Seit zwei Jahren arbeitet CS-Chef Tidjane Thiam am Turnaround der Grossbank Credit Suisse. Gestern zog er an einem Investorentag in London eine Zwischenbilanz. Einiges ist dem Chef der zweitgrössten Schweizer Bank in den letzten 24 Monaten geglückt, vieles aber auch nicht. Thiam und seine Kollegen aus der Geschäftsleitung referierten einen ganzen Tag über den Zustand der Bank und gaben die Marschrichtung für die nächsten zwei Jahre vor.

Die Marathonveranstaltung konnte man teilweise via Liveübertragung mitverfolgen. Zusätzlich wurden auf dem Netz Hunderte Powerpoint-Seiten bereitgestellt. Wie das an solchen Anlässen üblich ist, zeigten die meisten Kurven und Balkendiagramme nach oben. Die Gewinne sollen wieder wachsen, die Margen wieder steigen und die Kundengelder wieder sprudeln. Thiam sprach viel über die Vermögensverwaltung und über den wachsenden Reichtum in Asien, von dem Credit Suisse profitieren möchte.

Die Investmentbank erhält kaumBeachtung – dabei ist sie die DNA

Auffallend war, dass Thiam in seinen Ausführungen eine der wichtigsten Abteilungen der Bank kaum erwähnte – die Investmentbank. Der CS-Konzernchef, so scheint es, betrachtet die riesige Abteilung, in der Milliarden-Transaktionen abgewickelt und festverzinsliche Produkte und Aktien gehandelt werden, als Anhängsel der Vermögensverwaltung. Damit wird er der Abteilung, die wie keine andere die DNA der Bank definiert, nicht gerecht. Und er überdeckt die grossen Probleme der einstigen Flaggschiffabteilung. Will er damit kaschieren, dass er die Investmentbanker und deren Geschäfte nicht versteht?

Mit «wohlwollender Gleichgültigkeit» behandle Thiam die Investmentbank, kommentierten die einflussreichen Autoren von Breakingviews den Investorentag. Offenbar hege Thiam die Hoffnung, dass sich die Probleme wie von selbst erledigen würden. Diese Gleichgültigkeit ist besonders frappierend, da die Investmentbank nach wie vor einer der wichtigsten Ertragspfeiler der Bank ist. In den ersten neun Monaten steuerte sie 45 Prozent der Erträge zum Gesamtkonzern bei und bindet einen Grossteil des Kapitals. Aber weil die Investmentbank gleichzeitig kaum Gewinne erwirtschaftet, zieht sie die Margen des Gesamtkonzerns in den einstelligen Bereich. Sie ist das Sorgenkind, das keine Beachtung findet.

Gleichwohl stellt die CS bis 2020 eine deutliche Rentabilitätssteigerung in Aussicht. Und wie soll dies geschehen? Thiam will das so machen, wie er es schon immer gemacht hat und wie er das als ehemaliger McKinsey-Berater auch am besten kann: Er tritt auf die Kostenbremse. Die Gesamtkosten der Bank sollen bis 2019/20 neu auf 16,5 Milliarden Franken sinken. Wenn bei einer Bank die Kosten gesenkt werden, dann bedeutet das in den meisten Fällen nur eines: Stellenabbau. Zwar nannte Thiam gestern keine konkreten Zahlen, aber es ist davon auszugehen, dass nochmals 1000 Stellen weggespart werden.

Auch in der Schweiz könnte es zu Entlassungen kommen. Im Heimmarkt will der CS-Chef den Vorsteuergewinn bis Ende nächsten Jahres nämlich massiv steigern. Er will unter allen Umständen seine vor zwei Jahren formulierten, überambitionierten Ziele erreichen. Doch nicht nur mit Stellenstreichungen will die Bank Kosten einsparen. Nächstes Jahr laufen auch einige hochverzinste Kapitalinstrumente aus. Das dürfte die Zinslast des Konzerns um Dutzende Millionen Franken entlasten.

Thiam macht das, was er am besten kann: Sparen

Seit seinem Antritt im Sommer 2015 hat der ehemalige McKinsey-Berater einen Fünftel der Kosten rausgenommen. Die grosse Frage ist, ob sich die Bank mit diesem rigorosen Sparkurs die Möglichkeit für künftiges Wachstum nimmt. Die Aktionäre haben gestern zunächst positiv auf Thiams Ankündigungen reagiert. Die CS- Aktien handelten kurzzeitig wieder mal über 17 Franken. Doch am Abend sind die Titel wieder unter die Marke gefallen und lagen bei Börsenschluss noch knapp 2 Prozent im Plus.

Die dunkelsten Stunden dürften für Thiam dennoch vorbei sein. Diese erlebte er im Sommer 2016, als die CS-Titel unter 10 Franken fielen – auf ein historisches Tief. Damals war die Grossbank ein Fass ohne Boden, die neue Strategie kam nicht an, die Verluste schnellten in die Höhe, eine happige Kapitalerhöhung stand im Raum. Kein Wunder, nahmen viele Aktionäre Reissaus. Diese Zeiten sind vorbei. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass der CS-Kurs einst bei 29 Franken lag, als Thiam 2015 angetreten war. Die Aktio- näre werden noch lange hartes Brot essen.

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