Verkehr

Parkplatz-Abbau, Tariferhöhungen und Velorouten: So fördern die Städte das Velo

Luzern hat ein ehemaliges Bahntrassee zur Veloroute umfunktioniert.

Luzern hat ein ehemaliges Bahntrassee zur Veloroute umfunktioniert.

Die grossen Städte warten nicht auf den Bund. Mit verschiedenen Massnahmen fördern sie das Velofahren und den ÖV – auch auf Kosten der Autofahrer.

Diese Preiserhöhung hat es in sich: 780 statt 300 Franken sollen Anwohner in Zürich künftig für ihre Jahresparkkarten in der Blauen Zone bezahlen. Ebenfalls abgeschafft werden soll das kostenlose Parkieren in der Nacht. Davon erhofft sich die Stadtregierung eine Lenkungswirkung: Wenn weniger parkierte Autos am Strassenrand stehen, gebe es mehr Platz für Velofahrer und Fussgänger, teilte sie im Juli mit.

Es ist nicht die einzige Massnahme, die auf die Autofahrer zielt. In der Innenstadt will der Zürcher Stadtrat rund 10 Prozent oder 770 Parkplätze abbauen, um mehr Grünräume und Platz für Fussgänger und Velofahrer zu schaffen. Das gab er letztes Jahr bekannt – und griff damit den «historischen Parkplatzkompromiss» an. Diese 1996 vom Gemeinderat beschlossene Übereinkunft legt fest, dass die Zahl der öffentlich zugänglichen Parkplätze in der Innenstadt auf dem Stand von 1990 belassen wird. Insgesamt gibt es in der Stadt Zürich 70’000 öffentlich zugängliche Parkplätze.

Bern will Hälfte der Parkplätze abbauen

Mit einer Initiative, über die am 27. September abgestimmt werden, wird der Druck auf diese nun grösser. Sie fordert, dass die Stadt ein Netz von mindestens 50 Kilometer Länge für Routen aufbaut, auf denen ausschliesslich Velos unterwegs sein dürfen. Dafür sollen auch Parkplätze aufgehoben oder versetzt werden können. Einen Gegenvorschlag, der eine Kompensationspflicht für Parkplätze vorsah, lehnte der Gemeinderat ab.

Zürich ist nicht die einzige Stadt, die den Parkplätzen an den Kragen will. Bern will in den nächsten zehn Jahren die Hälfte der öffentlichen Parkplätze aufheben. In unterirdischen Parkhäusern stünden viele Plätze leer, sagte Berns Verkehrsministerin Ursula Wyss (SP) letztes Jahr dem «Tages-Anzeiger». Zudem wolle die Stadt den Veloanteil deutlich steigern. Damit das Velofahren sicher sei, brauche es eigene Spuren im Sinn einer «dritten Infrastruktur» neben Strassen und Trottoirs, die entweder sehr breit oder vom restlichen Verkehr ganz abgetrennt sei. Für Velobahnen müssten auch Parkplätze geopfert werden.

Den Veloverkehr fördert auch Luzern – und wird dabei kreativ: Seit die Zentralbahn unterirdisch zwischen Luzern und Kriens verkehrt, dient das bisherige Bahntrassee als Velo- und Fussgängerweg. Auch in Luzern soll das Parkieren teurer werden. In der Innenstadt sollen die Parkgebühren erhöht werden, wie der Stadtrat diesen Frühling bekanntgab. Zudem soll die Zahl der Besitzer von Dauerparkkarten sinken. Dafür will die Stadt die Zahl der Kurzzeitparkplätze erhöhen.

Einen Abbau von über 500 Parkplätzen in den nächsten Jahren gab gestern der Kanton Basel-Stadt bekannt – aus Sicherheitsgründen. Aufgehoben werden Parkplätze, die zu nahe an den Tramgleisen stehen. Dort komme es immer wieder zu Unfällen mit Velofahrern. Letztes Jahr verstarb etwa der bekannte Umweltschützer Martin Vosseler bei einem solchen Unfall. Nach dem Willen des Kanton Basel-Stadt soll Basel die «velofreundlichste Stadt der Schweiz» werden. Dazu wurde vor drei Jahren ein Masterplan verabschiedet, der die Schaffung neuer Veloplätze und neuer Velorouten vorsieht.

Auch das Velo verbraucht viel Platz

In Bern betrug der Anteil des Velos am Modalsplit 2015 etwa 15 Prozent. Gemessen wird der Anteil des Velos als Hauptverkehrsmittel an den durch die Stadtbevölkerung zurückgelegten Wegen. In Zürich betrug der Anteil 12 Prozent. Wegen der Coronakrise dürfte er nun stark steigen. Im August registrierte die Stadt Zürich an den Velomessstellen über 77 Prozent mehr Velofahrer als im Vorjahresmonat, wie eine Auswertung durch diese Zeitung zeigt. Für Städte ist der Veloverkehr attraktiv, weil er deutlich weniger Platz verbraucht als Autos.

So liegt der sogenannte «Flächenstundenbedarf», der angibt, wie viel Fläche ein Verkehrsmittel bei durchschnittlicher Nutzung pro Tag und Nutzer in Anspruch nimmt, beim Velo bei 25 Quadratmetern. Das Auto kommt laut einer Studie des Verkehrsclub Österreich auf 290 Quadratmeter. Doch im Vergleich zum ÖV ist auch das Velo ineffizient: Selbst nur zu 40 Prozent ausgelastete Busse und Trams haben mit 3,6 respektive 3,1 Quadratmetern deutlich bessere Werte. Den ÖV auszubauen, ist deshalb aus der Perspektive des Flächenverbrauchs sinnvoll – und zahlt sich aus.

In Kantonen mit einem guten Angebot sinkt der Motorisierungsgrad stetig. Er zeigt, wie viele Autos pro Einwohner eingelöst sind. In Basel-Stadt kamen letztes Jahr 337 Autos auf 1’000 Einwohner – fünf Prozent weniger als 2014. Im Kanton Zürich sank der Wert im selben Zeitraum um knapp 2 Prozent auf 488, in Genf um fast 7 Prozent auf 439 Autos pro 1’000 Einwohner. In den Städten Basel, Bern und Zürich besitzt über die Hälfte der Haushalte kein eigenes Auto. Im ganzen Land war der Motorisierungsgrad zuletzt stabil bei etwa 541 Autos pro 1’000 Einwohner.

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