Das US-Justizministerium (DOJ) wirft der chinesischen Huawei gleich zehn «Verbrechen» vor. Aus internen Mails des Techkonzerns berichtet es, wie Huawei sogar Boni versprach, wenn Mitarbeiter vertrauliches Wissen stahlen. Boni für Spionage also. Und wie Huawei monatelang den Mobilfunkanbieter «T-Mobile USA» ausspionierte, um dessen Testroboter «Tappy» nachzubauen – und die Schuld auf ein paar «fehlgeleitete Mitarbeiter» schob.

Huawei und T-Mobile schlossen 2011 einen Deal. Huawei liefert Handys. T-Mobile verkauft sie in den USA, zusammen mit Mobilfunkabos. Für Huawei ist es ein Grosserfolg: der erste Grosskunde in den USA. T-Mobile vertraut Huawei. Ein paar Mitarbeiter dürfen den «Tappy» nutzen, mit dem Handys vor dem Verkauf geprüft werden. Der Tappy ist der Konkurrenz überlegen: Kunden von T-Mobile bringen seltener defekte Handys zurück.

Im Sommer 2012 beginnt Huawei, den Tappy auszuspionieren. Zuvor hatte T-Mobile einen Verkauf abgelehnt. Also versuchen Huawei-Ingenieure, in China einen eigenen Roboter zu entwickeln. Sie fordern ihre Kollegen in den USA auf, Informationen über Tappy zu beschaffen. Zwei Ingenieure haben Zugang zum Testlabor, in dem dieser steht. Im Geheimen machen sie Bilder. In den Verträgen mit T-Mobile ist solches untersagt.

Mitte Mai 2013 trifft ein Huawei Ingenieur in Seattle ein, der seinen Auftrag intern so beschreibt: «Ins Testlabor von T-Mobile zur Rekognoszierung gehen und dort Messdaten sammeln.» Er wird eingeschleust von zwei Huawei-Kollegen mit Zugang zum Testlabor. Bevor er entdeckt wird, macht er Fotos und sammelt Daten. Später schickt er einen 6-seitigen Report nach China.

Ende Mai entwendet ein Huawei-Mitarbeiter mit Zugang zum Testlabor einen Arm von Tappy. T-Mobile entdeckt den Diebstahl und stellt Fragen. Der Huawei-Mitarbeiter sagt, es sei ein Versehen gewesen. Am nächsten Morgen bringt er den Arm zurück. Über Nacht untersucht er ihn, vermisst alles und macht Bilder. Doch nun ist T-Mobile alarmiert.

Huawei fürchtet Klagen, den Verlust des ersten Grosskunden in den USA und Schaden für die Reputation. Es lässt einen «Untersuchungsbericht» erstellen. Doch der dient nur der Vertuschung. Zwei fehlgeleitete Mitarbeiter seien schuld, sie hätten auf eigene Faust gehandelt. Ihre Taten seien «isolierte Vorfälle».

Im Juli 2013 spielt Huawei in den USA die «Vorfälle» noch immer herunter, als Huawei in China ein eigentliches Bonus-Programm für Industriespionage einführt (siehe Ausriss unten). Mitarbeiter sollen Boni erhalten, wenn sie Informationen von Konkurrenten stehlen. Je höher der Wert, desto höher der Bonus.

Nicht auf ein Risiko versteifen

Auch wenn die Anschuldigungen gut dokumentiert zu sein scheinen – in der Schweiz bleiben die Telekomfirmen gelassen. Insbesondere Sunrise, die am stärksten auf chinesische Technologie setzt, lässt ausrichten: «Wir arbeiten seit 2012 mit Huawei zusammen, sind mit der Qualität voll und ganz zufrieden und haben kei- ne Pläne, den Technologiepartner zu wechseln.» Diese Treue liegt wohl vor allem daran: Der Fall von T-Mobile betrifft Sunrise kaum.

Huawei hat angeblich Technik gestohlen von T-Mobile, doch an Sunrise liefert sie eigene Technik. In dieser Konstellation ist Industriespionage kaum eine Gefahr. Wenn es Ängste gibt, dann solche, die US-Politiker schon 2008 in die Welt setzten: Huawei baue in seine Geräte eigens Software oder Chips ein, um im Auftrag des chinesischen Staates zu spionieren. Sunrise und Swisscom jedoch weisen unisono darauf hin: Es gebe dafür bisher keine Beweise, nicht einmal Hinweise.

Sunrise und Swisscom wollen sich nicht auf ein einziges Risiko versteifen. Denn zum Beispiel lief hierzulande der letzte grosse Datenklau so ab: Kriminelle stahlen von externen Lieferanten deren Passwörter für Swisscom-Server. Weg waren die Daten von 800'000 Kunden. Nochmals anfälliger werden die Netzwerke mit der Umstellung auf 5G, weil damit noch mehr Geräte vernetzt sein werden: Stromzähler, Babykameras, Fabrikmaschinen oder dereinst autonome Autos.