Strategie 2030
Die SBB fokussieren auf die Agglomeration und Ausflügler: Leidet der Service Public unter der neuen Strategie?

Die Bahn gibt sich eine neue Strategie. Sie will robuster und pünktlicher werden - und dort wachsen, wo die meisten Leute wohnen. Sind die ambitionierten Ziele realistisch?

Stefan Ehrbar
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Wohin steuern die SBB?

Wohin steuern die SBB?

Keystone

«Mitten in der Krise soll man bei Angeboten nichts entscheiden», sagte SBB-Chef Vincent Ducrot im Gespräch mit CH Media vor knapp einem Jahr. Nun hat er es doch getan. Zusammen mit Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar präsentierte er am Donnerstag die «Strategie 2030», über welcher die Bahn in den vergangenen Corona-Monaten gebrütet hatte.

«Wir sind überzeugt: Bahnfahren hat Zukunft», hiess es bereits in der Einladung. Aber da sei eben auch die finanziell schwierige Situation, das Mobilitätsverhalten, das sich verändere und die Mobilität, die trotzdem stark wachsen dürfte – alles in allem eine «anspruchsvolle Phase» für die Bahn. Was soll sich nun also ändern?

Der finanzielle Druck ist hoch

SBB-Chef Vincent Ducrot

SBB-Chef Vincent Ducrot

Keystone

Präsentiert hat die Bahn eine «Evolution, keine Revolution», wie es Monika Ribar sagte. Pünktlichere Züge, stabilere Fahrpläne, eine bessere Kundeninformation - das sind alles keine neuen Ideen, auf die noch keine Bahn-Chefs zuvor gekommen wären. Trotzdem ist der Fokus richtig: Nur wenn die Bahn ihr Kerngeschäft beherrscht, kann sie auch mit neuen Angeboten wachsen.

Der Spielraum ist allerdings begrenzt, nicht zuletzt wegen des finanziellen Druck, unter dem die Bahn wegen der Coronakrise steht. Trotz Zuschüssen des Bundes dürfte auch dieses Jahr ein tiefroter Jahresabschluss resultieren, schon im ersten Halbjahr schrieb die Bahn einen Verlust von 389 Millionen Franken. Die Bahn wird sich künftig deshalb auch stärker fokussieren müssen - und das könnte zu einem Paradigmenwechsel führen.

Das Ergebnis der SBB

Konzernergebnis in Millionen Franken
2015
2016
2017
2018
2019
2020
H1/2021
Ergebnis-5000500

Einerseits will die Bahn einen stärkeren Fokus auf den Freizeitverkehr legen. Sie rechnet damit, dass auch künftig unter dem Eindruck von Homeoffice weniger gependelt wird. Gleichzeitig ist der Anteil des öffentlichen Verkehr an den Freizeitreisen noch sehr tief. Das soll sich ändern - etwa, in dem die SBB künftig am Wochenende ein anderes Angebot bereitstellen als unter der Woche.

Die Idee dahinter ist, dass beispielsweise Menschen aus den Städten oder dem Mittelland künftig einfacher in die Ausflugsregionen kommen. Als Beispiel nannte SBB-Chef Vincent Ducrot Verbindungen von Zürich ins Berner Oberland oder ins Wallis, die künftig direkter als heute verkehren könnten und beispielsweise nicht mehr in Bern Halt machen. Solche Verbindungen könnten auch dafür sorgen, dass Skifahrerinnen und Skifahrer auf dem Weg in die Berge nicht mehr umsteigen müssen - ein Hindernis, das heute viele zum Auto greifen lässt.

Fokus auf die Agglomeration

Im Freizeitverkehr setzen die SBB weiterhin auf die Berge. Unter der Woche verabschieden sie sich aber davon - zumindest ein wenig. Die Bahn wolle dort wachsen, wo sie ihre Stärken habe, heisst es in der Mitteilung der SBB: «Über schnelle, längere Distanzen sowie in den Agglomerationen».

Die Bahn als Massentransportmittel kann dort ihre Vorteile ausspielen, wo viele Menschen wohnen. Das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, aber in der föderalistischen Schweiz geht es nicht immer nur um das verkehrspolitisch Rationale. «Der Service Public bleibt», betont Vincent Ducrot im Gespräch mit CH Media denn auch. Randregionen wolle die Bahn auch künftig «komplementär gut erschliessen». Aber: Sowohl die Bahn als auch der Bund seien überzeugt, dass der Fokus auf die Agglomerationen richtig sei. Den Anteil des ÖV könne die Bahn dort erhöhen, wo die meisten Leute wohnten und sich bewegten.

Wird ÖV-Anteil verdoppelt?

Tatsächlich hat der Bund ambitionierte Pläne. Im Rahmen seiner Langfristperspektive Bahn 2050 will er den Anteil des öffentlichen Verkehr an den zurückgelegten Wegen, den sogenannten Modal Split, verdoppeln. In den letzten Jahren stagnierte er bei etwa 21 Prozent. Eine Verdoppelung gilt selbst den Fachleuten des Bundes als ambitioniert. SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagte am Donnerstag, es werde nicht reichen, einfach mit dem Bevölkerungswachstum mitzuhalten, um die Anteile zu erhöhen.

Davon konnte in den letzten Monaten sowieso keine Rede sein, im Gegenteil. Seit Ausbruch der Coronakrise meiden viele Menschen den öffentlichen Verkehr oder müssen dank Homeoffice weniger pendeln. Die bei den SBB zurückgelegten Kilometer zeigten zuletzt zwar wieder nach oben, doch noch immer fehlt mehr als jeder vierte Passagier im Vergleich zur selben Zeitperiode von vor zwei Jahren. Auf der Strasse hingegen sind die Einbrüche viel weniger stark, und viele ÖV-Unternehmen in Städten berichten von Auslastungen, die wieder etwa bei 85 bis 90 Prozent liegen.

Die Nachfrage bei den SBB

Von allen Kunden zurückgelegte Kilometer pro Monat (in Milliarden)
Kilometer Fernverkehr
Kilometer Regionalverkehr
Jan 19Feb 19Mär 19Apr 19Mai 19Jun 19Jul 19Aug 19Sep 19Okt 19Nov 19Dez 19Jan 20Feb 20Mär 20Apr 20Mai 20Jun 20Jul 20Aug 20Sep 20Okt 20Nov 20Dez 20Jan 21Feb 21Mär 21Apr 21Mai 21Jun 21Jul 21Aug 21Sep 21Okt 21Monat0,00,51,01,5

Bis 2025 wollen die SBB nun zunächst mal den Fokus auf die Pünktlichkeit und einen robusten Fahrplan legen. Wenn die Menschen dereinst zurückkommen in die Züge, sollen sie ein Angebot vorfinden, das auch funktioniert. Es ist nicht die schlechteste Strategie in unsicheren Zeiten.

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