Art Basel
Trotz schillernder Zahlen: Vielen Galerien geht es mehr schlecht als recht

Am internationalen Kunstmarkt überlebt, wer grosse Namen anbietet. Viele Galerien verdienen wenig oder nichts. Knapp drei Viertel haben vier oder weniger Mitarbeiter. Nur 16 Prozent setzen mehr als eine Million Dollar um, bei über der Hälfte ist es weniger als 200 000 Dollar.

Tommaso Manzin
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Letztes Jahr als Aussteller an der Art Basel: Die britische Galerie Annely Juda Fine Art aus London. Art Basel

Letztes Jahr als Aussteller an der Art Basel: Die britische Galerie Annely Juda Fine Art aus London. Art Basel

Nächste Woche öffnet Europas wichtigste Kunstmesse zum 48. Mal ihre Tore: die Art Basel. Längst hat sie sich als WEF der Kunst etabliert inklusive Ableger in der grossen weiten Welt. Mit Miami Beach markiert sie seit 2002 Präsenz in den USA, seit 2013 beteiligt sie sich aus Hongkong am Wachstum der aufstrebenden Märkte Asiens.

Zwischen Mekka und Davos

Für die 100 000 Kunstliebhaber, die nach Basel pilgern, ist die Art ein Mekka, kein Davos. Mit ihnen atmen die Messehallen die Neugier von Vernissagen. Die internationale Kunstszene sucht und findet am Rheinknie dagegen einen Knotenpunkt für Geschäftsbeziehungen. Die Art Basel positioniert sich als Inkubator für Vermarktungsideen.

Denn die Digitalisierung macht es immer unnötiger, nur zur Ansicht von Kunstobjekten anzureisen. Vor diesem Hintergrund ist etwa die von Mari Spirito konzipierte «Conversation-Section» zu sehen. Sie soll in nicht weniger als 27 Talking-Shops die Ideen der versammelten Intelligenzia zu neuen Trends gerinnen lassen. Bis zum 18. Juni werden 291 Galerien aus 34 Ländern Werke von 4000 Künstlern ausstellen.

Impressionen von der Art Basel 2016:

Art Parcours: «Effondrement: Arcs» von Bernar Venet
30 Bilder
Art Parcours: «Ohne Titel» von Virginia Overton
Art Parcours: «Ohne Titel» von Virginia Overton
Art Parcours: «Labyrinth» von Sam Durant
Art Parcours: «Labyrinth» von Sam Durant
Art Parcours: «Ohne Titel» von Hans Josephson
Art Parcours: «Ohne Titel» von Hans Josephson
Art Parcours: «Black Plant Sunset» von Andrew Dadson
Art Parcours: «ffff» von Michael Dean
Eingang zur Art Unlimited
Art Unlimited: «Accumulation: Searching for Destination» von Chiharu Shiota
Impression von der Art Basel 2016
Art Unlimited: «Gli» von El Anatsui
Art Unlimited: «Show IX - Curtain Room» von Marinus Boezem
Art Unlimited: «The more of you the more I love you» von Tracey Emin
Art Unlimited: «Tomato Head (Green)» von Paul McCarthy
Art Unlimited: «template / variant / friend / stranger» von Tony Oursler
Art Unlimited: «template / variant / friend / stranger» von Tony Oursler
Art Unlimited: «White House» von Ai Weiwei
Das deutsche Künstler Paar Eva and Adele besuchen die Art Unlimited
Art Unlimited: «Eu, voce e a lua» von Tunga
Art Unlimited: «TwoV's Entrance-Way» von Dan Graham
Art Unlimited: «In Praise» von Vlassis Caniaris
Art Unlimited: «The Collector's House» von Hans Op de Beeck
Art Unlimited: «The Collector's House» von Hans Op de Beeck
Art Unlimited: «The Collector's House» von Hans Op de Beeck
Art Unlimited: «Mimed Sculptures» von Davide Balula
Art Basel auf dem Messeplatz: «Zome Alloy» von Oscar Tuazon
Art Basel auf dem Messeplatz: «Zome Alloy» von Oscar Tuazon
Art Basel auf dem Messeplatz: «Zome Alloy» von Oscar Tuazon

Art Parcours: «Effondrement: Arcs» von Bernar Venet

Keystone

Nicht nur Grossanlässe wie die Art Basel zeigen, wie Kunst dem Geld folgt. Die USA vereinen als grösste Volkswirtschaft 40 Prozent des Kunstmarkts auf sich. Dass China aufholt, ist auch Hongkong anzurechnen, es zählt laut «Forbes» fast 70 Milliardäre, erhebt kaum Zölle und keine Mehrwertsteuer.

