnung «Chips-König» bringt ihn nicht in Verlegenheit: «Das steigt mir nicht zu Kopf», sagt er schmunzelnd. Auf der Fahrt vom Wohnort Zürich Höngg zur Fabrik in Spreitenbach war die Amtsbezeichnung offenbar trotzdem ein Thema. Kaum ausgestiegen, fragt er CEO Mathias Adank, der die Firma seit elf Jahren führt: «Herr Adank, wenn ich der König bin, was sind dann eigentlich Sie? Kanzler? Reichsverweser? Oder Grosswesir?» Beide lachen.

Chips aus dem Hause Zweifel sind in der Schweiz mehr als ein Snack. Wie Aromat, Ovomaltine oder Rivella gehören sie quasi zum kulinarischen Erbe des Landes. Das war nicht immer so: «Als wir Ende der Fünfzigerjahre angefangen haben, in der Schweiz Chips herzustellen, wussten die Leute noch gar nicht, was Chips sind», erinnert sich Zweifel. Das änderte er mit einem geschickten Werbefeldzug: Jeden Samstag liess er mit zehn VW-Bussen – verziert mit dem Zweifel-Logo – Chips-Müsterchen verteilen. «Ein Biss sagt mehr als 1000 Worte», lautete Zweifels Motto.

So enthusiastisch der Unternehmer Konsumenten umgarnte, so entschieden bekämpfte er Konkurrenten. Als die italienische Firma PAS 1962 im Tessin eine Zweigniederlassung eröffnen will, betreibt Zweifel sogar Werkspionage. «Heute würde ich verfolgt wie Edward Snowden», sagt er rückblickend und grinst. An Allerheiligen stattet er dem unliebsamen Mitbewerber einen Besuch ab. «Ich ging davon aus, dass die Fabrik an diesem katholischen Feiertag leer steht, weil die Tessiner in der Kirche, auf dem Friedhof oder in der Beiz sind», so Zweifel. Er hat richtig spekuliert. Mit Klimmzügen zieht er sich am Fenster hoch und entdeckt im Lager Tausende Metallverkaufsstände. Er selbst hat nur 100 bestellt. Hinzu kommen beunruhigende Gerüchte: PAS wolle zwei Millionen Franken für Werbung ausgeben, habe 50 Verkaufschauffeure und wolle den Frischservice wöchentlich durchführen, also Woche für Woche bei den Kunden vorbeifahren, verfallene Chips einsammeln und gratis neue in die Regale stellen.

Zweifel reagiert: Er kauft 900 zusätzliche Verkaufsregale, vergrössert das Werbebudget und verbessert den Frischservice. Bis dahin tauscht Zweifel nur in Zürich alle zwei Wochen die Chips-Tüten aus. Mit PAS im Nacken führt er den Service schweizweit ein. Das ist zwar teuer, zahlt sich aber aus. Nach zehn Jahren Kampf kauft Zweifel den Schweizer Teil von PAS auf: «Die Konkurrenz hat uns indirekt geholfen. So wussten wir: jetzt oder nie.» In den folgenden Jahrzehnten wächst Zweifel rasant. Heute produziert das Familienunternehmen jährlich 6500 Tonnen Chips und hält in der Schweiz einen Marktanteil von rund 70 Prozent.

Hansheinrich Zweifel trat 2008 als Verwaltungsratspräsident der Zweifel Pomy-Chips AG zurück, nachdem er das Unternehmen 50 Jahre lang geführt hatte. «Heute bin ich nicht mehr Chef, sondern Patron», sagt er. Sein «Chips-Hirni» stelle er jedoch nicht ab. Im Gegensatz zu früher werde er aber heute nicht mehr «verruckt», wenn eine Idee von ihm nicht umgesetzt werde. Die Chemie zwischen Patron Zweifel und CEO Mathias Adank stimmt. Das ist keine Selbstverständlichkeit: «Ich sähe es gerne, wenn eines meiner Kinder das Unternehmen einst übernehmen würde», sagt Zweifel.

Diese scheinen aber etwas zu zögern. Die Tochter und ein Sohn sitzen zwar seit einigen Jahren im Verwaltungsrat, die operative Führung überlassen sie aber Adank. Was passiert mit ihm, wenn die jungen Zweifel doch noch Appetit bekommen auf den Posten? «Darüber mache ich mir keine Sorgen», sagt Adank. Er hat keine Angst, nach all den Jahren an der Spitze des Familienunternehmens von heute auf morgen abgesetzt zu werden: «So tickt die Familie Zweifel nicht.»

Wie das Familienunternehmen Zweifel tickt, zeigt sich beim Fotoshooting. Zwei junge Mitarbeiterinnen geraten ganz aus dem Häuschen, als sie Hansheinrich Zweifel erkennen: «Dürfen wir ein Foto mit Ihnen machen?» Kurz darauf posiert der Patron wie ein Popstar mit den zwei Frauen. Ohnehin blüht Zweifel vor der Kamera richtig auf: «Ich koste 100 Franken pro Minute, die Rechnung schicke ich Ihnen dann», sagt er flachsend zum Fotografen. Hat man als Chips-König der Schweiz noch offene Wünsche? «Ja, es wurmt mich, dass wir im Ausland keinen Erfolg haben. Ich habe es aber noch nicht aufgegeben», sagt er und blickt vielsagend zu Mathias Adank. Der nimmt es lächelnd zur Kenntnis.

Meistgesehen

Artboard 1