Würde der Schweizer Kinoklassiker «Taxichauffeur Bänz» neu verfilmt, er müsste «Uber-
Driver Bänz» heissen. Im Schwarz-Weiss-Film von 1957 waren es in erster Linie private Turbulenzen, die Volksschauspieler Schaggi Streuli das Leben schwermachten. Dieser Tage wäre es die Firma Uber, die heute den Börsengang feiert.

Der US-Konzern hat in zahlreichen Ländern das Taxi-System revolutioniert. Via App können Passagiere zielgenau ihren Abhol- und Zielort definieren. Bargeld ist nicht nötig, da die Bezahlung über die auf der App registrierte Kreditkarte abgewickelt wird. Und vor allem: Die Fahrt mit einem Uber-Auto ist teilweise deutlich günstiger als eine herkömmliche Taxi-Fahrt.

In der Schweiz startete Uber vor sechs Jahren, zuerst in Zürich, später auch in Genf, Basel und Lausanne. Von Anfang an hagelte es Kritik: Von Taxi-Firmen, die ihr Geschäft wegen Preisdumpings in Gefahr sahen, sowie von Gewerkschaften und der Unfallversicherung Suva. Letztere erachten die Uber-Fahrer als Angestellte des US-Konzerns und nicht als Selbstständige. Während Uber sich nicht als Arbeitgeber, sondern nur als Plattform für selbstständige Chauffeure sieht, verlangen die Gegner Arbeitsverträge mit üblichen Sozialleistungen. Die laute Kritik führte unter anderem dazu, dass die SBB 2017 davon absahen, Uber in ihre Reise-App zu integrieren.

Schweizer Kapitel im Börsenreport

Die juristische Streitfrage ist bis heute ungelöst – und bereitet Uber Kopfschmerzen. Der hiesige Knatsch hat es sogar in jenes 400 Seiten lange Dokument geschafft, das der Konzern für seinen heutigen Börsenstart der US-Aufsichtsbehörde SEC kürzlich einreichen musste. Unter dem Titel Verpflichtungen und Eventualverbindlichkeiten wird dem Schweizer Markt ein eigenes Kapitel gewidmet. Im Dokument weist Uber darauf hin, dass mehrere Schweizer Regierungsbehörden Fahr-Partner als Angestellte von Uber klassifizieren würden mit Verweis auf die soziale Sicherheit.

Mittels Uber-App sehen Kunden direkt, welche Uber-Taxis gerade in der Nähe sind (wie auf dem Bild am Donnerstag am Zürcher Hauptbahnhof). Herkömmliche Taxis haben mit einer eigenen App reagiert.

Mittels Uber-App sehen Kunden direkt, welche Uber-Taxis gerade in der Nähe sind (wie auf dem Bild am Donnerstag am Zürcher Hauptbahnhof). Herkömmliche Taxis haben mit einer eigenen App reagiert.

Und weiter: «Die Firma ficht alle diese Entscheide an.» Ob man die juristischen Kämpfe gewinnen oder verlieren werde und wie gross der finanzielle Schaden im Falle einer Niederlage wäre, könne nicht beurteilt werden. Fakt ist, dass die Schweiz wie auch andere internationale Rechtsstreitigkeiten zur allgemeinen Risikoeinschätzung von Uber beiträgt. Und diese hat es in sich: Insgesamt beziffert der Konzern das möglichen Schadenvolumen per Ende 2018 auf 1,1 Milliarden Dollar.

Niederlage in Lausanne

In der Schweiz dauern die Rechtsstreitereien seit drei Jahren an. Zunächst legte sich die Unfallversicherung Suva mit dem US-Konzern an. Für den Versicherer ist Uber nichts anderes als eine Taxi-Zentrale, die Fahrer seien Angestellte. Das Unternehmen bestreitet dies. Den Fahrern stehe es vollkommen frei, ob, wann und wo sie die App nutzen möchten. Uber gebe keine Schichten und keine Mindeststunden vor und verlange keinerlei Exklusivität.
Im letzten Jahr fuhr Uber einen Teilsieg ein. Das Sozialversicherungsgericht Zürich sah es als nicht erwiesen an, dass vertragliche Beziehungen zwischen dem Schweizer Ableger von Uber und den Fahrern bestehen. Möglicherweise bestehe auch eine Verbindung mit zwei niederländischen Uber-Firmen. Deshalb müsse die Suva erst abklären, wer der tatsächliche Arbeitgeber sei. Die Suva hat dies inzwischen getan, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Der Versicherer wird demnächst über das weitere Vorgehen entscheiden.

In einem Rechtsstreit vor dem Arbeitsgericht Lausanne hat Uber kürzlich verloren. Dabei ging es unter anderem um die Frage, ob der Fahrer ein Angestellter von Uber ist oder nicht. Das Gericht stellte sich auf die Seite des Klägers. Die Gewerkschaften sehen sich mit dem Urteil in ihrer Haltung bestätigt. Uber wird das Urteil allerdings anfechten. Ein letztinstanzliches Urteil ist also noch immer in weiter Ferne. Bis dahin kann Uber sein Geschäftsmodell in der Schweiz beibehalten.

Die Taxi-Fahrer führen den Kampf gegen den Silicon-Valley-Riesen weiter. Anfangs reagierten sie vor allem mit Protesten und Klagen – so wie in vielen anderen Ländern auch. In grossen Städten kam es zu Demonstrationsfahrten, einzelne Taxi-Sektionen forderten die Politik zum Handeln auf. Die Behörden sähen untätig zu, obwohl Uber gegen das Gesetz verstosse, so der Tenor.

Einige Schweizer Anbieter versuchen, Uber mit den eigenen Waffen zu schlagen: Seit rund zwei Jahren gibt es die Taxi-App «Go!». Angestossen und mitfinanziert wurde sie vom Zürcher Taxiunternehmer Felix Engelhard. Die App funktioniert praktisch gleich wie jene des US-Konkurrenten. «Es handelt sich um eine Schweizer Antwort auf Uber», sagt Roberto Salerno, Verkaufsleiter der Go-App.

Alternative App nimmt Kampf auf

Mittlerweile sind 35 Taxi-Unternehmen der App angeschlossen, die Flotte zählt 1200 Fahrzeuge. Vertreten ist Go vor allem in Basel, Bern, Zürich, Luzern, St. Gallen und Winterthur sowie im Tessin. Derzeit fehlten kleinere Städte und Regionen, sagt Salerno. Dort mangle es an grösseren Taxi-Firmen, was eine mögliche Zusammenarbeit erschwere, so wie zum Beispiel in Aarau. Der grösste Anbieter in der Stadt habe gerade mal vier Taxis. Zumal sei dort Uber nicht präsent, weshalb der Druck nicht besonders gross sei, mitzumachen. Die Preise von Go bestimme jeweils der lokale Anbieter, sagt Salerno. Dabei müssten sich die Firmen an die lokalen oder kantonalen Bestimmungen halten.


Go verlangt von den Taxi-Unternehmen eine Kommission für die Vermittlung. Konkrete Zahlen zum Geschäft nennt Salerno keine. Er sagt einzig, dass das Wachstum nicht so hoch sei wie geplant. Ein wichtiges Verkaufsargument von Go sei die klare rechtliche Situation. «Wir arbeiten nur mit Firmen zusammen, bei denen wir sicher sind, dass sie ihre Fahrer korrekt bezahlen und sämtliche Sozialversicherungsabgaben leisten», sagt Salerno.