Nach vier guten Jahren schrumpfte der Umsatz am Kunstmarkt letztes Jahr global um 16 Prozent auf 57 Milliarden Dollar (vgl. nachfolgende Grafik), zeigte der im März in Hongkong vorgestellte Report «The Art Market 2017» der Art Basel und der UBS. Was der Report auch zeigt: Die Verkäufe von Objekten im Wert von unter 50 000 Dollar blieben zwischen 2006 und 2016 fast konstant. Das Preissegment über einer Million Dollar legte derweil um sagenhafte 400 Prozent zu.

Trotz der schillernden Zahlen geht es vielen Galerien eher schlecht als recht. Magnus Resch, Kunstmarktexperte und Bestsellerautor, hält in seinem Global Art Gallery Report fest: Knapp drei Viertel haben vier oder weniger Mitarbeiter. Nur 16 Prozent setzen mehr als eine Million Dollar um, bei über der Hälfte ist es weniger als 200 000 Dollar.

Kuno Fischer vom Verband Schweizer Auktionatoren von Kunst- und Kulturgut malt ein ähnlich trübes Bild für die Schweiz: 30 Prozent der Galerien machen Verlust. In der Schweiz falle der Hammer selten bei Preisen über 500 000 Franken. Hauptgrund seien relativ hohe Kosten, der starke Franken und ein harter internationaler Wettbewerb um die raren, attraktiven Auktionsobjekte. Die Margen erodieren.

Klotzen, nicht kleckern

Antiquitäten, Einrichtungsgegenstände und Werke des 19. Jahrhunderts, Alte Meister sowie regionale Künstler würden weit weniger nachgefragt, erklärt Fischer. Kein Wunder, hätten die Zürcher und Lausanner Kunst- und Antiquitätenmessen sowie die Antiken-Messe in Riehen letztes Jahr gar nicht stattgefunden.

Die Abendauktionspreise bei den weltweit führenden Auktionshäusern Sotheby’s und Christie’s sowie die exorbitanten Summen für Werke im Privatverkauf würden die Kunstmarktstatistik und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verzerren.

Ein Volk von Sammlern

Leben wir in protzigen Zeiten? Mit Blick auf den Hype im Hochpreissegment trügt für einmal womöglich alles, nur nicht der Schein: Gefragt ist grosse Kunst, auch punkto Dimension. Vielleicht ist es aber auch die fehlende Zeit, sich über so etwas wie ein spätromantisches Gemälde im Briefmarkenformat zu neigen, um Details zu studieren.

Jutta Nixdorf, seit Mai Geschäftsführerin der Zürcher Adresse von Christie’s, sieht die Kunst des 19. Jahrhunderts und Möbel auf dem absteigenden Ast. Bei zeitgenössischer Kunst, beim Impressionismus sowie im Luxussektor wie Uhren oder Handtaschen wachse der Markt dagegen. «In der letzten zeitgenössischen Abendauktion in New York haben sich für die 74 Lose an dem Abend Bieter aus 46 Ländern registriert», sagt sie auf Anfrage.

Die Kunst nach 1945 sei am gefragtesten: internationale Schwergewichte, Basquiat, Mark Rothko, Francis Bacon oder Gerhard Richter und junge Künstler wie die gebürtige Nigerianerin Njideka Akunyili Crosby. «Für herausragende Werke sind Sammler bereit, exzeptionelle Preise zu zahlen.» Die Nachfrage nach Schweizer Spitzenwerken von Hodler, Vallotton, Giacometti sei stabil und werde immer internationaler.

Auch neue Epochen der Schweizer Kunstgeschichte seien gefragt: «Nicht erst seit der Ausstellung Swiss Pop Art in Aarau sehen wir eine steigende Nachfrage nach Schweizer Künstlern, die sich mit Pop Art beschäftigt haben, etwa Samuel Buri.»

Die Schweiz zählt neben New York und London zu den wichtigsten Kunstmärkten, weiss man bei Christie’s. Für Caroline Lang, verantwortlich für das Schweiz-Geschäft beim Konkurrenten Sotheby’s, ist die Schweiz der wichtigste Auktionsort für Schmuck.

Allein im Mai habe man in Genf Preziosen für 151,3 Millionen Dollar angeboten. Nixdorf sieht hierzulande die grösste Dichte an Privatsammlern in Europa. Die Schweiz sei ein wichtiges Zentrum für Kunsthandel. Das werde die Art Basel nächste Woche wieder demonstrieren.

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