Die Lohnverhandlungen sind eröffnet. «Angestellten Schweiz» hatte im Juli den Startschuss gegeben. Man lasse sich nicht länger vertrösten. Um 1,9 Prozent sollen die Löhne steigen. Der Arbeitgeberverband malte umgehend schwarz. Die wirtschaftliche Lage lasse wenig Spielraum. Ohnehin seien die Löhne zuletzt unverhältnismässig gestiegen. Hohe Forderungen kämen verfrüht.

Dieses Jahr könnte sich in der Lohnrunde eine neue Härte zeigen. Die gewichtige Gewerkschaft Syna kündigte gestern an: könne man sich in den Verhandlungen nicht durchsetzen, dann mit anderen Mitteln. Die Syna verlangt ein generelles Plus von mindestens 2 Prozent, für alle Mitarbeiter und Branchen. «Sonst wird weniger am Verhandlungstisch entschieden, sondern vermehrt durch starke gewerkschaftliche Aktionen.»

Verlängerte Pausen oder Proteste statt Verhandlungen

Diese neue Gangart wird zum Beispiel von Irene Darwich vertreten. «Kommen wir in den Verhandlungen nicht zu einem akzeptablen Abschluss, werden wir nicht unterschreiben», kündigt die Syna-Vizepräsidentin an. Lieber gehe man in die Opposition, was konkret hiesse: Versammlungen einberufen, Mitarbeiter zum Mitmachen auffordern, Briefe schreiben an die Chefs. «Das kann bis zu Protesten gehen – oder zu verlängerten Pausen.»

Irene Darwich, Vizepräsidentin Gewerkschaft Syna.

Irene Darwich, Vizepräsidentin Gewerkschaft Syna.

Die Verhandlungen notfalls mit Protesten fortzusetzen – die Gewerkschaften sagen, sie würden sich damit nur verteidigen. Die Angreifer seien die Arbeitgeber. Sie hätten in den letzten Jahren durchgesetzt, dass Lohnerhöhungen zumeist nur individuell verteilt werden, also lediglich an einzelne Mitarbeiter. Diese Verteilung würden die Gewerkschaften nicht überprüfen können – und somit auch nicht verhandeln. Darwich: «Es sind die Arbeitgeber, die auf diese Weise den sozialpartnerschaftlichen Weg verlassen.»

Die neue Härte ist eine Folge der letzten zwei enttäuschenden Lohnrunden, zumindest aus gewerkschaftlicher Sicht. Die Jahre 2017 und 2018 endeten beide damit, dass die Arbeitnehmer sich weniger kaufen konnten für ihren Lohn (siehe Chart). Real, also inflationsbereinigt, sanken die Löhne. Dabei lief die Wirtschaft sehr gut, die Unternehmen waren voll ausgelastet. Reale Lohneinbussen einerseits, Wirtschaftsboom andererseits – ob dieses Kontrasts rumort es nun an der gewerkschaftlichen Basis.

«Der Druck ist gross, dass sich etwas bewegt», sagt Gabriel Fischer, Chefökonom des Dachverbands Travailsuisse. Es habe nun seit etwa zehn Jahren keine kräftige Erhöhung mehr gegeben. So etwas würden die Gewerkschaften mittragen, solange die Wirtschaft schlecht laufe. Aber wenn man in Boomzeiten immerzu vertröstet werde, leide die Geduld. Aktuell solle man wohl mit dem Hinweis auf angeblich unsichere Zeiten hingehalten werden. «Dann muss von den Arbeitgebern ein deutliches Zeichen kommen.»

Konjunkturindikator fällt zurück auf Niveau wie zu Krisenzeiten

Doch der Arbeitgeberverband verweist tatsächlich auf den unsicheren Ausblick. «Die wirtschaftlichen Aussichten sind nun einmal so, wie sie sind. Wir können uns nur an die Fakten halten», sagt Simon Wey. Der Chefökonom des Arbeitgeberverbands hat diese Fakten kürzlich aus Sicht der Arbeitgeber so zusammengefasst: «Die wirtschaftliche Lage lässt wenig Spielraum für Lohnverhandlungen.»

