Telekom
Telefonieren aus den Ferien: Warum zahlen wir eigentlich noch für Roaming?

Ab dem 1. Juli gilt in der EU eine neue Preisobergrenze für Roaming - in vielen EU-Ländern gehen die Kosten gegen Null. Auch Swisscom senkt die Roaming-Kosten. Gleichziehen mit der EU kann sie aber nicht. Wir erklären, wie das Geschäft funktioniert.

Matthias Niklowitz
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Kann teuer werden: Telefonieren aus den Ferien.

Kann teuer werden: Telefonieren aus den Ferien.

Keystone

Die neuen Swisscom-Roaming-Preise

Die Swisscom hat die Tarife für Telefonieren und Daten-Verbrauch im Ausland gesenkt. Neu kostet die Minute für abgehende Anrufe im Ausland 50 statt 75 Rappen. Eine SMS 30 Rappen. 10 Megabyte können für 5 Franken bezogen werden statt wie bisher 5 Megabyte für 7 Franken. Ausserdem können die 10 Megabyte während 30 Tagen statt bisher 24 Stunden aufgebraucht werden. (nch)

Damit nicht irgendein Netz gewählt wird, sondern das bevorzugte des eigenen Netzbetreibers, kommt zusätzlich noch eine Verkehrssteuerungsplattform ins Spiel.
Erst wenn diese Schritte, bei denen bis zu 12 Firmen im Hintergrund beteiligt sind, abgearbeitet wurden, heisst es dann im Begrüssungs-SMS: «Willkommen in Italien».

Kostenfallen bestehen weiter

Trotz des Drucks auf die Roaming-Preise lauern weiterhin Kostenfallen: Telekom-Kunden sollten nicht einfach ihre Smartphones einschalten und über Mobilnetze drauflos surfen. Viel Geld spart man sich durch den Kauf von Datenpaketen oder zeitlich begrenzten Pauschalangeboten und die Überwachung der Kosten und des Datenkonsums durch automatisch zugeschickte SMS oder durch spezielle Daten-Roaming-Überwachungs-Apps. Netzbetreiber haben zudem die Welt in unterschiedliche Preiszonen unterteilt: EU, weitere (günstigere) Nicht-EU-Länder sowie die teureren Nicht-EU-Länder.
Gerade in diesen teuren Destinationen kann es sich lohnen, bei einem lokalen Anbieter eine Prepaid-Sim-Karte mit hohen Guthaben (beispielsweise 1 Gigabyte) zu kaufen. Solche Angebote gibt es je nach Land ab umgerechnet 10 Franken. Die Kosten sind unter Umständen in wenigen Surfminuten amortisiert. (Nik)

Daten reisen anders

Denn eine SIM-Card, die in einem schweizerischen Endgerät steckt, ist im Ausland praktisch unbrauchbar. Die jeweiligen Netze und ihre Betreiber «kennen» den Kunden nicht. Nur um schon den Sprachverkehr grenzüberschreitend zu gewährleisten, sind laut Marc Furrer, Roamingexperte bei Swisscom, eine ganze Reihe von Schritten erforderlich: Netzbetreiber tauschen zunächst untereinander SIM-Karten, Informationen über ihre gültigen Telefon-Nummernbereiche und IP-Adressen aus. Dann folgen 50 bis 90 Funktionstests auf den Netzen.

Dann spricht man über die Formalitäten bei den Abrechnungen. Der Start erfolgt dann nach Austausch eines «kommerziellen Start-Briefes».

Dreh- und Angelpunkt des Sprach- und Datenverkehrs mit dem Ausland sind jeweils spezialisierte Roaming-Austausch-Börsen für die Abrechnung von Dateneinheiten und Roaming-Gebühren. Ihre Bezeichnungen wie «Data Clearing» ähneln nicht ganz zufällig den Einrichtungen, die Banken und Börsenbetreiber in der grenzüberschreitenden Finanzwelt eingerichtet haben - ihre Funktionen sind denn auch vergleichbar.

Transparenz und Kontrolle

Solche Plattformen gibt es für den Datenverkehr auf den 2G- und 3G-Netzen. Bei den neuen 4G-LTE-Netzen sind zusätzlich sogenannte IPX-Provider beteiligt. Swisscom arbeitet laut eigenen Angaben mit rund 660 Roaming-Partnern zusammen. Alle vier bis 24 Stunden übermitteln sich die Partner gegenseitig die Rechnungsinformationen, damit die Kunden am Monatsende die korrekten Rechnungen verschickt werden.

Über die Aufteilung der Einnahmen sagt Swisscom nichts. Laut Vontobel-Analyst Panagiotis Spiliopoulos landen von jedem Roaming-Umsatzfranken 70 bis 90 Prozent beim einheimischen Netzbetreiber. Der Grossteil des Rests geht an den Netzbetreiber im Ausland und einige wenige Rappen an die spezialisierten Billing- und Daten-Austauschfirmen, die oft Gemeinschaftswerke von Telekom-Netzbetreibern sind.

Noch vor einigen Jahren gab es hin und wieder Pannen, gerade das Auslands-Datenroaming hatte den Ruf einer Abzocke. «Durch unser Roaming-Cockpit, das wir den Kunden anbieten, und womit diese ständig den Überblick über die Kosten und den Datenkonsum haben, ist die Anzahl der Problemfälle um 80 Prozent zurück gegangen», sagt Furrer weiter.

Europaweiter Druck

Die heute angekündigte Preissenkung von Swisscom beim Roaming erfolgt denn nicht ganz zufällig: Am dem 1. Juli dürfen in der EU die Roaming-Telefonminuten nicht mehr als 19 Cents kosten. Ein Megabyte darf noch maximal mit 20 Cents abgerechnet werden. Einzelne Discounter in Deutschland haben die EU-Roaming-Gebühren gleich ganz gestrichen. Ab dem 15. Dezember 2015 werden die Roaming-Gebühren innerhalb der EU ganz wegfallen.

Für die weiter wachsende Gruppe der Flat-Rate-Telefonierer werden Roaming-Gebühren immer unwichtiger. Netzbetreiber wie Swisscom haben unterschiedliche Verhandlungspositionen: Wenn in einem bestimmten Zielland drei oder vier Mobilnetzbetreiber konkurrieren, lassen sich einfacher gute Roaming-Konditionen aushandeln, so Furrer.

Anders sieht es in Ländern wie Kuba aus, wo lediglich ein staatlicher Netzbetreiber da ist - der verlangt dann von den ausländischen Touristen horrend hohe Preise.

Netzbetreiber stehen dann laut Furrer vor einem Dilemma: Um die durch das Roaming anfallenden Kosten zu decken, müssen sie entweder die Inlands-Tarife wieder anheben. Oder sie schrauben an den Tarifen für Nicht-EU-Länder wie die USA oder das Fussball-WM-Land Brasilien.

Swisscom bringt denn auch mit seiner Pressenkungsrunde zunächst die einheimische Konkurrenz unter Zugzwang: Orange wird laut eigenen Angaben ebenfalls „in Kürze" neue Tarife publizieren, wie eine Sprecherin ankündigte.

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