Lebensmittel
Nestlé kämpft gegen das frostige Image der Tiefkühlkost

Spätestens seit dem Pferdefleischskandal rümpfen viele Konsumenten bei Tiefkühlware die Nase. Doch auch wenn der Lebensmittel-Multi nicht direkt betroffen war beklagt er sich über «weitverbreitete Irrtümer». Wie gesund sind Tiefkühlprodukte wirklich?

Thomas Schlittler
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Nestlé-Fabrik in Rorschach: Hier entstehen Tiefkühl-Pizzen der Marke Buitoni. Key

Nestlé-Fabrik in Rorschach: Hier entstehen Tiefkühl-Pizzen der Marke Buitoni. Key

Schutzanzug umwerfen, orangefarbige Weste drüber, Schutzbrille aufsetzen, Haarnetz überstülpen und zur Sicherheit ein Helm obendrauf. Dazu nigelnagelneue Schuhe schnüren und x-fach die Hände desinfizieren – die Hygienevorschriften in der Tiefkühlfabrik von Frisco-Findus in Rorschach wirken teilweise etwas übertrieben. Die Nestlé-Tochter will offenbar um jeden Preis verhindern, dass ein Zwischenfall das Image der Top-Marken Buitoni, Findus, Frisco, Leisi oder Mövenpick beschädigt.

2013 nützten alle Sicherheitsvorkehrungen nichts: Der Pferdefleischskandal zog die Marke Findus in Mitleidenschaft – ohne dass Nestlé Schweiz etwas falsch gemacht hätte. Die Marke Findus gehört nämlich nur in der Schweiz zum Nestlé-Konzern, im Rest Europas operieren andere Firmen unter diesem Namen. Mit den Lasagne-Produkten der britischen Findus-Gruppe, die unter falscher Deklarierung fast zu 100 Prozent mit Pferdefleisch hergestellt worden waren, hatte Nestlé nichts zu tun.

Eine reine Weste behielt Nestlé allerdings nicht: In Spanien, Italien und Frankreich musste der Schweizer Lebensmulti drei Produkte zurückziehen, in denen Pferdefleisch entdeckt worden war. Am Standort Rorschach wurden aber keine Fehldeklarationen festgestellt. Trotzdem wird seit dem internationalen Skandal jede Fleischlieferung zur DNA-Probe in ein italienisches Labor gesandt.

Tiefkühlvorgang ist entscheidend

Den Imageschaden aus dem Pferdefleischskandal hat Frisco-Findus überwunden. Die Verkaufszahlen haben sich erholt. Vollkommen zufrieden sind die Verantwortlichen trotzdem nicht. Sie beklagen sich darüber, dass es über Tiefkühlprodukte weitverbreitete Irrtümer gebe: «Viele Menschen meinen, dass Tiefkühlprodukte viele Zusatzstoffe haben, sich bei der Tiefkühlung der Geschmack der Produkte verändert und Tiefkühlung weniger frisch ist als Kühlung», sagt Bettina Husemann, Ernährungswissenschafterin in den Diensten Nestlés. Doch das sei alles falsch: «Tiefkühlung ist die schonendste Konservierungsmethode», so Husemann. Tiefkühlprodukte blieben länger frisch und behielten auch länger ihre Vitamine und Nährstoffe. Zudem verändere sich der Geschmack bei richtiger Lagerung keineswegs.

PR-Sprüche oder wissenschaftliche Tatsachen? Erich Windhab, Professor am Institut für Lebensmittelwissenschaften an der ETH, gibt Nestlé grundsätzlich in allen Punkten recht. Er fügt aber relativierend hinzu: «Nicht alle Produkte eignen sich gleich gut fürs Tiefkühlen.» Bei einer Erdbeere sei der Qualitätsverlust beim Auftauen grösser als bei einer Erbse. «Entscheidend ist auch der Zeitpunkt und die Art des Tiefkühlvorgangs», so Windhab. Erdbeeren würden teilweise direkt bei der Ernte mit Flüssigstickstoff innert kürzester Zeit einzeln eingefroren. Windhab: «Das gibt eine ganz andere Qualität, als wenn ich meine Erdbeeren aus dem Garten in die Tiefkühltruhe lege, wo sie langsam einfrieren.»

Migros sieht kein Imageproblem

Der Hauptbestandteil aller verderblichen Lebensmittel ist Wasser. Dieses Wasser muss möglichst rasch gefroren werden, damit sich kleine Eiskristalle bilden, welche die Gewebestruktur nicht verletzen. Wenn der grösste Teil des Wassers im Nahrungsmittel zu Eis erstarrt ist, werden die zerstörenden Tätigkeiten der Mikroben und Enzyme gestoppt. Der Abbau von Vitaminen und Nährstoffen ruht. «Am besten ist es aber immer noch, Gemüse oder Früchte direkt nach der Ernte zu essen», sagt Windhab abschliessend.

Die Migros hat mit ihren Eigenmarken die klare Marktführerschaft im Schweizer Tiefkühlmarkt. Im Gegensatz zu Nestlé hat der orange Riese aber nicht das Gefühl, dass das Image von Tiefkühlkost schlecht sei. Im Gegenteil: «Grundsätzlich kann von einer positiven Konsumenten-Einstellung gegenüber Tiefkühlkost ausgegangen werden, da zunehmend auch Bio-Produkte Einzug erhielten», so eine Sprecherin. Vor allem der Teilmarkt Gemüse werde zunehmend positiv wahrgenommen.