Frankreich
Vive le Franc!

Lieber der Franc als der kranke Euro, sagen sich Franzosen in der Provinz. Immer mehr Franzosen trauern ihrer alten Währung nach. In einzelnen Dörfern lassen Gewerbler deshalb den Franc wieder als Zahlungsmittel aufleben.

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Es lebe der Franc!

Es lebe der Franc!

Stefan Brändle, Collobrieres

«Schön, dass du mit einem ‹Cézanne› zahlst!», lacht Nathalie Lepeltier, die Dorfbäckerin im südfranzösischen Collobrières. Die Kundin streckt ihr einen lachsroten Schein hin, auf dem die Zahl 100 sowie ein Glatzkopf abgebildet ist: Paul Cézanne, der Maler der grossartigen Provence-Landschaften, dem die Ehre gebührte, auf einer französischen Banknote abgebildet zu sein. Allerdings nicht auf den heute gültigen Euro-, sondern auf den alten 100-FrancScheinen. Wir sind im Jahr 11 nach der Einführung der europäischen Währung, doch ein paar Dörfer leisten in Frankreich nach wie vor Widerstand: Ihre Bäcker, Metzger und Coiffeure akzeptieren Franc-Scheine als Zahlungsmittel.

Nathalie Lepeltier nimmt von ihrer Kundin den 100-Franc-Schein entgegen und händigt ihr ein Baguette, eine selbst gemachte Melonen-Konfitüre und ein paar Münzen aus. «Wir nehmen nur die Franc-Scheine, nicht das Metallgeld – das können wir bei der Banque de France nicht gegen Euro tauschen», erklärt die 41-jährige Bäckerin, welche die ehemalige Währung im Provence-Dialekt als «Frang» ausspricht. «Und das Rückgeld erfolgt in Euro.»

Teurer gewordenes Baguette

Als Präsidentin des Gewerbevereins hatte Lepeltier vor zwei Jahren dafür gesorgt, dass der Franc in ihrem 1700-Seelen-Dorf hoch über der Côte d’Azur wie in ein paar anderen französischen Gemeinden wieder eingeführt wurde. Dies geschah nicht unbedingt aus Nostalgiegründen. «Ich hörte immer wieder von Kunden, die irgendwo noch Francs horteten oder zufällig fanden. Sie sind froh, sie ohne den mühsamen Gang zur
Banque de France loszuwerden.» Dieser Umtausch ist nur noch bis 2012 möglich; dann verliert der Franc jeden Wert.

Lepeltier hatte in einer Weste ihrer Tochter selbst einen blauen 50-Franc-Schein gefunden – einen «Saint-Exupéry», wie man diesen Schein nach dem Konterfei und den Zeichnungen aus dem «Kleinen Prinzen» nannte. Zum Euro hat die Bäckerin ein weniger inniges Verhältnis. «Das heisst nicht, dass wir zurück zur alten Währung wollen», erklärt die resolute Boulangère des idyllischen Ortes mit seinen Platanen und Pastellfassaden. «Aber es heisst auch nicht, dass wir den Euro besonders ins Herz geschlossen hätten», fügt sie an.

Bei den Franzosen steht der Euro wie überall im Ruch des «Teuro». Dieser Eindruck bestätigt sich für die Einwohner von Collobrières, wenn sie ihre letzten Francs unter der Matratze hervor- oder aus dem Sparstrumpf kramen und einkaufen gehen. Auch beim Brot merken sie, wie teuer Alltagsprodukte geworden sind: Ein Baguette hat je nach Backvariante einen Wert von ungefähr sechs Francs– doppelt so viel wie 1999, als die nationale Brotstange letztmals in der alten Währung verkauft wurde.

Kein Wunder, steht der Euro bei den Franzosen nicht hoch im Kurs: Mitte Februar gaben in einer Meinungsumfrage 69 Prozent an, dass sie dem Franc «nachtrauern». Dieser Wert ist im Steigen begriffen. Seit 2002, als die Zeitschrift «Paris-Match» die gleiche Frage zum ersten Mal gestellt hat, hatten bloss 39 Prozent Franzosen die Abschaffung des Franc bedauert.

Der Franc liess sich abwerten

Die aktuelle Finanzkrise dürfte die Abneigung gegen die Neuwährung noch verstärken. Bisher galt der Euro wenigstens als stark und sicher. Mit der Debatte um die Griechenland-Schuld gilt sogar dies nicht mehr als Vorteil – der Franc liess sich in Krisen wenigstens abwerten. Zu solchen «politischen» Überlegungen will sich Nathalie Lepeltier nicht äussern. «Aber vergessen haben wir den Franc auch nach mehr als zehn Jahren nicht», meint sie und verabschiedet sich von der nächsten Kundin mit zwei Wangenküsschen.

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