Führungsschwäche

Nach Ära Vincenz: Die neuen Raiffeisen-Chefs kommen nicht auf Touren

Heinz Huber, links, CEO Raiffeisen, und VR-Präsident Guy Lachappelle, rechts, an der ersten gemeinsamen Bilanzmedienkonferenz im März 2019.

Heinz Huber, links, CEO Raiffeisen, und VR-Präsident Guy Lachappelle, rechts, an der ersten gemeinsamen Bilanzmedienkonferenz im März 2019.

Die Aufräumarbeiten nach der Ära Vincenz beschäftigen die Raiffeisen-Spitze einiges länger als erwartet. Kritiker aus dem Innern machen aber auch Führungsschwäche aus.

Die über 200 Regionalbanken stellen immer neue Forderungen an die Zentrale in St.Gallen, was die Erneuerung der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz verlangsamt. Die Leitung um Raiffeisen-Schweiz-Präsident Guy Lachappelle und CEO Heinz Huber lässt dabei Führungsstärke vermissen. Das zeigte sich am letzten Wochenende in Crans-Montana, wo die ordentliche Delegiertenversammlung der Raiffeisen-Banken und ein Workshop zu den Reformen über die Bühne ging.

Viel zu reden gab die Lohndeckelung für das Top-Management und die verschobene Déchargenerteilung für die früheren Verwaltungsratsmitglieder. Damit brachten die Raiffeisen-Delegierten das tiefe Misstrauen der Regionalbanken gegenüber der Führung in St.Gallen zum Ausdruck. Der neue CEO muss sich nun mit einer maximalen Entschädigung von 1,5 Millionen Franken und die Geschäftsleitungsmitglieder mit 1 Million Franken begnügen.

Neuer Beirat – nur für die Galerie?

Genau betrachtet verdienen die Top-Manager allerdings mehr. Denn die Arbeitgeberbeiträge für die Sozialversicherungen sind in diesen Zahlen nicht enthalten, wie eine Sprecherin bestätigt. Vor allem dürften Arbeitgeberbeiträge für die Pensionskasse zu ­Buche schlagen, die streng genommen zu den Bezügen hinzugerechnet werden müssen. So weisen zumindest börsenkotierte Unternehmen die Saläre ihrer Topverdiener aus. So berechnet, würde CEO Hubers Lohn rund 200'000 Franken höher ausfallen. Bei Raiffeisen werden traditionell drei Viertel der PK-Beiträge vom Arbeitgeber geleistet.

Mit der Lohnobergrenze wollten die Delegierten ein Zeichen gegen die früheren Exzesse in St.Gallen setzen. Allerdings winkten sie an der gleichen Versammlung auch Guy Lachappelles Präsidentenhonorar von 750'000 Franken durch. Bei keiner anderen Schweizer Bank verdient der Verwaltungsratspräsident im Verhältnis zu seinem CEO so viel wie bei Raiffeisen – und dies notabene für ein Teilzeitmandat.

Raiffeisen-CEO Heinz Huber an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am 1. März 2019.

Raiffeisen-CEO Heinz Huber an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am 1. März 2019.

Neben der Lohndiskussion ging es in Crans-Montana auch um die künftige Struktur der Genossenschaftsbank. Dabei brachten die Delegierten unter anderem ein neues Gremium ins Spiel: einen sogenannten Eignerausschuss, auch Beirat genannt. Dieses Organ soll als «Sparringspartner für den Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz fungieren», heisst es in einer Medienmitteilung. Was die Aufgaben dieses Beirats konkret sein sollen, konnte die Bank auch eine Woche nach der Delegiertenversammlung nicht sagen. Der Beirat ist nach der sogenannten Koordinationsgruppe bereits das zweite Gremium, das von den Regionalverbänden zusätzlich geschaffen wird, um der Spitze in St. Gallen auf die Finger zu schauen. Eine Sprecherin sagt, es sei offen, ob die Koordinationsgruppe der Regionalverbände die Rolle des Beirats übernehmen und wie dieser zusammengesetzt werde.

Wie aus dem Innern der Zent­rale zu hören ist, ist man erstaunt über die immer neuen Forderungen der Raiffeisenbasis. «Der neue Beirat wird rechtlich keine Kompetenzen haben», sagt eine Quelle. Er könne dem Verwaltungsrat keine Weisungen geben. «Doch wenn er keine Kompetenzen hat, was ist dann seine Rolle?» Aufsichtsrechtlich ist der Fall klar: Der Verwaltungsrat der Raiffeisen Schweiz muss die regionalen Genossenschaften beaufsichtigen und nicht umgekehrt. Das verlangt die Finma. Damit will die Aufsichtsbehörde verhindern, dass sich die kleinen Banken selbst kontrollieren.

Schleppende Neubesetzungen

Die Forderungen seien ein Zeichen, dass es dem Führungsduo Lachappelle und Huber am Verständnis über die Mechanismen der Bank und an der nötigen Durchsetzungskraft fehle, sagt die Quelle. «Es braucht gar keine weiteren Gremien.» Zu den Exzessen unter Pierin Vincenz sei es nicht gekommen, weil Raiffeisen die falschen Überwachungsgremien gehabt habe, sondern weil die damaligen Organe schlicht ihren Job nicht gemacht hätten, insbesondere der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz.

Dass die Führung in St.Gallen die Regionalverbände derart stark einbeziehe, sei hingegen ein Zeichen von Führungsschwäche, so die Quelle. Statt den Reformprozess vorzugeben und diesen durchzuziehen, würden Lachappelle und Huber diesen lediglich moderieren. Lachappelle selbst spricht von einer «demokratischen Herangehensweise», die «zeitintensiv» sei. «Die neue Führung will den Delegierten gefallen», sagt die Quelle.

Selbst einfache strategische Fragen bleiben auch über sechs Monate nach Lachappelles Amtsantritt unbeantwortet. So ist immer noch nicht entschieden, was mit den von der Zentrale geführten Raiffeisenbanken geschehen soll. Zudem ist ungeklärt, was mit der Beteiligung an der Derivate-Boutique Leonteq geschieht. Durch den schleppenden Reformprozess verliert die Bank viel Zeit, die sie nicht hat. Mit jedem Monat wird die Bank komplexer. Dazu kommt, dass die Geschäftsleitung immer noch nicht erneuert ist. Für zwei Posten gibt es noch immer keine Nachfolger.

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