Bestellungen
Onlinefood erhält viel Coronaschub: So sehen die Lieferfristen und Kosten der Schweizer Onlinehändler aus

Der Onlinehandel setzte 2020 mit Lebensmitteln erstmals eine halbe Milliarde um. Aktuell können die Lieferfristen noch eingehalten werden.

, Sarah Kunz
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Onlinehändler sind in der Pandemie gefragt. Im Bild: Ein Farmy-Mitarbeiter stellt bestellte Einkäufe zusammen.

Onlinehändler sind in der Pandemie gefragt. Im Bild: Ein Farmy-Mitarbeiter stellt bestellte Einkäufe zusammen.

Keystone

Im Lockdown des vergangenen Frühjahrs stieg die Nachfrage bei den Onlinehändlern enorm. Selbst im Lebensmittelbereich, der verglichen mit Elektronikartikeln oder Kleidern im Onlinehandel ein Mauerblümchendasein fristete,stiegen die Bestellvolumen fast senkrecht nach oben.

Mit Folgen für die Logistik. Mitten im Lockdown, im April, dauerte es bis zu zwei Wochen, bis die Bestellungen von Coop und Migros bei den Kunden eintrafen. Alexandra Scherrer, Chefin des auf Onlinehandel spezialisierten Beratungsunternehmens Carpathia, sagt:

Die Online-Lebensmittelanbieter waren überrumpelt von der plötzlich sehr stark angestiegenen Nachfrage und kamen an ihre Kapazitätsgrenzen.
Alexandra ScherrerCEO & Senior Digital Business Consultant

Alexandra ScherrerCEO & Senior Digital Business Consultant

zvg

Die Logistikinfrastruktur wie Lager- und Kommissionierungsflächen waren nicht ausgelegt für diese Mengen und konnten auch nicht auf die Schnelle in dieser Grössenordnung erweitert werden. Bei Coop etwa verdoppelten sich die Bestellungen im ersten Lockdown.

Migros kann die doppelte Bestellmenge bewältigen

Im aktuellen Shutdown sieht es nicht nach einem so starken Anstieg aus. Gemäss Coop haben sich der sprunghafte Nachfrage-Anstieg und die übermässigen Einkäufe des ersten Lockdowns nicht im gleichen Masse wiederholt. Auch bei der Migros nicht. Beide verzeichnen aber nach wie vor eine überdurchschnittliche Nachfrage. Wer online bestellt, muss allerdings derzeit nicht lange auf seine Ware warten:

Via Website und Apps informieren die Onlinehändler über die Liefertermine. Mit ein Grund für die kurzen Wartezeiten dürfte der Ausbau der Kapazitäten sein: Die Migros kann gemäss eigenen Angaben im Vergleich zum Vorjahr die doppelte Menge an Bestellungen handhaben. «Wir haben zusätzliche Lagerflächen sowie ein ­komplett neues drittes Verteilzentrum in Pratteln in Betrieb genommen», sagt eine Sprecherin. Der nach wie vor grösste Online-Lebensmittelhändler gab gestern für 2020 eine Umsatzsteigerung von 40 Prozent auf 266 Millionen Franken bekannt. Die Sprecherin sagt:

Im vergangenen Jahr haben wir bei Migros Online über 300 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Coop hat ebenfalls die Kapazitäten erweitert. Mitten im ersten Lockdown lancierte Coop das sogenannte Top-100-Sortiment. Es umfasste die 100 am meisten bestellten Lebensmittel. Diese Bestellungen wurden ausserhalb des bestehenden Prozesses aufbereitet. So konnten die Lieferfristen verkürzt werden. Dafür spannte Coop mit dem Luzerner Logistikkonzern Galliker zusammen. Diese Zusammenarbeit lief im Sommer aus, seit Dezember betreibt das Transportunternehmen aber im Auftrag von Coop eine Verteilplattform für Produkte, um das Lager des Detailhändlers in Spreitenbach zu entlasten. Dank diesem Auftrag konnte Stellenabbau verhindern werden, wie Firmenchef Peter Galliker sagt.

Auch Coop konnte im vergangenen Jahr mit gelieferten Lebensmitteln mehr verdienen. Coop.ch (vormals coop@home) steigerte den Umsatz um 42,6 Prozent auf 227,4 Millionen Franken. Treiber des Wachstums bei beiden Grossen ist insbesondere der Frischebereich.

Nadia Schärli

Der drittgrösste Anbieter, Farmy, legte im vergangenen Jahr gar um 170 Prozent auf 26 Millionen Franken zu. Da Farmy insbesondere Kunden von Migros gewinnt, nähern sich die Marktanteile der beiden Grossen im Onlinefood-Geschäft immer weiter an.

Sind Lebensmittel auch nach Corona online gefragt?

«Im Coronajahr hat damit der Schweizer Online-Lebensmittelhandel erstmals die Grenze von 500 Millionen Franken Umsatz durchbrochen», sagt Alexandra Scherrer von Carpathia. Noch lasse sich aber schwer sagen, wie nachhaltig der Schub der Coronapandemie ist. Scherrer sagt:

Bestimmt sind einige Konsumentinnen und Konsumenten auf den Geschmack gekommen und werden auch nach der Krise weiterhin online einkaufen. Erste Tendenzen zeigen klar in die Richtung.

Es hänge aber viel von den Anbietern ab, wie sie die Kunden bei der Stange halten können.

Für die Kunden seien vor allem die Lieferkosten und die Mindestbestellmenge «Hürden», um online Lebensmittel einzukaufen. Coop und Migros sehen hier wenig Spielraum, den Kunden entgegenzukommen. «Die niedrigen Margen und die hohe Komplexität und Kosten im Zusammenhang mit dem Versand von frischen Lebensmitteln sind für die Anbieter Problembereiche», erklärt Scherrer.

Allenfalls könnten die Lieferdienste mit dem sogenannten Milchmann-Prinzip die Kosten senken, wie es verschiedene Start-ups bereits anwenden. «Allerdings sind es dann kaum noch frei wählbare Lieferslots, sondernfixe Touren», erläutert sie. Das niederländische Start-up Picnic gilt in der Branche als Vorreiter des Modells. Auch in der Schweiz sind in den letzten Jahren viele Lieferdienste mit Abo-Möglichkeit entstanden.