Luftfahrt
Wegen zu tiefer Impfquote? Schweizer haben bei Asien-Flügen das Nachsehen – das trifft auch die Swiss

Singapur hat mit Ländern wie Deutschland oder Italien Abkommen für Flüge abgeschlossen, auf denen nur geimpfte Passagiere zugelassen sind. Die Schweiz möchte ebenfalls davon profitieren, doch daraus wird nichts - vorerst.

Benjamin Weinmann
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Der asiatische Stadtstaat Singapur hat mit mehreren Ländern Abkommen geschlossen, um Flüge mit nur geimpften Passagieren am Bord organisieren zu können. Vor der Pandemie führte auch die Swiss regelmässig Passagierflüge ins Land durch.

Der asiatische Stadtstaat Singapur hat mit mehreren Ländern Abkommen geschlossen, um Flüge mit nur geimpften Passagieren am Bord organisieren zu können. Vor der Pandemie führte auch die Swiss regelmässig Passagierflüge ins Land durch.

Die Erleichterung war gross - nein, riesig. Als die USA am 20. September ankündigten, dass ab November auch geimpfte Nicht-Amerikaner und -Amerikanerinnen in die Vereinigten Staaten einreisen dürfen, ist der Swiss-Führung ein Stein vom Herzen gefallen. Schliesslich sind die USA der bedeutendste Zielmarkt der Lufthansa-Tochter.

Die USA-Flüge werden in den kommenden Monaten die Not der Swiss und der anderen europäischen Airlines etwas lindern. Allerdings gilt der Winter nicht als besonders gefragte Reisesaison für die USA. Die grossen Buchungszahlen folgen erst im Frühling und Sommer. Doch auch unabhängig von den USA bleiben die Sorgen in der Luftfahrt gross. Denn wichtige asiatische Länder erlauben die Einreise nach wie vor nicht, oder nur stark eingeschränkt. So auch Singapur.

Keine Impfung, kein Flugticket

Der Stadtstaat - oft als die Schweiz Asiens bezeichnet - hat sich allerdings zuletzt etwas geöffnet. Seit dem 8. September ist die Einreise nach Singapur für vollständig geimpfte Reisende aus Deutschland wieder möglich. Die bislang verordnete Quarantäne bei der Ankunft entfällt. In der Branche ist von «VTL»-Flügen die Rede, wobei das Kürzel für «Vaccinated Travel Lane» steht, also geimpfte Reise-Spur. Keine Impfung, kein Flugticket.

Von dieser VTL-Option hätte auch die Schweiz Gebrauch machen können. Wie das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) Anfang September gegenüber dieser Zeitung bestätigte, sei man von Singapur für ein entsprechendes Abkommen kontaktiert worden. Vorerst habe man sich aber entschlossen, erste Erfahrungen der Lufthansa-Flüge abzuwarten.

Frankreich und Italien auf Singapurs grüner Liste

Nur: Inzwischen sind andere Länder auf den Singapur-Zug aufgesprungen, wie auf der aktualisierten Liste von Singapore Airlines nachzulesen ist. Demnach sind geimpfte Flüge ab dem 19. Oktober auch von und nach Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien, Grossbritannien, Kanada und den USA möglich, und ab Mitte November von und nach Südkorea. Von der Schweiz fehlt auf der Liste jede Spur.

Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt zuckt man mit den Schultern: «Die Kriterien für die Aufnahme eines Landes in die VTL-Länderliste Singapurs sind uns nicht genau bekannt», sagt Sprecher Christian Schubert. Vermutlich würden die Behörden die Impfraten und die Covid-Infektionszahlen der jeweiligen Länder berücksichtigen. «Insofern können wir also nur spekulieren, dass die schweizerische Impfrate und/oder die Anzahl Corona-Neuansteckungen in der Schweiz den Kriterien von Singapur nicht standhalten für eine Aufnahme in die VTL-Liste».

