Debatte
Pro und Kontra: Soll die Arbeitszeit in der Schweiz gesenkt werden?

Schweden testet ein alternatives Arbeitszeitmodell: künftig soll nur noch sechs Stunden am Tag gearbeitet werden. Auch in der Schweiz werden solche Gedanken gewälzt. Pro: Tommaso Manzi Redaktor. Kontra: Michael Wanner, Wirtschaftsredaktor.

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Die mechanischen Stempeluhren sind am Aussterben, doch die Arbeitszeit erfassen müssen immer noch die meisten Angestellten (Symbolbild).

Die mechanischen Stempeluhren sind am Aussterben, doch die Arbeitszeit erfassen müssen immer noch die meisten Angestellten (Symbolbild).

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Die Arbeitszeit wird in der Schweiz wieder heftig diskutiert. Ausgerechnet in einer Zeit, in denen KMU wegen der Frankenstärke ihre Arbeitszeiten erhöhen – müssen. Was ist also von solchen Ideen zu halten?

PRO von Tommaso Manzin, Redaktor

«Freizeit hat ihren Preis – und einen unbezahlbaren Wert»

Tommaso Manzin

Tommaso Manzin

Nordwestschweiz

Aus der Produktivität können die Schweizer nicht mehr Recht auf Faulenzen ableiten als andere. Doch Raum für mehr Zeit besteht.

Die Daten der OECD zeigen: Länder mit hoher Produktivität sind nicht stets jene, in denen am meisten gearbeitet wird. Im Gegenteil: Sie leisten sich oft mehr Freizeit. Und sie können sie sich leisten. Wenn die Geschichte der Industrienationen etwas lehrt, dann, dass dank technischem Fortschritt die Arbeitszeit stetig gesenkt werden konnte.

Ökonomie ist für viele Buchhaltung oder eine Anleitung zum perfekten Egoismus. Nicht selten für jene, die Schnäppchenjagden bei Kleidern, Hotels und Billigflügen geradezu als Sport betreiben. Die Ökonomie hat die Nutzenmaximierung nicht erfunden, sondern beobachtet – an uns. Die Ökonomie fasst den Begriff des Nutzens zudem weiter als meist behauptet. Um es mit Oscar Wilde zu sagen: Sie ist nicht zynisch, denn sie kennt nicht nur Preise, sondern auch Werte, für die es keinen Marktpreis gibt. Wir konsumieren nicht nur, wenn wir einen Fernseher kaufen, sondern auch, wenn wir ein Buch lesen oder spazieren gehen. Warum das wichtig ist? Weil der moderne Mensch eben immer mehr genau solche «immateriellen» Güter konsumiert. Und dazu gehört auch mehr Freizeit. Nicht mehr Zeit, um mehr zu shoppen. Sondern eben für das, was für Geld nicht zu haben ist. Freizeit hat ihren Preis: den entgangenen Lohn. Aber sie ist irgendwie auch unbezahlbar.

Die Schweiz hat eine hohe Produktivität. Dennoch lässt daraus nicht ableiten, dass sich eine Senkung der Arbeitszeit aufdrängt: Praktisch alle Länder, in denen im Schnitt weniger gearbeitet wird, sind noch produktiver. Die Schweiz würde allerdings vom 29. Auf den 16. Fleiss-Rang vorrücken, wenn man nur Vollzeitstellen berücksichtigt. Denn in der Schweiz sind Teilzeitpensen besonders klein, auch wegen der vergleichsweise wenig ausgebauten Kinderbetreuung. Dies drückt den Durchschnitt. Bezüglich Vollzeitstellen spulen unter vergleichbaren Ländern nur gerade Österreicher, Briten und Australier mehr Stunden ab – alles Länder mit geringerer Produktivität. Ob die Schweizer deswegen eine Verringerung der Arbeitszeit per Gesetz wollen, ist fraglich. Ihr liberales Gewissen könnte es ihnen verbieten. Die Welt staunte, als sie ein gesetzliches Minimum von 6 Wochen Ferien ablehnten. Vielleicht würden sie eine sozialpartnerschaftliche Lösung vorziehen. Etwas Raum für etwas mehr Zeit hätte sie jedenfalls.

CONTRA von Michael Wanner, Wirtschaftsredaktor

«Lassen wir den Markt spielen. Es ist demokratisch legitimiert»

Michael Wanner, Wirtschaftsredaktor

Michael Wanner, Wirtschaftsredaktor

Nordwestschweiz

Ein wichtiger Standortvorteil der Schweiz ist der flexible Arbeitsmarkt. Der soll nicht durch noch mehr Regulierung aufgegeben werden.

Dass einzelne Arbeitnehmer in Schweden nur noch 30 Stunden pro Woche arbeiten, ist auf den ersten Blick beneidenswert. Für die Schweiz kommt ein solches Modell aber kaum infrage. Eine Messung der Arbeitszeit macht nur in Industrie-Jobs wirklich Sinn.

Da lässt sich der Arbeitseinsatz direkt ins Verhältnis zu den hergestellten Produkten setzen. Aber gerade in der Schweizer Industrie ist das Bedürfnis derzeit ein Gegenteiliges. Trotz vollen Auftragsbüchern lässt der starke Franken die Margen schrumpfen. Um dem entgegenzuwirken, erhöhen viele KMU hierzulande gerade die Wochenarbeitszeiten.

Anstatt mit der Stechuhr die Zeit zu messen, würde es für den Grossteil der Jobs in der Schweiz viel mehr Sinn machen, eine Flexibilisierung bezüglich Zeitpunkt und Ort zuzulassen.

Gerade in kreativen Jobs, aber auch bei vielen Büro-Jobs im Dienstleistungssektor kommt es letztlich nur darauf an, dass eine Arbeit erledigt wird. Ob frühmorgens oder am Abend und ob im Büro oder von zu Hause: Das sollte eigentlich keine Rolle spielen.

Ein solches, flexibleres Modell hätte zudem den Vorteil, dass es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern würde. Dadurch liessen sich wiederum mehr junge Mütter in den Arbeitsmarkt integrieren, womit die ganze Volkswirtschaft gewinnen würde.

Auch wenn die 30-Stunden-Woche für die Schweiz nicht zu passen scheint: Aus liberaler Sicht spricht nichts dagegen, wenn sich einzelne Unternehmen und Arbeitnehmer auf eine reduzierte Wochenarbeitszeit einigen.

Wirklich schädlich wäre das Modell erst, wenn die Politik es den Unternehmen verpflichtend vorschreiben würde. Die Arbeit würde sich verteuern, die Schweiz als Standort verlieren.

Nicht vergessen darf man schliesslich, dass das Schweizer Stimmvolk sich mehrfach zugunsten der heutigen Ausgestaltung des Arbeitsmarkts ausgesprochen hat. Es will nicht mehr Ferien und keinen Mindestlohn.

Doch auch jenseits dieses Totschlag-Arguments gibt es gewichtige Gründe, wieso man den Markt im heute gesetzten Rahmen spielen lassen soll – und kann. Dies hat der Bundesrat gemerkt, nachdem er nach langem Hin und Her vorgestern die Regeln zur Arbeitszeiterfassung der gelebten Realität angepasst hat.