Herr Poux-Guillaume, der Ölpreis sank zuletzt wieder ab. Wird das Sulzer um Aufträge bringen? Die Abhängigkeit vom Ölmarkt ist bei Ihnen ja noch immer gross.

Gregoire Poux-Guillaume: Sulzer ist abhängig von der Ölindustrie, ja, weil wir dort etwa 45 Prozent unseres Umsatzes verdienen. Aber wir hängen nicht direkt vom Ölpreis ab. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag auf die letzten Zuckungen des Ölpreises schauen würde.

Aber einen Einfluss hat der Ölpreis?

Der Mechanismus ist so: Es gibt eine Preisschwelle, wird diese überschritten, können die meisten unsere Kunden rentabel investieren, und wir bekommen neue Aufträge. Diese Schwelle liegt aktuell um die 60 Dollar pro Fass herum. Dagegen ist es zweitrangig, ob Öl nun 75 oder 80 Dollar kostet.

Dann hoffen Sie, dass der Ölpreis noch lange über 60 Dollar bleibt.

Das wird in den nächsten paar Jahren der Fall sein, davon gehen die meisten Beobachter aus.

Noch vor zwei Jahren sah es weniger rosig aus. Was hat sich verändert?

Beispielsweise dachte man, hohe Preise würden nicht von langer Dauer sein. Die USA würden mehr Ölschiefer fördern und der Preis sinkt wieder. Heute weiss man: Das Öl kann gar nicht so schnell von der Quelle zum Verbraucher gebracht werden. Der Bau von Pipelines erfordert bis zu zwei Jahre. Der Transport auf der Strasse ist teuer. Zudem ist die neue Generation von Ölschiefer-Quellen schwerer erschliessbar als die ältere, was die Kosten erhöht.

Bremst auch Sorge um die Umweltfolgen die Ausbeutung von Ölschiefer?

Nein. In den USA hält sich nach wie vor die Ansicht, Ölschiefer sei bedenkenlos. Dem stimmen nicht alle Länder zu.

Die Auftragslage ist gut, aber der Börsenkurs liegt tiefer als zu Jahresbeginn.

Unsere Leistung bestimmt den Börsenkurs nicht allein. Es fliessen zig Faktoren ein, auch Marktstimmungen. Zurzeit dominiert die Sorge, die globale Konjunktur könnte den Höhepunkt überschritten haben und nun würden die Risiken durchschlagen, wie Brexit oder Zinswende in den USA.

Was erwarten Sie für die Konjunktur, wenn Sie auf Ihre Zahlen schauen?

Ich sehe keine Verlangsamung, wenn ich unsere kommerzielle Pipeline ansehe oder die Kundenanfragen. Im Gegenteil, es geht aufwärts.

Mit Ihrer Leistung sind Sie zufrieden?

Sulzer hat, glaube ich, gute Zahlen geliefert. Wir konnten unsere Versprechen halten, unsere Guidance. Ansonsten waren wir eigentlich sehr langweilig. Langweilig ist gut, solange man gute Zahlen liefert. Jeden Tag auf den Börsenkurs zu schauen, bringt hingegen nichts. Eine langfristige Sicht ist besser.

Wann ist «Peak Oil» erreicht, also der Höhepunkt der globalen Fördermenge?

Mitte der Neunziger hiess es, Peak Oil sei in 15 Jahren erreicht. Der Beruf des Bohringenieurs hatte damals keine Zukunft, ich entschloss mich nach dem Studium dennoch dazu. Aktuell heisst es nun, 2040 werde es so weit sein. Der Zeitpunkt wird seit Jahrzehnten herausgeschoben.

Die erneuerbaren Energieformen – vor allem Wind- und Solarkraft – haben grosse Fortschritte gemacht. Die Hersteller von Gasturbinen haben das zu spüren bekommen: Der Markt ist eingebrochen. Warum gab es keine spürbaren Folgen für die Ölindustrie?

Die Kapazitäten von Wind- und Solarkraft wachsen tatsächlich weltweit rasch. In neue Kohlekraftwerke wird kaum mehr investiert. Der Markt für Gasturbinen wird noch auf Jahre hinaus unter Druck sein, aber er wird sich erholen. Es braucht Gaskraftwerke, um die Stromnetzwerke stabil zu halten, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht bläst. Kohle- oder Kernkraftwerke können das nicht leisten, weil man sie nicht auf Knopfdruck hochfahren kann.

Und der Ölmarkt?

Die Nachfrage wird teils durch die chemische Industrie hochgehalten. Rohöl wird ja zur Herstellung aller möglichen Produkte benötigt: von Kosmetika über Medikamente, Chemiefasern und Klebstoffen bis hin zu Düngemitteln. Unser Chemtech-Geschäft läuft sehr gut. Zudem ist der Nachholbedarf in der Ölförderung gross. In den letzten drei Jahren wurde kaum investiert, und Nichtstun bedeutet in der Ölwirtschaft, dass die Förderkapazitäten geringer werden. Durch Alterung der Quellen zum Beispiel. Zugleich ist die Weltwirtschaft gewachsen und damit der Ölbedarf. Die Aussichten für uns sind also gut.

