Fusion
US-amerikanische Drogeriekette Walgreens verlegt Sitz nicht nach Bern

Die grösste amerikanische Drogeriekette ergreift nach grossem politischen Druck keine Steuerflucht. Für das Weisse Haus ist das ein politischer Sieg, für die Aktionäre eine Niederlage.

Renzo Ruf, Washington
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Walgreens ist die Nummer eins bei den Apotheken in den USA (Archiv)

Walgreens ist die Nummer eins bei den Apotheken in den USA (Archiv)

Keystone

Die Wall Street reagierte umgehend: Kurz nach Börseneröffnung sackte die Aktie der Drogeriekette Walgreens an der New Yorker Börse um fast 15 Prozent ab. Anlass für diesen Taucher gaben nicht etwa schlechte Quartalsresultate des solide wirtschaftenden Konzerns.

Verantwortlich dafür war vielmehr ein geradezu patriotisches Bekenntnis zum Bundesstaat Illinois: In einer am frühen Morgen verbreiteten Pressemitteilung verkündete Walgreens, dass der Hauptsitz des Konzerns im Grossraum Chicago bleiben werde – obwohl die Drogerie-Kette sich vollständig mit dem Pharma-Grosshändler Alliance Boots verschmelzen will, an der Walgreens bisher 45 Prozent der Aktien gehalten hatte.

Aktionäre enttäuscht

Der Sitz von Alliance Boots befindet sich aus steuerlichen Gründen in Bern, in einem unscheinbaren Bürohaus am Untermattweg – auch wenn das Management des Unternehmens in Grossbritannien sitzt. Aus Sicht von namhaften Investoren der beiden Unternehmen lag es deshalb nahe, dass sich auch die Fusions-Holding in der Schweiz ansiedeln solle.

Damit liesse sich die relativ hohe Steuerlast für Unternehmen in den USA umgehen, ohne grosse Auswirkungen auf das Tagesgeschäft. Darüber hätten sich vor allem die Aktionäre gefreut: Walgreens lieferte im vergangenen Jahr mehr als 37 Prozent des Gewinnes an den amerikanischen Fiskus ab. Bei Alliance Boots belief sich die Steuerquote auf 15,6 Prozent oder weniger als die Hälfte. (Die Zahlen, veröffentlicht im aktuellen Jahresbericht, lassen keinen Aufschluss auf die Steuerrate von Alliance Boots in der Schweiz zu.)

Politiker machten Druck

In einer längeren Pressemitteilung räumte Walgreens-Konzernchef Greg Wasson gestern ein, dass seine Firma im Zug der auf 15 Milliarden Dollar bezifferten Fusion mit Alliance Boots mit dem Abzug aus den USA geliebäugelt habe. Nach «gründlichen» Abklärungen stellte sich aber heraus, dass die Steuerverwaltung IRS der Verlagerung des juristischen Sitzes ins Ausland wohl einen Riegel geschoben hätte, sagte Wasson. Das ist nur die halbe Wahrheit: Walgreens stand auch unter massivem politischen Druck, ein Bekenntnis zum Stammland abzugeben. Von Präsident Barack Obama über den hochrangigen Senator Dick Durbin bis hin zum populistischen Aushängeschild Elizabeth Warren wetterten hochrangige Demokraten in den vergangenen Tagen gegen die geplante Steuerflucht.

Die Politiker der Präsidentenpartei beschworen eine Art Dammbruch herauf, sollte auch Walgreens aus steuerlichen Gründen den USA den Rücken kehren. Denn wenn der IRS einem derart in Amerika verwurzelten Unternehmen einen Freipass ausgestellt hätte – dann wäre die Welle der «Inversion»-Deals, wie der Fachausdruck für strategische Fusionen heisst, weiter gewachsen. Bisher hatten vor allem Pharmaunternehmen den USA den Rücken zugekehrt. Prominentestes Beispiel ist AbbVie, das für fast 55 Milliarden Dollar den britischen Medikamentenhersteller Shire übernahm – und dann ankündigte, den juristischen Sitz des Fusionsproduktes über den Atlantik zu verlagern.

Präsident Obama hatte das Steuerschlupfloch während mehrerer Wahlkampfauftritte im Juli als «unpatriotisch» gebrandmarkt. Ihm sei es egal, donnerte der Präsident, ob durch eine Verlagerung Gesetze gebrochen würden. Die Umgehung des US-Fiskus sei schlicht «falsch». Explizit unterstützte der Demokrat damit Gesetzesentwürfe, die im Parlament anhängig sind. Diese Vorstösse sind, da 2014 ein Wahljahr ist und die Präsidentenpartei im Gegenwind steht, im linken politischen Spektrum äusserst populär. Politisch sind sie allerdings chancenlos. Am Dienstag verschärfte Finanzminister Jack Lew deshalb den Ton. Ein Sprecher seines Ministeriums gab bekannt, dass nach Möglichkeiten gesucht werde, die Steuerflucht von US-Unternehmen mittels «administrativen» Anordnungen zu unterbinden.