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Der Springer-Verlag übernimmt die Washingtoner Insider-Publikation «Politico» für mehr als 1 Milliarde Dollar

Der deutsche Medienkonzern Axel Springer übernimmt das Nachrichtenunternehmen Politico und expandiert damit im amerikanischen Markt.

Renzo Ruf, Washington
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Das deutsche Verlagshaus Axel Springer expandiert in Amerika. Hier ein Bild des Hauptsitzes in Berlin.

Das deutsche Verlagshaus Axel Springer expandiert in Amerika. Hier ein Bild des Hauptsitzes in Berlin.

Christoph Soeder / DPA

Für Robert Allbritton hat sich das «Abenteuer seines Lebens» gelohnt. Mehr als 1 Milliarde Dollar soll das deutsche Verlagshaus Axel Springer dem amerikanischen Medienunternehmer für die vollständige Übernahme der Mediengruppe Politico bezahlen.

Dies berichteten Medienjournalisten, nachdem beide Seiten vereinbart hatten, «über die Konditionen der Übernahmevereinbarung Stillschweigen zu bewahren», wie es in einer Pressemitteilung hiess. Teil der Transaktion auch das Gemeinschaftsunternehmen Politico Europe, das seit 2014 mit Sitz in Brüssel auf dem europäischen Markt tätig ist.

Geht die Übernahme planmässig über die Bühne, dann soll der 52-Jährige Allbritton auch künftig die Rolle des Verlegers spielen. Politico werde nicht vollständig in den Springer-Konzern integriert, zu dem die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung «Bild» gehört.

Aus der Sicht von Mathias Döpfner, des starken Mannes im Springer-Verlag, ist das Festhalten am bisherigen Geschäftsmodell Grundlage für den «künftigen gemeinsamen Erfolg» – auch wenn Allbritton künftig nicht mehr als Alleinherrscher in einem Familienunternehmen amtieren kann.

Polit-Berichterstattung, die an Sportartikel erinnert

Andererseits war es der unternehmerische Spürsinn des Sohnes eines prominenten Washingtoner Bankiers, der Politico überhaupt erst möglich machte. Gegründet im Jahr 2007, von zwei abtrünnigen Journalisten der «Washington Post», setzte die Publikation von Beginn weg ihren Schwerpunkt auf die Berichterstattung über das politische Geschehen in der amerikanischen Hauptstadt.

Dabei ignorierte Politico, zumindest anfänglich, grosse Zusammenhänge und komplexe Hintergründe. Vielmehr beschrieben sie den Politbetrieb in Washington, als stünden sich Demokraten und Republikaner auf einem Football-Spielfeld gegenüber.

Diese Mischung stiess von Beginn weg auf ein grosses Echo, auch weil das Timing Allbrittons perfekt war: «The Politico», wie die Publikation damals noch hiess, wurde zu Beginn eines epischen Präsidentschaftswahlkampfes lanciert, der auf grosses Interesse stiess. Rasch konnte das Medienunternehmen deshalb sein Angebot ausbauen.

So investierte die Firma frühzeitig in tägliche, kostenpflichtige Newsletter, organisierte Konferenzen und expandierte schliesslich nach Brüssel, London, Kanada und in die Hauptstädte grosser US-Bundesstaaten. Heute arbeiten mehr als 500 Journalistinnen und Journalisten für die Publikation, die ihre Inhalte vornehmlich über das Internet verbreitet. Und das Unternehmen schreibt, bei einem Jahresumsatz von vielleicht 200 Millionen Dollar, schon lange schwarze Zahlen. Politico Europe ist angeblich seit 2019 profitabel, heisst es.

Zu den Alumni der Publikation gehören einige der klingendsten Namen im amerikanischen Politjournalismus: Maggie Haberman, Jonathan Martin, Tim Alberta, Mike Allen, Edward-Isaac Dovere und Ben Smith.

Keine Mauern und keine Paywall

Für die Leserinnen und Leser der Politico-Publikationen soll ich nach der Übernahme, die bis Ende Jahr vollzogen wird, nichts ändern, wie Springer-Kopf Döpfner am Donnerstag sagte. So sei keine Bezahlschranke («paywall») geplant. Auf die entsprechende Frage habe der deutsche Medienunternehmer während einer Telefon-Konferenz gesagt: «Wir kommen aus Berlin. Wir mögen das Konzept von Mauern nicht.»

Medienbeobachter warnten in ersten Reaktionen allerdings davor, die Grossübernahme von Springer zu überschätzen. Das Geschäftsmodell von Politico lasse sich nicht einfach kopieren, schrieb Jon Allsop in einem Newsletter der «Columbia Journalism Review». Auch sei der Erfolg der Washingtoner Publikation aktuell eher die Ausnahme denn die Regel – wie Sparprogramme bei Internet-Publikationen wie «Vice »bewiesen.

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