Diesel kommt unter Druck. Nicht nur in den Verbrennungszylindern der 1,35 Millionen Dieselpersonenwagen, die derzeit in der Schweiz zugelassen sind, sondern auch auf dem politischen Parkett. Nachdem das deutsche Bundesverwaltungsgericht am Dienstag entschieden hatte, dass deutsche Städte und Bezirke Fahrverbote für Dieselfahrzeuge erlassen dürfen, ist jetzt auch die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi auf den Anti-Diesel-Zug aufgesprungen. Auf Twitter schreibt Raggi unter dem Hashtag #StopDiesel, dass dieselbetriebene Autos ab 2024 auch auf den Strassen Roms nichts mehr verloren hätten.

Der Grund für die plötzliche Verdammung des einst hochgejubelten Kraftstoffes liegt nahe. Das deutsche Umweltbundesamt rechnet vor, dass Diesel-Personenwagen für fast drei Viertel des gesamten Stickstoffausstosses im Stadtverkehr verantwortlich sind. Die Werte dürften in der Schweiz ähnlich sein.

Garagisten ärgern sich

Dass der Diesel jetzt so urplötzlich verteufelt wird, das stört Hans Locher trotzdem gewaltig. Der Garagist steht im Büro seines «Autocenters Aarau» und hält eine aktuelle Zeitung in der Hand. «Dass Politiker jetzt auch Diesel-Fahrverbote für die Schweiz fordern, ist doch lächerlich», sagt Locher und schaut hinaus auf den Parkplatz seines Gebrauchtwagenhandels. Da stehen VWs, Mercedes, Audis, viele davon mit Dieselmotoren. «Jetzt müssten doch die Importeure und die Produzenten geradestehen, die uns jahrelang angelogen und bei den Abgastests beschissen haben.» Stattdessen treffe es die unschuldigen Autofahrer, die ihre Autos teuer nachrüsten müssen und denen man jetzt im nahen Ausland Fahrverbote auferlege.

Sein Sohn Roland legt nebenan den Telefonhörer auf und tritt ins Büro. Seine Meinung ist klar: «Bevor Deutschland den Diesel-Fahrern den Kampf ansagt, soll es besser die Braunkohlekraftwerke abschalten.» Dass man die Umwelt schützen müsse, sei natürlich unbestritten. «Diese Fahrverbote, das ist aber einfach nicht fair gegenüber den Leuten.» Zudem glaubt er, dass die Umsetzung der Verbote in Deutschland trotz angekündigter Sonderregelungen etwa für Handwerker ziemliche Probleme verursachen könnte. «Fast 100 Prozent der Lastwagen, die die Läden beliefern, sind mit Diesel betrieben. Die kann man ja nicht über Nacht allesamt mit Velokurieren ersetzen.»

Verunsicherung bei den Kunden über die Geschehnisse im nördlichen Nachbarland spüren die beiden Garagisten aber keine. «So schnell lassen die sich nicht beeindrucken. Das prallt von ihnen ab», sagt Roland Locher.

Dieselmotoren haben in der Schweiz einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. 1990 wurde hierzulande gerade mal jeder dreissigste Personenwagen mit einem Dieselmotor angetrieben, 2017 war es praktisch jeder dritte PKW. Die Zahl der Neuzulassungen von Dieselfahrzeugen ist zwar im letzten Jahr erstmals seit 25 Jahren leicht zurückgegangen. Trotzdem fahren auf helvetischen Strassen immer noch fast hundertmal mehr «Diesler» herum als Elektroautos und zwanzig mal mehr als Hybridfahrzeuge.

Die «schwarze Geliebte»

Am Anfang des Diesel-Aufstiegs stand ein deutscher Ingenieur mit seiner «schwarzen Geliebten». So nannten sie Rudolf Diesels Erfindung, seinen Motor, weil er so viel und lange daran schraubte. Ein neuartiger Verbrennungsmotor war Diesels Ziel. Einer, der günstiger sein sollte als die damals schier unbezahlbaren Benziner. Druck war Diesels Lösung. In seinem Aggregat presste er Luft so stark zusammen, dass sich ein eingeschossener Spritzer Heizöl in der durch den Druck heiss gewordenen Luft selbst entzündete.

Das Verfahren erfand Diesel Ende des 19. Jahrhunderts. Heute stellt die Technologie – ohne zu übertreiben – das Rückgrat der Weltwirtschaft dar: Frachtschiffe und Lastwagen treibt er an, früher sogar Eisenbahnen. So ziemlich alle Güter, die von einem Kontinent zum anderen bewegt werden, fahren irgendwann auf ihrer Reise auch mal in einem Diesel mit.

Der Diesel ist indes kein Motor, der einen Personenwagen antreiben sollte. Robust aber eben auch grobschlächtig ist er. Der erste funktionstüchtige Dieselmotor wog fast fünf Tonnen. Keine guten Voraussetzungen für den Einsatz in einem PKW. Doch die Ingenieure von Volkswagen, Daimler und Co. wurden kreativ. Sie rüsteten die Motoren auf, verpassten ihnen Einspritzpumpen, Turbolader und Russfilter, um das grosse Problem der schadstoffhaltigen Abgase in den Griff zu bekommen.

Trotz vieler Tüfteleien hinkte die Diesel-Technologie in den 1970er-Jahren den Benzinmotoren weit hinterher. Die Dieselmotoren waren lauter, ruppiger und verbreiteten einen ziemlichen Gestank. Ihr grosses Plus aber: Sie waren sparsam. Diese Eigenschaft trug massgeblich zu ihrer steigenden Beliebtheit im Jahr 1973 bei. Zur Zeit der Ölkrise war die deutsche Regierung bemüht, den Autofahrern das Spritsparen nahezulegen und förderte deshalb die sparsamen Dieselmotoren an der Zapfsäule. Noch heute verlangt der deutsche Staat wesentlich weniger Energiesteuer pro Liter Diesel (rund 47 Cent) im Vergleich zum Liter Benzin (gut 65 Cent).
Der Treibstoff für die Nachfahren von Rudolf Diesels «schwarzer Geliebten» ist an deutschen Tankstellen demzufolge rund ein Drittel günstiger als jener für Benzinmotoren. Das ist nicht nur für Dienstwagen und Fahrzeugflotten zum entscheidenden Kriterium geworden, sondern auch für viele private Autokäufer.

Vorteile auch in der Schweiz

Im grossen Kanton gilt also eine einfache Rechnung: Diesel-Fahrzeuge sind zwar teurer in der Anschaffung, doch die Mehrkosten sind durch den günstigeren Sprit schnell wieder aufgeholt. In der Schweiz gilt diese Formel nicht. Der Preisunterschied ist gering. Trotzdem hat Garagist Rony Hess keinen Zweifel daran: «Die Schweizer wollen Diesel.» Hess führt in obwaldnischen Alpnach ein Auto-Geschäft, das sich auf die Aufrüstung und Reparatur von VW-Occasionen spezialisiert hat. «Dieselmotoren sind weniger anfällig als Benziner», erklärt er. Zudem hätten sie das deutlich bessere Drehmoment. «Und mit einem vollen Tank kommt man rund 30 bis 40 Prozent weiter als mit einem Benziner.»

Dass sich die Schweizer die Lust an Dieselmotoren wegen der jüngsten Entwicklungen in Deutschland und Italien verderben lassen, glaubt Hess daher nicht. «Zudem sind gerade neuere Dieselmotoren nicht wirklich umweltschädlicher als Benziner.» Die «schwarze Geliebte» hat also auch nach gut 125 Jahren wenig von ihrem Reiz verloren – zumindest bis jetzt.