Prognose
Tui, Swiss und Co. erwarten einen halbwegs normalen Sommer: «Die Reiselust ist ungebrochen»

Die Tourismusbranche wurde vom Coronavirus stark gebeutelt. In diesem Jahr soll nun aber die Erholung folgen. Reisebüros und Fluggesellschaften fordern dafür einheitliche Massnahmen.

Sarah Kunz
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Mittlerweile ist es bereits wieder möglich, diverse Länder zu bereisen. Die Tourismusbranche hofft deshalb auf ein besseres Reisejahr 2021.

Mittlerweile ist es bereits wieder möglich, diverse Länder zu bereisen. Die Tourismusbranche hofft deshalb auf ein besseres Reisejahr 2021.

Keystone

Corona, strikte Massnahmen, Einschränkungen, Unsicherheit. Viele haben momentan genug um die Ohren, um auch nur im Entferntesten ans Reisen zu denken. Andere zieht es hingegen genau deswegen in die Ferne – um die Wärme zu geniessen, den Sorgen zu entfliehen, weg zu kommen. Während Ferien im vergangenen Jahr wegen der Reisebeschränkungen vielerorts hintenanstehen mussten, sollten sie in diesem Jahr wieder vermehrt möglich werden. Das hoffen jedenfalls Reiseveranstalter und Fluggesellschaften. Und sie sind guten Mutes: 2021 könnte bereits das Jahr der Erholung werden.

Den Anfang für diesen Optimismus machte Tui-Chef Fritz Joussen vergangene Woche. Wie er gegenüber der «Rheinischen Post» sagte, erwartet er trotz der Krise einen «weitgehend normalen Sommer». Europas grösster Tourismuskonzern werde aber nur rund 80 Prozent so viele Flugreisen wie in früheren Jahren anbieten. Damit wolle man kein Überangebot auf dem Markt haben und eine optimale Auslastung erreichen, präzisiert eine Sprecherin auf Anfrage. Denn: «Die Reiselust ist ungebrochen und der Wunsch nach Reisen ist da.» Das würden auch die Zahlen zeigen. Derzeit sei Tui für den Monat Mai bereits zu 50 Prozent ausgebucht.

Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizerischen Reise-Verbands, hält die Prognosen von Tui für «sehr optimistisch». Als realistisch bezeichnet er 50 Prozent der Buchungen wie in den Vorjahren – wenn eine Prognose auch überaus schwierig sei. «Schliesslich hängt das Reisejahr 2021 von so vielen Faktoren ab, die wir nicht beeinflussen können», sagt Kunz. Zuerst einmal müssten die Länder nun ihre Fallzahlen in den Griff kriegen. In der Branche sei die Stimmung aber grundsätzlich optimistisch: «Man merkt, es geht bergauf.»

Reisebüros: «Wer jetzt schon bucht, hat nur Vorteile»

Die Hoffnung liegt auf den Sommermonaten. Die wichtigen Reisemonate Januar bis April, in denen normalerweise Destinationen wie Asien, Australien oder Neuseeland winken, sind eh bereits hinfällig. «Wir glauben, dass es ab Frühling eine spürbare, schrittweise Erholung geben wird», sagt eine Hotelplan-Sprecherin. Gemäss Hotelplan dürften im Bereich Kurzstreckenreisen Destinationen rund um das Mittelmeer sowie Skandinavien oder auch das Baltikum sehr beliebt sein. Im Langstreckenbereich hofft der Reiseanbieter, dass Reisen nach Nordamerika, Namibia oder einige Destinationen in Asien wieder möglich werden.

Trotzdem sind die Zahlen von Hotelplan verhaltener als die von Tui: «Wir gehen aktuell davon aus, dass wir rund 50 Prozent des Umsatzes gegenüber vor der Coronapandemie erzielen können», sagt die Sprecherin. Kuoni nennt zwar keine konkreten Zahlen, berichtet aber bereits von «eingeschränkten Verfügungen» in Bezug auf Buchungen für die Sommermonate. Dies, weil laut eines Sprechers viele Sommerferien vom vergangenen Jahr auf das jetzige Jahr verschoben worden seien. Die restlichen Buchungen würden sehr wahrscheinlich kurzfristig erfolgen.

