Wer derzeit über ein neues Smartphone nachdenkt, wird unweigerlich mit der Frage konfrontiert: Wie hältst du es mit 5G? Der neue Mobilfunkstandard wird gross beworben – Sunrise lockt mit dem Versprechen, 5G sei «praktisch Glasfaser-Internet durch die Luft», die Swisscom preist das neueste Samsung-Handy mit 5G-Chip zum Sonderpreis ganz oben auf ihrer Webseite an.

Die beiden Anbieter machen auch ordentlich Druck beim Netzausbau. Für ganze 90 Prozent der Bevölkerung will die Swisscom bis Ende Jahr ein entsprechendes Netz gebaut haben. Das bekräftigte Konzernchef Urs Schaeppi gestern anlässlich der Präsentation der Halbjahreszahlen.

Ist die Zeit also gekommen, auf den 5G-Zug aufzuspringen? Dagegen spricht zunächst der Handy-Preis. Das Samsung-5G-Sonderangebot der Swisscom kostet über 1000 Franken, die wenigen Alternativen, die bereits auf dem Markt sind, sind ähnlich teuer. Ohne den Chip (und mit kleinerem Speicher) ist das Samsung-Handy für 400 Franken weniger zu haben.

«Das wird die Swisscom niemals einhalten können»

Auch der Netzausbau läuft trotz grosser Ambitionen der Anbieter schlechter als erwartet. Hauptgrund sind die vielen Einsprachen und Moratorien, die gegen neue Antennen seitens der Bevölkerung eingebracht werden. Widerstand gegen neue Technologien sei zwar nichts Neues, meint Swisscom-Chef Schaeppi, das habe es bereits bei der Einführung des 3G-Standards gegeben. Neu sei indes die Rolle der sozialen Medien: Hier würden viele falsche Informationen verbreitet. In Wahrheit sei 5G in der Schweiz absolut vergleichbar mit den Technologien, die man bereits verwende, beschwichtigt Schaeppi.

Auf die Frage, ob sich die Mehrausgaben für ein 5G-Handy derzeit lohnen, hat Ralf Beyeler eine klare Antwort: «Nein.» Der Telekomexperte vom Portal moneyland.ch rät davon ab, den Kauf eines neuen Handys derzeit von dessen 5G-Fähigkeit abhängig zu machen. Stattdessen lohne es sich, noch bis Anfang nächsten Jahres zu warten. «Dann wird die Auswahl an 5G-Handys grösser und einige Modelle auch günstiger zu haben sein.» Selbst Urs Schaeppi räumt ein, dass 5G derzeit noch ein Angebot für «early adopters» sei – also für Menschen, die früher als die breite Masse die neueste Technik besitzen wollen und dafür Abstriche in der Anwendung in Kauf nehmen. Die Abdeckung sei heute noch klein und der Kunde, weiss der Swisscom-Chef, «will einfach nicht ein 5G-Netz suchen, der will sein Handy nutzen».

Dass der Netzausbau so rasch vorwärts kommt, wie die Swisscom vorgibt, hält Jean-Claude Frick für unwahrscheinlich. Frick analysiert den Telekom-Markt für das Vergleichsportal comparis.ch. Schaeppis Aussage von gestern, bis Ende Jahr 90 Prozent der Bevölkerung mit 5G erreichen zu können, habe ihn überrascht: «Das wird die Swisscom niemals einhalten können», sagt Frick. Auch er rät derzeit vom Kauf eines teuren 5G-Geräts ab. In zwei oder drei Jahren, sagt er, werde man sich indes wohl keine Gedanken mehr machen müssen, ob 5G oder nicht, denn dann werden alle Smartphones auf diesen Standard umgestiegen sein.

Zwei verschiedene Geschwindigkeiten

Bis dahin ist allerdings nicht überall, wo «5G» drauf steht, auch ultraschnelles 5G drin. Die Swisscom unterscheidet zwischen 5G «fast», also «schnell», und 5G «wide». Letzteres zielt in die Breite und ist kaum schneller als der bereits heute weit verbreitete Standard «4G+». Beim 5G-Ausbau opfert die Swisscom also an vielen Stellen Geschwindigkeit zu Gunsten der Abdeckung. Eine Mogelpackung sei das aber nicht, findet Jean-Claude Frick. Denn beim neuen Standard gehe es nicht nur um Geschwindigkeit: Mit der Technologie können Ausfälle, die heute zu beklagen sind, wenn sich viele Handys um wenige Funkmasten tummeln, vermieden werden.

Warum insbesondere Swisscom in der Vermarktung trotzdem massiv auf die Geschwindigkeit setzt, erschliesst sich Frick nicht. Im Gegenteil: «Versprechen, die letztlich nicht eingehalten werden, tragen zur negativen Einstellung vieler Menschen zu 5G bei.»