Pharmaindustrie

Stabwechsel bei Novartis: Der neue Chef muss sich um einige Baustellen kümmern

Ein Unternehmen im Umbruch: Novartis wird künftig von einem 41-jährigen Amerikaner gelenkt. GAETAN BALLY/Keystone

Ein Unternehmen im Umbruch: Novartis wird künftig von einem 41-jährigen Amerikaner gelenkt. GAETAN BALLY/Keystone

Novartis-Präsident Jörg Reinhardt setzt wieder stärker auf Forschung. Dazu braucht er den richtigen Mann.

Nach acht Jahren ist Schluss. Novartis gab gestern den Rücktritt des Konzernchefs Joe Jimenez per Ende Januar 2018 bekannt. Dann wird Vasant Narasimhan den Posten übernehmen, wiederum ein Amerikaner, wie jedoch sein Name verrät, Sohn indischer Eltern. Der 41-Jährige leitete derzeit die Medikamentenentwicklung und ist «Chief Medical Officer». Narasimhan arbeitet seit zwölf Jahren bei Novartis, zuvor war er für die US-Beratungsfirma McKinsey tätig. Er hat an der Harvard Medical School ein Medizinstudium absolviert und besitzt einen Bachelor-Abschluss in Biologie.

Sowohl aus beruflicher als auch aus persönlicher Sicht sei dies der richtige Zeitpunkt, die Führung des Unternehmens abzugeben, sagte Jimenez an einer Telefonkonferenz. «Ich bin nun seit acht Jahren Konzernchef, viel länger sollte jemand nicht CEO bleiben.» Persönlich freut sich der 57-Jährige, mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Kalifornien zurückzukehren, woher er stammt.

Insider haben es geahnt

Die Medienmitteilung strotzt vor Bemühen, den Führungswechsel möglichst harmonisch darzustellen. So wird etwa Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt mit den Worten zitiert: «Ich möchte Joe meinen aufrichtigen Dank für seine Leistungen als CEO aussprechen.» Weitere lobende Sätze folgen.

Ob der Abgang von Jimenez jedoch tatsächlich so freiwillig erfolgt, wie dies Novartis nun kommuniziert, ist fraglich. So machte Jimenez deutlich, dass er nach seiner Zeit bei Novartis noch kein Jobangebot hat oder andere konkrete Pläne verfolgt. Hätte er seinen Rücktritt von langer Hand geplant, sähe dies anders aus.

Ein weiteres Indiz ist eine Aussage von Reinhardt in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft» vor knapp zwei Monaten. Gefragt, wie zufrieden er mit der Arbeit von Jimenez und seinem Team sei, antwortete der Deutsche wörtlich: «Wir haben gegenüber früher ein viel kooperativeres und ausgewogeneres Team, das von Joe Jimenez sehr gut geleitet wird. Ich bin mit der aktuellen Situation zufrieden, aber es gibt immer etwas zu tun.» Gerade der letzte Satz klingt im Kontext eines Interviews alles andere als euphorisch.

Wobei der nüchterne Reinhardt keiner ist, der zur Lobhudelei neigt. Und doch, dass die Ära Jimenez beim Pharmakonzern zu Ende geht, hat sich in den letzten Monaten abgezeichnet. Man habe den Rücktritt erwartet, tönt es aus dem Innern des Milliardenkonzerns. Eine Überraschung ist vielmehr, dass sich der Amerikaner unter Präsident Reinhardt überhaupt so lange halten konnte. Als dieser 2013 die Nachfolge von Daniel Vasella antrat, hatte Reinhardt mit Jimenez noch eine Rechnung offen. Denn Reinhardt aspirierte 2010 ebenfalls auf den Chefposten, doch er zog den Kürzeren gegenüber dem Branchenfremdling und wechselte zu Bayer.

Als Jimenez 2010 zu Novartis kam, war er der Mann der Stunde. Der Konzern war als Holding-Gesellschaft deutlich breiter aufgestellt als heute. Die Produktepalette umfasste Pharma, Generika, Impfstoffe, Diagnostik bis hin zur Augenheilkunde und Tiergesundheit. Ein «superprofessioneller CEO» wie Jimenez sollte als zentrale Figur die Fäden in der Hand halten. Dafür holte man den Amerikaner in die Schweiz, der zuvor unter anderem beim Ketchuphersteller Heinz arbeitete. «Joe hätte ebenso gut eine ABB führen können», sagt ein Vertrauter des Managers.

Reinhardt als treibende Kraft

Doch mit der Nominierung von Reinhardt setzte allmählich eine Strategieumkehr ein. Bei Novartis begann man sich wieder auf die Wurzeln zu besinnen, stellte die Forschung in den Mittelpunkt. Mit dieser Neuausrichtung begannen die Spannungen zwischen Präsident und Konzernchef. Denn der Treiber dieser neuen Strategie war ganz klar Reinhardt, der selbst Forscher ist. Jimenez dagegen tat sich schwer mit dieser Neuausrichtung.

Narasimhan, der Nachfolger von Jimenez, dagegen ist viel stärker in der Welt der Forschung verwurzelt. Er wird sich um mehrere Baustellen kümmern müssen. Als Erstes steht eine Entscheidung mit der Augenheilsparte Alcon an. Ob die Sparte verkauft wird, dürfte im Oktober bekannt werden, wenn Novartis die Zahlen für das dritte Quartal vorlegen wird. Dann wird Jimenez noch an Bord sein, der erst im Januar den Posten des Konzernchefs abgibt. Bis zum 31. August bleibt er dann noch beratend für den Konzern tätig, bevor er sich dann mit 58 Jahren – dem frühestmöglichen Zeitpunkt – pensionieren lässt. Während eines weiteren Jahres hat er ein Konkurrenzverbot. Diese «Non-Compete»-Klausel wird bei Jimenez nicht extra entschädigt. Ab 2018 wird es für ihn zudem keine langfristigen Boni mehr geben.

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