Der Kuoni-Sprecher empfiehlt jedoch: «Wer sich jetzt zu einer Buchung entschliesst, tut dies ohne Risiko und profitiert erst noch von Frühbucherrabatten und einer noch guten Verfügbarkeit.» Auch der Aargauer Anbieter Knecht Reisen rät dazu, bereits jetzt zu buchen. Denn durch das reduzierte Angebot, eine Vielzahl an Umbuchungen aus dem Vorjahr und die aufgestaute Reiselust der Kunden seien Geheimtipps bereits nahezu ausgebucht.

So erging es Schweizer Reisebüros im vergangenen Jahr:

Ebenfalls mit einer Erholung des Marktes in diesem Jahr rechnet die Swiss. Die Lufthansa Tochter geht für den Sommer aktuell von einem Verkehrsaufkommen von 50 Prozent im Vergleich zur Situation von vor der Krise aus. «Für uns entscheidend ist die Wiederaufnahme der interkontinentalen Verbindungen, vor allem derjenigen in die USA», sagt ein Sprecher. Eine genauere Prognose sei ab März möglich.

Reisebranche fordert einheitliche Regelungen

Die Tourismusbranche ist zuversichtlich, dass sie sich in diesem Jahr etwas vom Schlag erholen kann. Die Schweizer Reisebüros und die Swiss sind sich aber einig, dass für die gewünschte Erholung einige Voraussetzungen erfüllt werden müssen. So brauche es beispielsweise einheitliche Reisebestimmungen über alle Länder hinweg. «Nur mit schnellen, koordinierten und einheitlichen Verfahren kann man sowohl für die Bevölkerung als auch für die Wirtschaft planbare Mobilität und Reisefreiheit als auch den Gesundheitsschutz gewährleisten», sagt etwa der Swiss-Sprecher. Dies beispielsweise mittels Schnelltests, PCR- und Antigen-Tests sowie Gesundheitspässen für Reisende oder einer generellen Impfpflicht. Auf Letzteres plädieren auch diverse Reisebüros: «Ein wirksamer und flächendeckender Impfschutz wird vieles vereinfachen», sagt etwa der Knecht Reisen-Sprecher.

Vom Bund wünscht sich die Reisebranche ein koordiniertes Vorgehen bezüglich der Härtefälle. «Der Bund muss beim Notrecht die Zügel wieder in die Hand nehmen», fordert Verbandsleiter Walter Kunz. «Diese kantonalen Härtefallregelungen sind ein Desaster.» Für Kunz mache es Sinn, wenn die Kantone eine differenzierte Beurteilung der Schweizer Tourismusdestinationen und Hotels vornehmen. Schliesslich gebe es da regionale Unterschiede in der Betroffenheit der einzelnen Unternehmen. Für die Reisebüros sei diese Regelung aber nicht nachvollziehbar: «Ein Büro im Kanton Zürich ist genauso betroffen wie eines im Aargau. Während eines aber entschädigt wird, erhält das andere möglicherweise keinen Franken.» Laut Kunz sei es deshalb an der Zeit, den kantonalen Flickenteppich zu beenden und die Auszahlungen an die betroffenen Unternehmen voranzutreiben.

Zuletzt müsse der Bund das Reisen wieder enttabuisieren, fordert die Branche. «Der Bundesrat soll diesem Jahr davon absehen, ausschliesslich Reisen innerhalb der Schweiz als verantwortbar darzustellen», sagt beispielsweise der Kuoni-Sprecher. «Es hat sich als Trugschluss herausgestellt, dass das Ansteckungsrisiko auf Auslandsreisen überproportional gross ist.»

Mehr Budget für das Reisejahr 2021

So machen wir nach Corona Ferien

Die Art, wie wir verreisen und Urlaub machen, wird sich durch das Coronavirus stark verändern – und das nicht nur in Bezug auf die erforderlichen Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen, sondern auch auf die Einstellung der Reisenden. Tui vermutet etwa, dass die Kunden 2021 mehr für ihre Ferien ausgeben werden, da sie es im letzten Jahr nicht im gleichen Ausmass wie sonst konnten und nun zusätzliches Budget zur Verfügung hätten. Globetrotter geht davon aus, dass fortan wieder bewusster und nachhaltiger gereist wird. Und Knecht Reisen nimmt an, dass der sogenannte Overtourism – also überfüllte und überrannte Touristenorte – vor allem in diesem Jahr abnehmen wird.