Christoph Franz (57) ist seit 2014 Verwaltungsratspräsident des Basler Pharma-Riesen Roche. Bekannt in der Schweiz wurde der schweizerisch-deutsche Manager als Chef der Fluglinie Swiss. Wir treffen ihn im Hotel Belvédère zum Gespräch.

Herr Franz, für die Finanzbranche sollen Republikaner besser sein als Demokraten, sagte Bundesrat Ueli Maurer am WEF. Wie ist das für die Pharma-Branche?

Christoph Franz: Wir werden mit jeder Administration eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das haben wir mit den Demokraten gemacht und das tun wir auch mit den Republikanern. Das Entscheidende ist, dass die Leistungsfähigkeit des amerikanischen Gesundheitswesens erhalten bleibt, dass alle Amerikaner Zugang zu innovativen Medikamenten erhalten und dass wir einen Beitrag dafür leisten, dass das Gesundheitswesen bezahlbar bleibt.

Trump hat sich auf die Fahnen geschrieben, Obama-Care abzuschaffen, ist aber bisher nicht durchgedrungen. Ist das gut für Roche?

Wir sehen bisher keine fundamentalen Veränderungen. Das Obama-Care-Gesetz wird die Trump-Administration nicht auf die Seite legen, das heisst, es wird zu Veränderungen kommen, einerseits zu positiven Veränderungen, aber auch zu solchen, die uns nicht gefallen werden. Solches geschieht auch in anderen Ländern. Damit können wir umgehen.

Trump verlangt, dass Firmen mehr in den USA investieren. Kommt Roche dem nach?

Wir haben in den letzten fünf Jahren vier Milliarden US-Dollar investiert. Im Fall von Roche laufen die Investitionen vor allem über die Tochtergesellschaft Genentech, die aus den USA heraus entstanden ist und dort stark auch als amerikanisches Unternehmen betrachtet wird. Die Steuerreform wird dazu führen, dass wir noch mehr Mittel zur Verfügung haben. Roche ist in den USA ein sehr guter Steuerzahler.

Erst diese Woche kündigte Trump neue Importstrafzölle an. Was halten Sie davon?

Protektionismus betrifft alle global tätigen Unternehmen. Deswegen sind wir Freunde des Freihandels. Dieser muss natürlich fair sein und in bei- de Richtungen funktionieren. Aber wir haben ein Interesse daran, dass wir die Produkte, die wir in der Schweiz, der EU oder auch in den USA herstellen, weltweit verkaufen können.

Ist die Schweiz mit der US-Steuerreform noch attraktiv genug für eine Firma wie Roche?

Man muss sehen, dass die USA deutlich überdurchschnittliche Unternehmenssteuern hatten, die mit der Reform in ein günstiges Mittelfeld abgesenkt wurden. Es gibt eine ganz Menge von Standorten mit wesentlich günstigeren Besteuerungssystemen. Es geht also nicht um die Entwicklung eines amerikanischen Steuerparadieses, sondern um die Beseitigung von Nachteilen zu anderen Ländern. Das hat als Konsequenz zur Folge, dass es einen wirtschaftlichen Stimulierungsimpuls für die USA gibt, in einer Zeit, in der die Wirtschaft ohnehin schon gut läuft. Ich hoffe, dass die freigewordenen Mittel auch in Investitionen fliessen, die tatsächlich auch zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, wie es auch die Regierung beabsichtigt, und nicht in Finanztransaktionen oder in Aktienrückkäufe.

Aber ist die Schweiz noch attraktiv genug?

Sicherlich hat die USA ihre relative Wettbewerbsfähigkeit nochmals verbessert. Das ist der Anlass für andere Länder, auch für die Schweiz, zu überlegen, was wir tun müssen, damit wir im globalen Kontext wettbewerbsfähig bleiben.

Was ist zu tun? Die Unternehmenssteuerreform in der Schweiz scheiterte an der Urne.

Die Reform in der Schweiz hat ja zum Ziel, dafür zu sorgen, dass die Unternehmen nicht substanziell schlechtergestellt werden. Es geht ja nicht da- rum, gegenüber anderen Ländern günstiger zu werden, sondern die Steuerbelastung auf dem gleichen Niveau halten zu können. Wir haben immer gesagt, dass für uns die Frage des Steuerklimas ein Aspekt ist, der über die Frage der Standortentwicklung einen starken Einfluss hat. Es gibt aber noch andere Faktoren.

Welche?