Simon Wey, Chefökonom Arbeitgeberverband.

Simon Wey, Chefökonom Arbeitgeberverband.

Die Industrie habe in den letzten Monaten einen regelrechten Einbruch ihrer Exporte erlebt. Der Einkaufsmanagerindex – ein Stimmungsspiegel für die Industrie – sackte im Juli ebenfalls ab. Aktuell zeigt er den gleichen Geschäftsgang an wie auch im Juli 2009, also inmitten der Finanzkrise. Derweil passten die Experten ihre Prognose deutlich nach unten an. Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich beispielsweise ging von 1,6 Prozent herunter auf ein Wachstum von gerade noch 1 Prozent. Der Boom ist abrupt geendet.

Die Gewerkschaften hätten dennoch «einen Zacken zugelegt», beobachtet Wey. Dafür hat der Chefökonom sogar ein gewisses Verständnis. Unter den gewerkschaftlichen Mitgliedern habe sich wahrscheinlich ein gewisser Frust aufgestaut. Immerhin sei es in den letzten Jahren aus ihrer Sicht nicht wirklich vorwärtsgegangen. «Allein schon deshalb müssen die Gewerkschaften uns gegenüber eine gewisse Härte zeigen.»

Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre oder der drohende Einbruch der kommenden Jahre: Ist die Vergangenheit oder die Zukunft wichtiger für die nächste Lohnrunde? Mit dieser Frage hat sich die KOF Konjunkturforschungsstelle auseinandergesetzt. Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler untersuchte die Lohnentwicklung seit 2013 (siehe Chart). Die Kurzantwort lautet: Weder noch.

Die Arbeitnehmer mussten in den Vorjahren quasi Busse tun

Vorübergehende Hochs und Tiefs beeinflussten zwar die nominalen Löhne. Aber nur sehr wenig. Die nominalen Löhne – was die Arbeitnehmer im Geldbeutel haben – nahm seit 2013 erstaunlich stabil zu. Selbst der Frankenschock konnte daran kaum etwas ändern. Die Unternehmen nahmen lieber in Kauf, dass ihre Margen wegschmolzen. Die Industrie durchlitt eine eigentliche Margenkrise. Doch die Löhne der Mitarbeiter mochte niemand antasten.

Bei den realen Löhnen hingegen ging es etwas drunter und drüber. Was sich die Arbeitnehmer kaufen konnten mit dem Lohn, das schwankte in den Jahren des Frankenschocks deutlich. In den Lohnverhandlungen stützten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber in der Regel auf die vergangene Inflation. Brach diese unerwartet ein, kam es zu Ausschlägen nach oben. So in den Jahren 2015 und 2016.

Im Herbst 2014 zum Beispiel wurde über die Löhne für 2015 verhandelt. Man ging sie von einer Inflation wie im Jahr 2014 aus. Wenige Monate später gab Nationalbank-Präsident Thomas Jordan den Mindestkurs. Aus Inflation wurde Deflation. Die Arbeitnehmer konnten viel mehr kaufen mit ihrem Geld. Die realen Löhne schlugen nach oben aus. 2015 überschätzten Gewerkschaften und Arbeiteber die Inflation abermals – 2016 überschossen die realen Löhne erneut.

Dieses Überschiessen wurde in den Jahren 2017 und 2018 korrigiert. Die Arbeitnehmer hatten zuvor sozusagen über ihre Verhältnisse gelebt, dafür mussten sie nun büssen. Die realen Löhne fielen leicht, bis sie zurück auf dem langfristigen Trend waren. Doch die Zeit der Busse sollte 2018 geendet haben. Wenn die KOF mit ihrer Analyse richtig liegt, dann sollten die realen Löhne nun zumindest wieder leicht steigen. Auch wenn die Aussichten unsicher sind.