Generalversammlungen
Stimmrechtsberater verlieren Einfluss

Die neue Harmonie zwischen Verwaltungsräten und Aktionären in der Schweiz ist zwiespältig.

Daniel Zulauf
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Die Ablehnung von Verwaltungsratsanträgen bei Stimmrechtsberatern ist auf einem Höchststand angekommen. Im Bild: CS-GV mit Urs Rohner. (Archiv)

Die Ablehnung von Verwaltungsratsanträgen bei Stimmrechtsberatern ist auf einem Höchststand angekommen. Im Bild: CS-GV mit Urs Rohner. (Archiv)

KEYSTONE

Professionelle Stimmrechtsberatungsfirmen sind in den vergangenen Jahren kritischer geworden. Das zeigen Auswertungen der Abstimmungsergebnisse der diesjährigen Generalversammlungen von den 100 grössten Schweizer Publikumsgesellschaften. Diese werden durchgeführt von der Zürcher Beratungsfirma Swipra, die auf Governance-Analysen spezialisiert ist. Mehr als 14 Prozent der Verwaltungsratsanträge haben die vier in der Schweiz wichtigsten Stimmrechtsberater (darunter der führende US-Berater ISS) im vergangenen Jahr kollektiv abgelehnt – so viele wie noch nie. Bewirkt haben sie damit jedoch wenig. Der effektive Nein-Stimmen-Anteil an den Generalversammlungen ist kaum gestiegen.

Diese Feststellung untermauert Swipra anhand der Abstimmungsergebnisse zum umstrittensten Thema, der Managementvergütung. Im Mittel haben in diesem Frühjahr nur 13 Prozent der Aktionäre den Vergütungsbericht ihres Unternehmens zurückgewiesen – unwesentlich mehr als vor fünf Jahren, obschon die Ablehnungsrate von Ethos und ISS in dieser Zeit von 56 Prozent auf 58 Prozent bzw. von unter 20 Prozent auf 42 Prozent gestiegen ist. «Institutionelle Investoren stützen sich zusätzlich zu Abstimmungsempfehlungen vermehrt auf eigene Governance- und Stimmrechtsrichtlinien», erklärt Swipra die erstaunliche Differenz.

Swipra versteht unter institutionellen Investoren insbesondere auch grosse Vermögensverwalter, die das Geld ihrer Kunden indexnah, also passiv anlegen. Die amerikanische Blackrock ist mit diesem Geschäftsmodell zum weltgrössten Fondsmanager aufgestiegen. Die Anlagepolitik der Firma besteht nicht aus der Auswahl einzelner Aktien, sondern aus der Selektion von Märkten. Blackrock ist in der Schweiz ein Schwergewicht. Von den 40 Milliarden Franken an Dividenden, welche die 30 grössten Publikumsgesellschaften in diesem Frühjahr ausschütteten, gingen 1,3 Milliarden oder mehr als 3 Prozent an Blackrock-Kunden – sie sind damit die mit Abstand grössten Profiteure des helvetischen Dividendensegens. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass sich Blackrock bei Streitigkeiten zwischen Aktionären und Unternehmen traditionell zurückhält und meist die Position der Unternehmensführung unterstützt. Nur etwa in jedem fünften Fall hat sich Blackrock bisher auf die Seite einzelner oppositioneller Investoren geschlagen.

Zunahme von Konfrontationen

Auf die fortgesetzte Treue von Blackrock und anderen gleichgerichteten Investoren kann auch die Nestlé-Führung aufbauen, die vom aktivistischen US-Investor Daniel Loeb drangsaliert wird. Loeb fordert einen schnelleren und radikaleren Umbau des Lebensmittelkonzerns. Mit einem Aktienanteil von rund einem Prozent ist er allerdings im Vergleich zu Blackrock (4,7 Prozent) ein Winzling. Doch Loeb spekuliert darauf, künftig von passiven Grossinvestoren mehr Unterstützung zu erhalten. Ob diese Spekulation aufgeht, ist fraglich. Erst im Januar formulierte Blackrock-Chef Larry Fink in einem Brief an die Chefs der weltgrössten Firmen sein Glaubensbekenntnis als Weltkapitalist.

«Für das langfristige Gedeihen jedes Unternehmens reicht das Erreichen finanzieller Ziele nicht aus. Eine Firma muss auch zeigen können, wie sie positive Beiträge für die Gesellschaft leistet.» Fink verweist auf das Paradoxon der hohen Renditen an den Aktienmärkten bei einem gleichzeitig hohen Stand des Sorgenbarometers in der Bevölkerung. «Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, ob staatlich oder privat, soziale Zwecke erfüllen.» Daniel Loeb und sein Hedgefonds Third Point verfolgen indessen rein finanzielle und eher kurzfristige Ziele. Swipra-Chefin Barbara Heller rechnet dennoch mit einer Zunahme konfrontativer Situationen, wie sie Loeb und Nestlé vorexerzieren. Ein im Kapitalmarkt glaubwürdiger Shareholder-Aktivist habe das Potenzial, eine grosse Masse gleichgesinnter Investoren zu mobilisieren.