Der Wichtigste ist, dass wir höchstqualifizierte Mitarbeiter gewinnen können. Da ist die Schweiz mit ihrem sehr guten Ausbildungssystem, mit der hohen Lebensqualität und der politischen Stabilität, auch der rechtlichen Stabilität, zu der ein erstklassiger Patentschutz gehört, eines der Länder, das nicht umsonst an der Spitze aller Wettbewerbsranglisten auftaucht.

Ärgern Sie sich manchmal darüber, dass vermehrt wirtschaftsfeindliche Abstimmungen an die Urne kommen? Wirtschaftsführer wollen ja grösstmögliche Planungssicherheit.

Zunächst ist es wichtig, zu unterstreichen, wie positiv es ist, dass die Bevölkerung der Schweiz in so engem Masse in die politische Entscheidfindung einbezogen ist. Das ist ein Privileg gegenüber anderen Ländern. Ich bin ja in Deutschland gross geworden, ich kann das also beurteilen.

Die SVP hat eine Initiative zur Abschaffung der bilateralen Verträge angekündigt. Wäre das für Roche ein Problem?

Selbstverständlich wäre das ein Problem. Der grösste Markt für Roche aus der Schweiz heraus ist natürlich die EU, und wir sind auf ein enges Eingebundensein in die EU angewiesen. Insofern wäre das sicherlich für viele Unternehmen, insbesondere auch Roche, ein deutlicher, massiver Rückschritt und würde den Wirtschaftsstandort Schweiz gegenüber anderen Staaten in der näheren Umgebung zurückwerfen. Das bedeutet nicht, dass am nächsten Tag die Welt sich in die andere Richtung drehen würde, aber Tatsache ist auch, dass das Unternehmen bei Investitionsentscheiden künftig das Wachstum nicht hier in der Schweiz stattfinden lassen würde, sondern an anderen Orten in der EU.

Roche steht unter Druck, neue Medikamente zu entwickeln. Wie viele neue Produkte werden Sie dieses Jahr lancieren können?

Wir lancieren ein neues Medikament gegen Hämophilie. In den USA ist es bereits zugelassen und wir gehen davon aus, dass es dieses Jahr auch in Europa auf den Markt kommen wird. In diesem Bereich gab es in den letzten 20 Jahren kein grundlegend neues Medikament. Es reduziert die Gefahr von Blutung massiv. Zudem werden wir ein neues Multiple-Sklerose-Medikament einführen. Wenn wir von dem ausserordentlichen Erfolg, den wir in den USA erzielt haben, auf Europa schliessen, dann gehe ich davon aus, dass es auch hier sehr gerne von Patienten angenommen wird.

Digitalisierung hält auch in der Pharma-Branche Einzug. Wie wird das Ihre Branche umwälzen?

Sie wird dem Pharma-Bereich und der Diagnostik, in der wir auch tätig sind, neue Türen öffnen. Wir gehen davon aus, dass wir klinische Versuche noch effizienter durchzuführen können.

Wie?

Angenommen, Sie haben ein Patientenregister, dann ginge es viel schneller, geeignete Personen für klinische Studien zu gewinnen. Heute dauert dieser Prozess oft viele Monate. Wenn wir zweitens neben klinischen Studien auch Behandlungsdaten aus dem medizinischen Alltag verwenden könnten und nicht nur solche aus klinischen Studien, können wir Wege finden, den Behandlungsrhythmus zu verbessern und Nebenwirkungen vielleicht zu vermeiden.

Wenn Sie diagnostische Tests mit grossen Datenmengen verknüpfen und immer ausgefeiltere Behandlungsvorschläge automatisch erstellen können, könnte dann der Arzt eines Tages überflüssig werden?

In einer Welt, in der Spitzenmedizin grosse Fortschritte macht, wird es für Ärzte immer schwieriger, Schritt zu halten. Als Patient möchte ich aber Gewissheit haben, nach den letzten Erkenntnissen der medizinischen Forschung behandelt zu werden. In solchen Fällen helfen intelligente Entscheidungsunterstützungsinstrumente. Der Vorteil ist, dass der Arzt den Patienten immer noch persönlich betreuen kann und gleichzeitig Zugriff auf das neuste medizinische Wissen erhält. Statt stundenlang medizinische Fachbeiträge zu lesen, kann er sich voll auf den Patienten konzentrieren. Ich bin überzeugt, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient auch in Zukunft eine enorm wichtige Rolle für den Erfolg einer Behandlung spielt.