Wirtschaft

Stadler Rail holt Doris Leuthard – und will von ihren Beziehungen profitieren

Doris Leuthard und Peter Spuhler (hinten links) scheinen sich beim Rollout des ersten Giruno 2017 blendend zu verstehen.

Doris Leuthard und Peter Spuhler (hinten links) scheinen sich beim Rollout des ersten Giruno 2017 blendend zu verstehen.

Der Thurgauer Schienenfahrzeugbauer trifft Vorbereitungen für den Milliardenausbau der Schweizer Bahninfrastruktur.

Die ehemalige Bundesrätin und langjährige Verkehrsministerin Doris Leuthard soll im April in den Verwaltungsrat des Thurgauer Schienenfahrzeugbauers Stadler Rail gewählt werden. Dies hat das vom früheren SVP-Nationalrat Peter Spuhler präsidierte und kontrollierte Unternehmen am Donnerstag bekannt gegeben. Die Nomination erfolgt nur eine Woche nachdem der Bundesrat dem «Ausbauschritt 2035» für die Schweizer Eisenbahninfrastruktur grünes Licht gegeben hat. Die zeitliche Nähe der beiden Ereignisse mag Zufall sein. Der inhaltliche Zusammenhang ist aber geradezu offensichtlich.

Fast 13 Milliarden Franken will der Bund in den nächsten 20 bis 30 Jahren investieren. Damit will er verhindern, dass die Bahn aus allen Nähten platzt, wenn die Einwohnerzahl des Landes dereinst die 10-Millionen-Marke erreicht oder gar überschreitet. Die dem gigantischen Infrastrukturprojekt vorausgegangenen Hochrechnungen gehen von einer Zunahme des Personenverkehrs auf der Schiene um 50 Prozent aus. Dass damit auch riesige Investitionen in neues Rollmaterial verbunden sein werden versteht sich von selbst.

Stadler profitiert von Leuthards Beziehungen

Von alledem ist in der Kommunikation von Stadler Rail aber nicht die Rede – zumindest nicht explizit. Spuhler preist Leuthards Bereitschaft zur Mitarbeit zwar als «grossen Gewinn für den Verwaltungsrat und für Stadler» an. Dies aber allein aufgrund ihrer «ausgewiesenen Fachkompetenz in Verkehrs- und Infrastrukturfragen sowie ihrer politischen Erfahrung als ehemalige Bundesrätin und Verkehrsministerin».

Selbstredend setzt Spuhler aber auch auf Leuthards ausgedehntes politisches Beziehungsnetz, von dem er sich Vorteile bei künftigen Rollmaterialausschreibungen erhoffen dürfte. Leuthard weiss selbstverständlich, dass sie mit ihrem Einstieg in das Eisenbahngeschäft einen politisch heiklen Schritt wagt. Eine Verbindung ihrer Verwaltungsratskandidatur mit den geplanten Milliardeninvestitionen des Bundes lässt sie aber nicht gelten. «Der Ausbau der Bahninfrastruktur hat ja keinen direkten Zusammenhang mit Stadler Rail», schreibt sie auf eine entsprechende Mail-Anfrage unserer Zeitung. Das Rollmaterial bestelle nie der Bund, sondern die Transportunternehmen selber. «Mehr kann ich dazu nicht sagen», schreibt die ehemalige Bundesrätin.

Im Fall des früheren Verkehrsministers Moritz Leuenberger, der 2010 unmittelbar nach seinem Austritt aus dem Bundesrat in den Verwaltungsrat des Baukonzerns Implenia wechselte, war die Abgrenzung in der Tat noch deutlich weniger klar, zumal Implenia Aufträge direkt vom Bund erhält.

Dennoch wird im Communiqué von Stadler Rail ausdrücklich betont, Doris Leuthard halte mit ihrer Kandidatur an der Generalversammlung 2020 die politisch geforderte Karenzfrist von einem Jahr ein. Diese Frist hatte der Bundesrat 2015 für hochrangige Beamte eingeführt.

Das alles ändert freilich wenig am Eindruck, dass Peter Spuhler bei der Besetzung seines Aufsichtsgremiums ein starkes Augenmerk auf die Wachstumschancen im Schweizer Markt legt. In diese Richtung weist auch die im Frühling erfolgte Wahl der ehemaligen Berner Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer, die in ihrer Zeit als Magistratin nicht nur das Verkehrsdepartement geleitet hatte, sondern während 16 Jahren auch im Verwaltungsrat der BLS aktiv war.

Neue Produktionsstätte soll nächstes Jahr fertig sein

Auch operativ geht Stadler Rail gut vorbereitet ins Rennen um künftige Grossaufträge in der Schweiz. Im August beging das Unternehmen die Aufrichte des neuen Produktionswerkes in St.Margrethen, das bis im kommenden Jahr mit einer Investition von 85 Millionen Franken fertiggestellt werden soll. Das moderne Werk ersetzt die alte Fabrik in Altenrhein, die Stadler 1997 von Schindler übernommen hatte, und bringt gemäss Spuhler grosse Effizienzfortschritte in der Herstellung von Doppelstockzügen.

Aufgrund der schlechten Erfahrungen, welche die SBB mit Bombardier beim Kauf der doppelstöckigen Intercity-Triebzüge Dosto sammeln musste, dürften sich die Investitionen bei künftigen Ausschreibungen als erheblicher Wettbewerbsvorteil erweisen.

Autor

Daniel Zulauf

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