Jeder dritte Exportfranken geht auf das Konto der Pharmaindustrie. Aktuell generiert sie 25 Milliarden Franken Wertschöpfung pro Jahr und beschäftigte 42'000 Personen in der Schweiz.

Über 16'000 neue Jobs entstanden seit 2000 – gleichzeitig wurden in der restlichen Industrie gut 18'000 Stellen abgebaut. In 15 Jahren wuchs die Pharma im Mittel um acht Prozent pro Jahr – so stark wie keine andere Branche in der Schweiz.

Auch die Produktivität ist im Schnitt viermal höher als anderswo: Pro Arbeitsstunde erwirtschaftet die Pharma mehr als 320 Franken, im gesamtwirtschaftlichen Mittel liegt der Wert um 80 Franken.

Dass sich ein Superlativ an den nächsten reiht, ist nicht selbstverständlich. In den 80er-Jahren war die Pharma noch ein Anhängsel der Chemie. Längst hat sie diese in den Schatten gestellt.

Um die Dynamik zu verdeutlichen, liess der Branchenverband Interpharma eine Studie über die Bedeutung der Industrie erstellen. Das Ergebnis der Forschungsinstitute Polynomics und BAK Basel: Abgesehen von den hohen Export- und Produktivitätswerten hat die boomende Branche einen positiven Nebeneffekt auf Zulieferer.

Pro Wertschöpfungsfranken der Pharma werden zusätzlich 80 Rappen in angegliederten Branchen erwirtschaftet.

Das Pharmaland

Und die Aussichten stimmen optimistisch. Wie an der gestrigen Medienkonferenz vermittelt, sollen bis 2025 weitere 8000 Arbeitsplätze entstehen. Einen Anfang machen die US-Unternehmen Celgene und Biogen.

Celgene investiert in Neuenburg. Biogen wird 2019 eine Produktionsstätte im solothurnischen Luterbach eröffnen und mindestens 400 neue Stellen schaffen.

Zwei Dinge sind an dieser Entwicklung interessant: Erstens gilt längst nicht mehr nur Basel als Pharma-Standort. Zwar arbeiten im Rheinknie weitaus am meisten Pharma-Angestellte. Doch gilt unterdessen fast die ganze Schweiz als Pharma-Hub. Bereits in 16 Kantonen sind Firmen angesiedelt (siehe Grafik).

Der zweite Aspekt: Obwohl die hiesigen Pharmafirmen gut 50 Prozent ihrer Produkte nach Europa exportieren, trifft sie der ungünstige Euro-Wechselkurs weniger als andere Branchen. Und weil die Pharma viel nach Nordamerika sowie nach Brasilien, Russland, Indien und China exportiert, handelt sie mit dem günstigeren Dollar-Wechselkurs.

Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt ausserdem, dass ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld die Pharma nicht zwingend belastet, wie Michael Grass von BAK Basel sagt: «In Krisen steigt die Bedeutung der Pharma im Vergleich zu anderen Branchen.»

Stephan Vaterlaus, Geschäftsführer von Polynomics, erklärt die Krisenresistenz so: «Die Nachfrage nach medizinischer Versorgung ist nicht von wirtschaftlichen Zyklen abhängig.»

Hinzu kämen strukturelle Entwicklungen, welche die Nachfrage weiter ankurbeln: Die Gesellschaft wird weltweit älter, eine breitere Schicht verfügt über mehr Geld – und mit dem steigenden Alter kommen chronische Krankheiten hinzu. Das bedeutet unter dem Strich: Die Nachfrage nach Medikamenten steigt zusehends.

SVP-Initiative als grösstes Risiko

Doch es gibt sie auch, die Fallstricke: Wenn die «Verfügbarkeit von Mitarbeitern» als Risiko erwähnt wird, ist die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative gemeint. Denn im Vergleich zur Gesamtwirtschaft (24 Prozent) beschäftigt die Pharma überdurchschnittlich viele Ausländer (65 Prozent).

Das gilt nicht nur für die grossen Firmen. Auch Walter Hölzle, Präsident des Branchenverbands Vips, der grössere und kleinere Firmen vertritt, sagt, die Rekrutierung von Fachleuten und Spezialisten aus dem Ausland sei für die Branche «elementar».

Denn die Schweiz könne niemals alle Fachkräfte selbst ausbilden. Hölzle warnt: «Ohne hoch spezialisierte Fachleute kann die Schweiz mit anderen Standorten nicht mehr konkurrieren.»

Die politische Botschaft

Freilich hat die Branche auch andere innenpolitische Stolpersteine zu bewältigen – etwa als der Bundesrat die Medikamentenpreise dem Ausland angepasst und damit um rund 20 Prozent gesenkt hat.

Verbunden mit dem starken Franken sei das vor allem für das Schweizer Geschäft hartes Brot gewesen, sagt Hölzle. «Die Medikamentenpreise wurden dem Ausland angepasst, aber die Produktions- und Infrastrukturkosten, allen voran die Löhne sind hoch geblieben.»

In diesem Zusammenhang ist die gestern publizierte Studie, die laut Interpharma die «stark gestiegene Bedeutung der Pharmaindustrie» hervorhebt, auch als politische Botschaft zu lesen: Die Industrie leidet – nur der Pharma geht es gut. Und weil sogar Arbeitsplätze neu geschaffen werden sollen, sei auf «zunehmende Regulierung» zu verzichten.