Güterverkehr

Rheintalbahn-Strecke wieder offen – doch der Schaden des «Rastatt-Desasters» wirkt nach

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Die Rheintalstrecke ist nach siebenwöchigem Unterbruch wieder befahrbar. Nun drängen Schweizer Unternehmen, Verbände und Politiker dazu, aus dem Zwischenfall Lehren zu ziehen.

Am Sonntag ist der Zugverkehr auf der Rheintalbahn-Strecke wieder angerollt. Und ab heute sollte der Betrieb vollumfänglich nach Fahrplan verlaufen. Die Krisenstelle bei Rastatt nahe Baden-Baden (D), an der sich am 12. August Gleise bei einer Tunnelbaustelle abgesenkt hatten, ist repariert.

Für Zugreisende zwischen der Schweiz und Destinationen in Deutschland nördlich von Karlsruhe geht damit eine zweimonatige Phase der Unsicherheit zu Ende, in der unbequemes Umsteigen auf Schienenersatzverkehr nötig war und erhebliche Verspätungen in Kauf genommen werden mussten.

Für den Güterverkehr hingegen geht ein Albtraum zu Ende, da der wichtigste europäische Güterverkehrskorridor Rotterdam-Genua – offiziell: Rhine-Alpine Freight Corridor – vollständig unterbrochen war. Die Auswirkungen auf die Verkehre und Logistik waren massiv. Gerade die Schweiz bekam dies zu spüren. Nur ein gewisser Teil der Güterzüge konnte über Ausweichrouten geführt werden. Gewisse Waren wurden gar nicht oder verspätet geliefert. Viele Unternehmen sattelten für ihre Lieferungen auf den Strassenverkehr um.

«Die ersten Züge laufen erstaunlich erfreulich, aber es wird wohl zwei Wochen dauern, bis sich bei uns alles normalisiert», sagt Irmtraut Tonndorf, Sprecherin der Hupac AG. Das Unternehmen mit Sitz in Chiasso ist Branchenleader im transalpinen Unbegleiteten Kombinierten Verkehr (UKV), das heisst Transport von Containern, Sattelanhängern und Wechselbrücken via Bahn.

Auch für die international tätige SBB Cargo International werden die Auswirkungen des Unterbruchs in Rastatt spürbar bleiben. «Zwar können die für Güterkunden wesentlich teureren Verkehre über die Umleitungsrouten wieder aufgehoben werden, dennoch wird der Schienengüterverkehr noch lange Zeit benötigen, um sich von den Folgen des Streckenunterbruchs zu erholen», teilten die SBB mit.

Nestlé hat vorgesorgt

Gewisse Unternehmen wie Migros oder Nestlé profitierten davon, dass sie ihre Supply Chains für die Schweiz alternativ zu den Nordseehäfen auch für den Mittelmeerhaften La Spezia aufgebaut haben. Risiken und Verspätungen liessen sich mithilfe der Intermodal-Verbindungen von dem norditalienischen Hafen in die Schweiz verringern.

Deutlich zugenommen hat auch der Umschlag in den Basler Rheinhäfen. Spediteure sind teilweise auf die Schifffahrt ausgewichen; Flugbenzin und Kerosin für den Flughafen Zürich wurde vermehrt über den Wasserweg bis Basel transportiert. Die chemische Industrie in Deutschland klagte allerdings über Engpässe bei der Rohstoffversorgung. Die Landesversorgung in der Schweiz war gemäss dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung indes nicht in Gefahr.

Das «Rastatt-Event» hat riesige materielle Schäden ausgelöst. «Bei uns geht es um einen zweistelligen Millionenbetrag», sagt Hupac-Sprecherin Tonndorf. Das Netzwerk der Europäischen Eisenbahnen (NEE), bei dem SBB Cargo International Mitglied ist, beziffert den Umsatzausfall auf 12 Millionen Euro pro Woche.

Sicher ist: Der Schaden ist massiv, genauso wie die Schadenersatzforderungen an DB Netz, welche für die Bahninfrastruktur in Deutschland zuständig ist. Dazu kommt ein nicht zu beziffernder immaterieller Schaden für den Schienengüterverkehr. Das Vertrauen ist angeschlagen. Es wird eine Weile dauern, Kunden, die auf die Strasse ausgewichen sind, wieder für die Schiene zu gewinnen.

Während der Normalbetrieb nun wieder anläuft und die Schadensstatistiken erstellt werden, werden Unternehmen, Verbände und Politiker auf politischer Ebene aktiv. Ständerat Josef Dittli (FDP/UR) und Nationalrat Fabio Regazzi (CVP/TI) haben parlamentarische Vorstösse eingereicht, die den Bundesrat auffordern, die Lehren aus der Sperrung der Hochrheinstrecke zu ziehen.

Der Vorfall habe erhebliche Mängel im Krisenmanagement der Bahnen und der europäischen Korridororganisationen zutage gebracht, insbesondere eine mangelnde Koordination der verschiedenen Akteure der Schweiz und ihrer Nachbarländer – Infrastrukturbetreiber, Eisenbahnverkehrsunternehmen, Verlader und Operateure.

Nationalrat Regazzi, Präsident von Cargo Forum Schweiz, fordert eine finanzielle Unterstützung aller Betroffenen: «Opfer der Streckensperrung waren nicht nur ausländische Unternehmen im Transitverkehr, sondern auch alle im Import- und Exportverkehr involvierten Schweizer Unternehmen, die nun leer auszugehen drohen.»

Kleine Sperrung, grosse Wirkung

In einem offenen und mehrseitigen Brief an EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc fordern Dutzende von Transportverbänden unter anderem, die Infrastrukturarbeiten international zu koordinieren und grenzüberschreitend zu managen, «damit die Sperrung eines kurzen Abschnitts einer Bahnstrecke nie wieder zu einem solchen Chaos mit weitreichenden wirtschaftlichen Schäden wie in Rastatt führt.»

SBB Cargo nutzt die Gelegenheit, um für den trimodalen Containerterminal «Gateway Basel Nord» zu werben. Damit werde die Voraussetzung geschaffen, entsprechende Verkehre nachfragegerecht umzuschlagen.

In einer Forderung sind sich wohl alle einig: «Rastatt must never happen again!» So steht es auf der Homepage von Hupac. Rastatt darf nicht nochmals passieren.

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