Wirtschaft

Von automatisierten Kaufsystemen bis hin zum Selbstservice-Laden: So sieht die schöne neue Einkaufswelt aus

Bei Amazon Go muss man nicht mal mehr Produkte einscannen, um sie zu zahlen. Verbreitet sich das Modell auch in der Schweiz?

Bei Amazon Go muss man nicht mal mehr Produkte einscannen, um sie zu zahlen. Verbreitet sich das Modell auch in der Schweiz?

Die Coronapandemie ist noch nicht zu Ende. Neue Modelle des kontaktlosen Einkaufens gewinnen deshalb an Bedeutung. Viele Konsumenten sind aber noch skeptisch.

Viele der Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie sind gelockert worden. Doch «vorbei ist das so schnell nicht», sagt Thomas Rudolph, Professor für Handelsmanagement an der Universität St.Gallen, bei der Präsentation einer neuen Studie seines Instituts. Tatsächlich steigen die Fallzahlen seit Wochen, dass es wieder zu Verschärfungen kommt, ist nicht ausgeschlossen. Rudolph sagt:

Es könnte auch ein Anlass sein, ganz neue Modelle des Einkaufens ernsthaft zu prüfen. Gerade der kontaktlose Einkauf gewinne an Bedeutung. So sind Self-Check-Out-Kassen und kontaktlose Bezahlsysteme auch in der Schweiz auf dem Vormarsch. Weltweit experimentieren Händler schon seit längerem mit weitergehenden Modellen.

Der Kunde entscheidet

Ob sich diese durchsetzen, hängt davon ab, ob die Kunden sie wollen. Deshalb befragte Rudolphs Institut für Handelsmanagement für die Studie «Zukunft des Kontaktlosen Einkaufens» 500 Konsumenten, was sie von vier Modellen halten:

  • Automatisiertes Einkaufsystem: Dabei delegieren die Verbraucher den Einkauf an intelligente Haushaltsgeräte wie die Waschmaschine oder den Kühlschrank. Diese würden Produkte wie Milch oder Waschmittel automatisch bestellen, wenn sie ausgehen.
  • Pickstation: Diese ermöglicht es, Waren an einem Automaten zu kaufen oder vorgängig zu bestellen. Ein Roboter füllt dann die Einkaufstasche und stellt sie zum Abholen bereit. Das Modell wird derzeit von Migrolino geprüft.
  • Virtueller Laden: Statt sich durch Produktlisten zu klicken, kann der Kunde mittels Virtual Reality im virtuellen Laden stöbern. Die Methode ist aber noch kaum geprüft.
  • Selbstservice-Laden: Diese automatisierten Läden gehen noch weiter als die Self-Check-Out-Kassen: Beim Betreten des Ladens wird eine App aktiviert. Diese erkennt, welche Produkte der Kunde in den Korb packt, und rechnet sie beim Verlassen automatisch ab. In den USA hat Amazon mit Go bereits über zwei Dutzend solcher Läden. In der Schweiz gibt es ähnliche Ansätze mit der Avec Box.

Einkaufen ist mehr als Produktbeschaffung

Der Selbstservice-Laden kommt dem herkömmlichen Einkaufserlebnis am nächsten. Auch deshalb ist er bei den befragten Konsumenten der Favorit. Auf der siebenstufigen Bewertungsskala erreichte er aber auch nur einen Durchschnittswert von 3,95. «Grosse Begeisterung löst noch keines der Modelle aus», sagt Thomas Rudolph. Denn «Einkaufen ist mehr, als fehlende Produkte beschaffen», sagt er. So schätzen die Befragten den Austausch mit dem Verkaufspersonal. Und vielen ist es auch wichtig, die Produkte anfassen zu können.

Nichts davon ist beim automatisierten Einkauf möglich. Diesem gegenüber herrscht auch die grösste Skepsis – auch wenn ihm hohe Benutzerfreundlichkeit attestiert wird. Nicht nur schätzen die Befragten hier das Risiko für die Privatsphäre als am höchsten ein. Danach befragt, würden sie nur wenige Produkte so einkaufen wollen: Nur bei Hygiene- und Haushaltsartikeln kann sich ein Drittel dafür erwärmen. Gut schneidet aber auch bei dieser Frage nur der Selbstservice-Laden ab: Über 60 Prozent können sich vorstellen, in so einem Shop auch Lebensmittel oder Beautyprodukte einzukaufen.

Welche Methode siegt, wird die Zeit zeigen

Dass die befragten Konsumenten diese neuen Methoden noch skeptisch betrachten, überrascht Thomas Rudolph wenig. Er sagt:

Das sei nicht nur bei technischen Neuerungen so. «Auch viele Einkaufszentren etablieren sich erst nach Jahren.» Die Umfrage zeigt auch, dass jüngere Leute und solche, die heute schon oft online einkaufen, den kontaktlosen Methoden offener gegenüberstehen. Ob sich eine Methode durchsetzen kann, zeige sich erst mit der Zeit. Entscheidend sei, nicht nur technikaffine Konsumenten, sondern auch eine breitere Masse zu überzeugen.

Thomas Rudolph, Professor für Marketing und Handelsmanagement, HSG.

Thomas Rudolph, Professor für Marketing und Handelsmanagement, HSG.

Pickupstation könnte das Problem lösen

Dass manche Modelle in der Studie noch auf wenig Gegenliebe stossen, ist für Rudolph denn auch kein Grund, sie nicht weiterzuverfolgen. So sieht er in der Pickupstation Potenzial für den Lebensmittelhandel. Denn der traditionelle Onlinekanal sei dafür ungeeignet. «Lieferungen kosten hier den Händler um die 30 Franken.» Deshalb sei so kaum Geld zu verdienen.

Die Pickupstation könnte das Problem lösen, glaubt er. Und Gewohnheiten können sich ändern, gerade jetzt. «Zu Beginn der Pandemie schloss man sich ein. Dann hat man angefangen, vieles selber zu machen.» Jetzt müsse man sich auf eine neue Normalität einstellen. Dabei können sich neue Gewohnheiten herausbilden. Als die Befragung im Juni durchgeführt wurde, waren die Läden wieder offen. Trotzdem antwortete rund ein Viertel der Befragten, dass sie vermehrt im Netz einkaufen.

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