Detailhandel
Weniger Läden in den Städten? Corona könnte die Filialnetze von Migros, Coop und Co. auf den Kopf stellen

Seit der Coronapandemie sind deutlich weniger Leute unterwegs. Laut einer Credit-Suisse-Studie muss der Detailhandel auch in Zukunft mit weniger Frequenzen rechnen. Das könnte Folgen für Filialen haben.

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Eröffnung einer Migros-Filiale in Solothurn vor zwei Jahren.

Eröffnung einer Migros-Filiale in Solothurn vor zwei Jahren.

Oliver Menge / Nikon Z6

Wegen der Coronapandemie befindet sich die halbe Schweiz schon fast ein Jahr lang im Homeoffice. Das hat Folgen für das Mobilitäts- und Konsumverhalten: Statt am Bahnhof ein Sandwich zu kaufen oder spontan zu shoppen, wird fürs Mittagessen zu Hause der Herd angestellt. Statt täglich in einen Supermarkt zu flitzen, wird der Wocheneinkauf online bestellt. Kurz: Die Fussgängerfrequenzen gingen seit Ausbruch der Pandemie stark zurück. Während des Lockdowns betrug der Rückgang bis zu 80 Prozent, wie die Studie «Retail Outlook» der Credit Suisse zeigt.

Die Studienautoren gehen davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleibt – Arbeitnehmer wie Arbeitgeber hätten schliesslich Gefallen am Homeoffice gefunden. Laut der Studie werden in einem Post-Corona-Szenario, in dem der Homeoffice-Anteil je nach Branche von 0 bis 50 Prozent definiert wird, die Fussgängerfrequenzen um 5 bis 30 Prozent abnehmen. Urbane Gebiete wie St. Gallen seien dabei leicht stärker betroffen als ländliche Regionen wie Estavayer im Kanton Freiburg. Das gleiche gilt beim Autoverkehr: Ländliche Strassen würden in dem Szenario um 5 bis 10 Prozent weniger frequentiert sein, städtische um 15 bis 25 Prozent.

Verlieren Städte auch für Händler an Attraktivität?

Diese Erkenntnisse dürften Auswirkungen auf das Filialnetz der Schweizer Detailhändler haben, schreiben die Studienautoren weiter. Sowohl für Läden als auch für Lebensmittelhändler seien Laufkundschaft und Spontankäufe essenziell. Könnte die Pandemie also dazu führen, dass Händler ihr Filialnetz ausdünnen und Läden insbesondere in Städten rarer werden? Das scheinen die Händler selber noch nicht genau zu wissen. Sie beobachten das veränderte Mobilitäts- und Einkaufsverhalten aber genau. Die Migros, die neben Supermärkten diverse Fachmärkte führt, schreibt:

Gerade für die Standorte an Bahnhöfen ist es derzeit schwierig. Die Frage ist nun, ob dies so bleiben wird oder ob sich die Situation nach einer flächendeckenden Impfung wieder normalisieren wird.

Einen unmittelbaren Einfluss auf das Filialnetz habe die Pandemie bisher noch nicht gehabt. Selbstverständlich überprüfe die Migros ihr Netz jedoch fortlaufend, heisst es weiter. Ähnliches berichten Aldi und Lidl. Sie halten derzeit an ihrer langfristigen Expansionsstrategie fest, in der aktuellen, dynamischen Situation sei es zu früh, um fundierte Schlüsse über eine allfällige Strategieänderung zu ziehen.

Nur wenige Händler erwarten 2021 ein Umsatzwachstum

Der Rückgang der Frequenzen schlug sich 2020 auch in den Umsätzen nieder. Je nach Segment allerdings sehr unterschiedlich – der Schweizer Detailhandel sei «richtiggehend durchgerüttelt worden», schreiben die Ökonomen der Credit Suisse. Der Food-Bereich konnte stark profitieren, Restaurants und Einkaufstourismus stellten schliesslich eine viel kleinere Konkurrenz dar. In anderen Bereichen – vor allem Bekleidung – brachen die Umsätze aber ein. Damit bestätigt die Studie, was bereits von einzelnen Detailhändlern zu vernehmen war. Das Warenhaus Manor etwa konnte Verluste im Bekleidungsbereich mit der Food-Abteilung kompensieren.

Laut der Studie wird der Umsatz im Food-Handel 2021 gegenüber 2020 um 6 Prozent sinken, während sich das Bekleidungs- und Schuhsegment um 2 Prozent erholen sollte. Generell bleibe die Unsicherheit im Detailhandel aber hoch. Mit 51 Prozent erwarte 2021 ein vergleichsweise tiefer Anteil der Befragten ein Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr. Beim Gewinn seien die Befragten noch etwas zurückhaltender. Bloss 40 Prozent gehen demnach von einer Gewinnsteigerung im Jahr 2021 aus. Die Credit-Suisse-Studie wurde zusammen mit dem Beratungsunternehmen Furer & Hotz sowie dem Ingenieurunternehmen Senozon erstellt.