Die Einigung kam im Mai. Zuvor hatten der Nahrungsmittelmulti Nestlé und die Einkaufskooperation Agecore, zu der auch Coop gehört, über Wochen hinweg einen erbitterten Kampf um Einkaufspreise geführt. Um den Druck auf Nestlé zu erhöhen, nahmen Coop und die europäischen Partner wie Edeka und Eroski sogar zahlreiche Produkte wie Kitkat-Schokolade, Thomy-Mayonnaise oder Maggi-Würze aus dem Sortiment. Der Boykott sorgte für grosse mediale Aufmerksamkeit.

Nestlé gab sich in der Öffentlichkeit stets zurückhaltend und konziliant. Konzernchef Mark Schneider sagte in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» einzig, dass die aggressive und europaweit koordinierte Vorgehensweise» gerade für die Schweiz neu sei. Man bleibe aber mit Coop und den anderen Detailhändlern im Gespräch. Auch nach der Einigung gab es keine bösen Worte.

Kartellrecht im Visier

Dass es Nestlé dabei aber nicht bewenden lässt, zeigt nun ein Gastkommentar im Jahresbericht des Schweizer Markenherstellerverbands Promarca. Dabei handelt es sich um einen Beitrag von Christoph Leibenath, dem «Senior Antitrust Counsel» des Konzerns. Er ist Nestlés zuständiger Jurist für wettbewerbsrechtliche Fragen. Leibenath schreibt, die Kooperation im Detailhandel auf internationaler Ebene habe in den letzten Jahren zugenommen. «Doch die Kartellbehörden haben dieser bislang nicht spürbar Einhalt geboten.»

Im Namen von Nestlé fordert er «ein wettbewerbspolitisches Umdenken der Kartellbehörden, um langfristigen Schaden für die Verbraucher abzuwehren.» Der potenzielle Schaden könnte laut Leibenaht darin liegen, dass die Markenhersteller weniger in Innovationen und Qualität investieren, da ihre Margen durch die Macht der Einkaufsallianzen unter Druck geraten. Und wenn diese Forderung kein Gehör findet? «Sollte dies nicht geschehen, bliebe nur noch die Hoffnung auf den Gesetzgeber», schreibt Leibenaht. Dieser Satz deutet darauf hin, dass Nestlé dann in die Lobbying-Offensive gehen würde, um die Kartellgesetze zu ändern.

Tatsächlich besteht laut der eidgenössischen Wettbewerbskommission hierzulande keine gesetzliche Grundlage, um gegen internationale Einkaufskooperationen aktiv zu werden. Die EU-Kommission hat aber im April einen Richtlinienentwurf zu unlauterem Wettbewerb präsentiert: Massnahmen wie Listungsgebühren und Werbekostenzuschüsse, welche die Detailhändler von Lieferanten einfordern, sollen eingeschränkt werden.