Geldpolitik
Mit Abschaffung des Mindestkurses steigt die Gefahr von Finanz-Blasen

Am 15. Januar kappte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs zum Euro und führte Negativzinsen ein. Die Bilanz nach bald 100 Tagen zeigt, dass die Risiken für das Finanzsystem grösser geworden sind. Experten warnen vor Blasen.

Andreas Schaffner
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Den 15. Januar 2015 werden die Banker so lange nicht vergessen. Das Ende des Mindestkurses kam überraschend und hatte heftige Ausschläge an der Börse zur Folge. Begründet hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Entscheid mit der zunehmend expansiven Geldpolitik in Europa. Die Europäische Zentralbank (EZB) unter dem Vorsitz von Mario Draghi kauft seit Februar insgesamt 1,14 Billionen Euro Anleihen. Das Programm läuft bis September 2016. Es soll den Euro schwächen und die Wirtschaft ankurbeln.

Die SNB hat mit ihrem Entscheid verhindert, dass sie noch mehr Euros und Dollars kaufen muss um den Mindestkurs zu halten. Das hat ihr in der Fachwelt Applaus im Nachhinein eingetragen. Die Vertreter der Exportindustrie und insbesondere des Tourismus, zeichneten jedoch ein viel düsteres Bild. Gleichzeitig wurden Negativzinsen eingeführt. Ein geldpolitisches Experiment, das die Finanzwelt seither in Schwierigkeiten bringt. Viele Computersysteme waren für den Fall gar nicht programmiert.

Kommt jedoch etwas ganz anderes hinzu: Die Gefahr von Finanzblasen nimmt zu, je länger das Ganze dauert: «Wir stellen drei Monate nach Einführung der Massnahmen klare Anzeichen einer Blasenbildung fest. Negativzinsen führen dazu, dass die Finanzwerte noch stärker überbewertet werden», sagt Klaus Wellershoff, der ehemalige Chefökonom der UBS und heute selbstständiger Berater. Er sieht die Gefahr bei den Immobilien, aber auch bei Aktien.

Dass die Finanzmärkte überhitzt sind, das wird auch von anderen Marktbeobachtern geteilt, etwa der Vermögensverwalter Henderson. Die Massnahmen der Zentralbanken weltweit drückten nicht nur die Zinssätze, sondern fördern die Spekulation, warnte dieser in einem Bericht Anfang Woche.

Wann kommt der Crash?

Auch die ehemalige Börsenchefin, heute selbstständige Vermögensverwalterin und designierte Präsidentin der Berner Kantonalbank, Antoinette Hunziker-Ebneter schliesst eine Konsolidierung an den Aktienmärkten nicht aus: «Ich gehe von einer möglichen Korrektur von bis zu 10 Prozent aus, was aus heutiger Sicht eine gesunde und nachhaltige Entwicklung darstellen würde.»

Die Finanzexpertin möchte die Aktionäre vor blindem Optimismus warnen. «Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Zudem beobachte ich je länger, je mehr die Dynamik, dass konservative Anleger ihrem Risikoprofil aufgrund Renditeüberlegungen nicht treu bleiben und verstärkt in Aktien investieren.» Dies erachte sie als gefährliche Entwicklung.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor den Schattenseiten der Tiefzinspolitik, die weltweit zu beobachten ist. Vor allem die Garantieversprechen in der Versicherungsbranche könnten zum gefährlichen Bumerang für das Finanzsystem werden, so der Bericht zur globalen Finanzstabilität. Das Problem könne das gesamte Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen, so die Experten.

Risiken für die Finanzstabilität sieht der IWF weiter in der hohen privaten Verschuldung, nicht zuletzt im Euroraum. Die Schweiz könne sich von dieser internationalen Entwicklung nicht abkoppeln, sagt der Wirtschaftsprofessor Matthias Binswanger im Interview mit der «Nordwestschweiz».

Sorgen um Immobilienmarkt

In der Schweiz stellt sich dabei sofort die Frage nach dem Immobilienmarkt. Hier hat die SNB jahrelang gewarnt und stärkere Eigenmittel für Banken durchgesetzt. Trotzdem erzählen Immobilienexperten, dass sich hierzulande viele mit Zweit- und Drittwohnungen eindecken. «Ich sehe auch hier eine Gefahr, dass das System an die Grenze gerät, falls die Nationalbank die Zinsen noch stärker ins Negative dreht», so Wellershoff.

Michael Hartmann vom Hypothekenvermittler Moneypark stellt fest, dass die Unsicherheit zugenommen hat. Seine Daten zeigen, dass mehr als jeder dritte Hypothekarkunde zwischen 20 und 25 Prozent Eigenkapital einschiesst. Diese Kunden wären durch einen Rückgang der Immobilienpreise akut betroffen. Aber auch jene Käufer, die zu Höchstständen noch eine Immobilie oder gar ein Zweitobjekt erworben haben.

Immerhin: Die Ausfallrisiken bleiben auch bei einem Anstieg der Immobilienpreise in der Schweiz relativ gering, sagt Hartmann. Da mehr als 80 Prozent der Schweizer ihr Eigenheim über langfristige Hypotheken finanziert, würde ein Anstieg der Zinsen erst zeitverzögert auf die Tragbarkeit durchschlagen.

Hypothekarkunden leiden jedoch im Negativzinsumfeld aus einem ganz anderen Grund: Banken hätten in den letzten Monaten ihre Margen auf Kosten der Hypothekarnehmer ausgeweitet, sagt Hartmann. «Obschon die Refinanzierungskosten gesunken sind, erhöhen die Anbieter die Hypozinsen. Alleine durch die gestiegenen Zinsabsicherungskosten ist dies nicht zu erklären, da nicht alle Hypothekargeber gleichermassen betroffen sind.»

Ungleichheit nimmt zu

Eine weitere Auswirkung birgt mehr sozialpolitischen Sprengstoff: Schuldner werden durch negative Zinsen bevorzugt, Sparer tendenziell benachteiligt. «Wir sehen, dass die tiefen Zinsen gravierende Folgen haben für die Verteilung der Vermögen», sagt Hunziker-Ebneter dazu.

Dies wirke sich besonders bei der Altersvorsorge verheerend aus, so Klaus Wellershoff. Das System, das auf einem gesunden Wachstum und einer Zielrendite von 5 Prozent ausgerichtet ist, gerät an seine Grenzen. Dauert die Tiefzinsphase länger an, kommen auch vermögende Kunden unter Druck.

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