Protektionismus

Nahrungsmittel-Industrie schiesst gegen die Bauern

Vom Bauernhof direkt in den Laden – nicht alle haben Freude an diesem Bild der Schweizer Landwirtschaft.

Vom Bauernhof direkt in den Laden – nicht alle haben Freude an diesem Bild der Schweizer Landwirtschaft.

Auch Migros und Coop standen am «Tag der Nahrungsmittelindustrie» in der Kritik. Die Grossverteiler sollen mit ihrer romantischen Verklärung der Landwirtschaft den Protektionsismus mitverantworten.

Drei kleine Toblerone, fünf Riegel Ragusa, ein paar Ovomaltine-Schokoladen und ein kleines Konfitüren-Sortiment von Hero – während es für jeden Besucher des «Tages der Nahrungsmittelindustrie» viel Süsses gab, mussten die Bauern sowie die beiden Grossverteiler Migros und Coop eine Ladung Saures einstecken.

«Die Grossverteiler tragen mit ihrer romantischen Verklärung der Landwirtschaft dazu bei, eine auf Abschottung ausgerichtete Agrarpolitik aufrechtzuerhalten», so der Vorwurf von Thomas Held, dem ehemaligen Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse. Held kritisiert, dass die Natur als «ideale, gegen-industrielle Welt» dargestellt werde. In dieser «Zurück-zur-Natur-Ideologie» sei die Industrie der Sündenbock. Zustimmung erhielt Held von Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch, der auf Einladung der Föderation der Schweizer Nahrungsmittel-Industrien (Fial) ebenfalls als Gastredner auftrat. Von Fial-Präsident Rolf Schweiger war zumindest kein Dementi zu hören.

Die Migros kann mit der geäusserten Kritik nicht viel anfangen. Martin Schläpfer, Leiter Wirtschaftspolitik beim orangen Riesen, reagiert überrascht, als er via az von den Aussagen erfährt: «Wir engagieren uns für Bauern in der Region. 10000 Produzenten liefern ihre Lebensmittel direkt bei uns ab – was soll daran falsch sein?» Die Bio-Labels seien sehr beliebt und entsprächen einem Kundenbedürfnis. «Unsere Werbespots finde ich persönlich zudem sehr witzig», ergänzt Schläpfer schmunzelnd.

Grossverteiler für Liberalisierung

Die Migros betont, dass man ganz klar für eine Marktöffnung in der Landwirtschaft sei: «Wir haben uns in der Vergangenheit auch schon heftig mit der Bauernschaft gestritten, weil wir diesbezüglich unterschiedlicher Meinung sind», so Schläpfer. Er verstehe die Kritik vonseiten der Industrie deshalb überhaupt nicht. Auch Coop lässt mitteilen, dass man sich «für eine zukunfts- und qualitätsorientierte Landwirtschaft in einem liberalisierten Marktumfeld» einsetze.

Das Verhältnis zwischen der Nahrungsmittelindustrie und den Bauern ist traditionell schwierig. Der Grund: Während viele Lebensmittelverarbeiter einen leichteren Zugang zu neuen (Wachstums-)Märkten wollen, sind die Bauern eher auf Abschottung bedacht. Momentan wird die Beziehung durch die Swissness-Vorlage zusätzlich getrübt. Die Bauern – mit dem Bundesrat auf ihrer Seite – treten dafür ein, dass bei Lebensmitteln nur dann die schweizerische Herkunftsbezeichnung erlaubt ist, wenn mindestens 80 Prozent des Gewichts der Rohstoffe aus der Schweiz stammen. Die Vorlage soll die Marke Schweiz schützen. Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie wehrt sich aber gegen die Vorlage. Die Unternehmer warnen, dass dies für viele traditionelle Schweizer Produkte nicht machbar sei. Zudem befürchten sie einen grossen administrativen Mehraufwand.

Die Landwirte wehren sich gegen den Vorwurf der rückwärtsgewandten Agrarpolitik, der am Tag der Nahrungsmittelindustrie immer wieder aufkam: «Das sind Pauschalverurteilungen. Die Teil-Liberalisierung des Milchmarktes zeigt doch, dass sich in den letzten Jahren einiges getan hat», sagt Hansjörg Walter, Präsident des Bauernverbands. Betreffend Swissness-Vorlage sei der Bauernverband aber weiter für die 80-Prozent-Regelung. «Schliesslich wird aber das Parlament entscheiden, welche Vorschriften eingeführt werden», so Walter. Die Kommission des Ständerats ist momentan noch auf der Linie des Bundesrats. Der Nationalrat hat sich hingegen für die moderatere 60-Prozent-Variante entschieden.

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