Die fetten Jahre sind also doch noch nicht vorbei. Ein guter Börsenmonat Januar hat offensichtlich schon gereicht, um die im Dezember in vielen Industrieländern ziemlich unvermittelt hochgekommenen Rezessionsängste zu verscheuchen. Den neun Jahren ununterbrochenen Wirtschaftswachstums werden im Urteil der meisten Konjunkturauguren mindestens zwei weitere folgen. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds wird die Weltwirtschaft 2019 immer noch mit 3,5 Prozent expandieren. Das sind zwar 0,2 Prozent weniger als noch im Oktober vorausgesagt, aber von einem dramatischen Einbruch kann nicht die Rede sein.

Während die USA das vom IWF bislang prognostizierte Wachstumstempo von 2,5 Prozent im laufenden Jahr beibehalten sollten, wird in der Eurozone eine Abschwächung von 1,8 Prozent auf 1,6 Prozent erwartet. Auch den Schwellenländern traut der IWF zu, die aktuelle Expansionsrate mit einem Wachstum 2019 von 4,5 Prozent knapp zu halten. In diesem gutartigen globalen Umfeld sollte auch die Schweizer Wirtschaftsleistung in den kommenden zwei Jahren um je rund 1,5 Prozent zunehmen können, glauben die Ökonomen des Bundes.

Die Finanzkrise wirkt nach

Doch fett waren die vergangenen Jahre nur, wenn die verdeckten Kosten der Finanzkrise ausgeblendet werden. Diesen Fehler hat der Berner Wirtschaftsprofessor Aymo Brunetti nicht gemacht. In seinem im Herbst veröffentlichten Buch «Ausnahmezustand» liess er die turbulenten Jahre nach der grossen Krise Revue passieren. Dabei hat er sich die Frage gestellt, wie die Welt denn ohne diesen Einbruch ausschauen könnte. Sein Befund: «Wenn da und dort behauptet wird, die Krisenfolgen seien im Wohlstand nicht zu sehen, dann muss das stark relativiert werden.» Das Argument des früheren Chefökonomen des Bundes ist so einfach wie plausibel: Die hohen Wachstumsraten vieler Industrieländer seit dem schlimmsten Krisenjahr 2008 sind trügerisch, weil sie von einem tiefen Niveau ausgehen. Wäre die Krise nicht eingetreten und hätten die Länder die Wachstumsraten weiterführen können, die sie von Mitte der Neunzigerjahre bis zur Krise ausweisen konnten, dann wäre deren Wirtschaftsleistung und damit der Wohlstand heute deutlich grösser.

Brunetti relativiert seine Betrachtungsweise zwar mit dem Argument, dass die Wachstumsraten vor der Krise vermutlich überhöht gewesen waren und das Gesamtbild deshalb etwas überzeichnen. Diese Einschränkung vermag den Gedanken insgesamt aber nicht umzustossen. Umso weniger, als die jährlichen Wachstumsraten seit der Krise deutlich tiefer zu liegen scheinen als davor. So ist die Schweizer Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren nominal um durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr gewachsen. Von Mitte der Neunzigerjahre bis zum Beginn der Krise war die mittlere Wachstumsrate etwa doppelt so hoch.

Praktisch Vollbeschäftigung

Mit dieser Lücke kann die Schweiz noch einigermassen gut leben. Im Arbeitsmarkt herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Die Staatsfinanzen sind im Lot. Ganz anders sieht es aber zum Beispiel in Italien aus. Dort sieht die Regierung auch zehn Jahre nach der Krise noch eine Notwendigkeit, die Konjunktur mit staatlichen Fördermassnahmen anzukurbeln. Weil das Geld dafür fehlt, muss sich der Staat auf dem bereits hohen Niveau weiter verschulden. Die krisenbedingte Wohlstandslücke wird hier zu einem immer grösseren Problem. Italien ist freilich nicht das einzige Land, das mit dieser Situation konfrontiert ist. Auch die USA müssten während einiger Jahre mit Wachstumsraten von vier Prozent pro Jahr expandieren, um die Lücke zu schliessen, stellt Brunetti fest. Doch das ist eine Illusion. Als Folge nimmt die Verschuldung weiter zu, was die globale Finanzstabilität strapaziert und letztlich auch die Wirtschaft weiter schwächt. Obwohl die Schweiz ihre Hausaufgaben erledigt hat, bleibt sie von dieser Entwicklung nicht verschont.