Dennoch investieren Sie ausserhalb der Ölbranche.

Ja, wir haben in den letzten drei Jahren neun Unternehmen übernommen. Keines ist in der Öl- oder Gasbranche tätig. Wir haben etwa zugekauft im hochpräzisen Kunststoffspritzguss. Dieses Geschäft führen wir seit Anfang 2017 in einer vierten Division, Applicator Systems. Wir liefern dort an Kunden in der Dentalbranche, Klebstoffe oder Kosmetik.

Auf der Sulzer-Website finden sich Bilder, die aus der Kosmetik-Werbung stammen könnten. Für einen Industriekonzern ist das gewöhnungsbedürftig. Wie weit gehen Sie mit der Diversifizierung?

Wir wollen Geschäfte stärken, die wir bereits haben. Mit der Kosmetik zum Beispiel bedienen wir zwar eine neue Branche. Aber die zugrunde liegende Technologie, Kunststoffspritzguss, beherrschen wir seit Jahren und sind dort ein wichtiger Akteur.

Wie ist grundsätzlich Ihre Haltung in dieser ewigen Debatte: Wie weit sollen Unternehmen sich auf ein Kerngeschäft fokussieren, wie weit sollen sie verschiedene Geschäfte betreiben?

Ein bestimmtes Mass an Diversifikation ist gerechtfertigt, wenn jedes Geschäft sich profitabel entwickeln kann, keines unter den anderen leidet und wenn ein Weg da ist, um Aktionärswerte zu schaffen.

Könnten Sie das anhand der neuen Applikatoren-Division näher erläutern?

Stünde diese Division allein, würde sie pro Gewinnfranken mit einem höheren Börsenwert gehandelt, das Kurs-Gewinn-Verhältnis wäre höher. In einer solch statischen Betrachtung wird den Aktionären also Wert vorenthalten. Aber das ist okay, solange unser Aktionsplan für diese Division mehr Wert schafft. Dann ist Sulzer in den Augen der Aktionäre der beste Eigentümer. Sonst kommen unweigerlich Fragen – und das zu Recht.

Unternehmen begründen Diversifikation häufig mit Synergien. Sie nicht?

Weniger. Investoren fragen manchmal, ob ich nicht auch der Ansicht sei, dass es eher wenige Synergien gebe zwischen der Applikatoren-Division und dem übrigen Geschäft. Ich antworte jeweils, nein, dieser Ansicht sei ich nicht, es gebe nämlich überhaupt gar keine Synergien. Applicator Systems ist einfach ein gutes Geschäft.

Wenn wir von Investoren reden: Ihr Grossaktionär, der russische Milliardär Viktor Vekselberg, wird seit April von den USA sanktioniert. Ist Vekselberg heute noch so etwas wie ein Ankerinvestor für Sulzer?

Ankerinvestor würde ich das nicht nennen. Wir haben eine grosse, zumeist passive Investorin mit der Tiwel Holding, an der Viktor Vekselberg die wirtschaftlich berechtigte Person ist. Gross, weil die Holding rund 49 Prozent der Aktien hält. Passiv, weil sie unsere Aktien weder kaufen noch verkaufen kann. Sie hat eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach sie nicht zukaufen wird – mit uns und mit der US-Sanktionsbehörde Ofac. Verkaufen kann sie nicht, weil sie sanktioniert ist. Daher ist sie eine unterstützende Beobachterin.

Viktor Vekselberg.

Viktor Vekselberg.

Inwiefern unterstützend?

Weil sie uns grossartig geholfen hat, als wir kurzzeitig von den Sanktionen betroffen waren. Sonst kann sie nicht viel tun. Sie stellt zwei von sieben Verwaltungsräten. Unser Präsident, Peter Löscher, hat ja keinerlei geschäftliche Beziehungen mehr zur Holding oder zu Viktor Vekselberg.

Was wird geschehen, wenn dieSanktionen dereinst wegfallen?

Ich glaube, sie würde Aktionärin bleiben, weil sie Sulzer mag als Unternehmen und als Investition. Aber zurzeit stellt sich die Frage nicht.

Was hat sich für Sulzer verändert, wenn Vekselberg nunmehr nur ein passiver Investor ist?

Eigentlich nichts. In den drei Jahren, in denen ich hier bin, haben Vekselberg oder seine Vertreter nie ins betriebliche Alltagsgeschäft eingegriffen. Die Beaufsichtigung des Managements überliessen sie dem Verwaltungsrat. Sie waren immer eher ein passiver Investor.