Für die Swiss besteht Hoffnung

Immerhin: Zuletzt hat die Schweiz die Schwelle von 60 Prozent bei der Quote der vollständig geimpften Personen erreicht, während Deutschland es auf knapp 65 Prozent bringt, Italien auf 69 und Frankreich auf 67. Somit besteht aus Swiss-Sicht die Hoffnung, dass mit zunehmenden Impf-Fortschritt eine Singapur-Kooperation doch noch möglich werden könnte. Zudem hat zuletzt auch Australien ähnliche Flug-Kooperationen mit Ländern mit hoher Impfquote in Aussicht gestellt.

Schubert räumt ein, dass es insbesondere für die Swiss «sicherlich erstrebenswert» wäre, dass die Schweiz auf diese Liste gelangt. «Da die Aufnahme aber abhängig ist vom Pandemieverlauf und vom Impffortschritt, gibt es neben den bestehenden Massnahmen zur Pandemiebekämpfung keine Einflussmöglichkeit der Schweizer Behörden.» Die Swiss fliegt seit rund zehn Jahren in den asiatischen Stadtstaat, der nicht nur ein grosser Umsteige-Hub ist, sondern nicht zuletzt für Schweizer Banker eine beliebte Destination darstellt. Schliesslich ist Singapur ein wichtiges Offshore-Finanzzentrum.

Swiss-Sprecher Marco Lipp sagt, dass man weiterhin an einer Aufnahme der Schweiz für die VTL-Liste Singapurs interessiert sei. «Es liegt jedoch an den Behörden, hierfür die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.» Wie der Bund vermutet auch die Airline die hiesige Impfrate und die Fallzahlen als Ursache, dass die Schweiz nicht auf der Liste figuriert. Da die meisten asiatischen Ziele des Swiss-Streckennetzes derzeit keinen Passagierverkehr erlaubten, falle die Auslastung bis zum Rest des Jahres niedrig aus.

Bei der Lufthansa zeigt man sich mit dem VTL-Konzept zufrieden: «Die Erfahrungen sind positiv, das Angebot wird angenommen», sagt Sprecher Jörg Waber. Aktuell biete man zwei VTL-Flüge pro Woche an. Zur Anzahl Passagiere macht er keine Angaben, stellt aber weitere VTL-Abkommen in Aussicht: «Wir sind konstant im Austausch mit den Behörden verschiedener Länder, um die Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme beziehungsweise Ausweitung von Flügen zu besprechen.»

Bisher haben nur wenige asiatische Länder die Einreiseregeln gelockert, unter anderem Sri Lanka, die Mongolei, Nepal oder Thailand mit dem so genannten Sandkasten-Modell: Dabei können Touristen ohne Quarantäne in gewisse, besonders beliebte Regionen des Landes einreisen, wie zum Beispiel Phuket, wo die lokale Bevölkerung mit Priorität geimpft wird.

Thailand öffnet seine Grenzen allerdings ab dem 1. November für vollständig geimpfte Flugreisende aus Niedrig-Risikoländern, wie die Regierung am Montag bekannt gab. Dazu zählen unter anderem Deutschland, China, die USA, Grossbritannien und Singapur. Die Schweiz scheint vorläufig aber auch hier leer auszugehen. Eine Ausweitung auf weitere Länder ist im Dezember geplant. Bedingung für die Einreise ist zudem ein negativer PCR-Test und ein weiterer Test vor Ort. Danach können sich die Touristen so frei wie die Einheimischen bewegen. Aktuell ist auch für geimpfte Gäste eine siebentägige Quarantäne Pflicht.

Laut dem Branchenportal Travelnews.ch sorgen zudem auch die indonesische Ferieninsel Bali sowie Vietnam mit neuen Ankündigungen für Hoffnung bei Reisenden und Tourismusunternehmen. So wird Bali seine internationalen Flughäfen ab Donnerstag wieder öffnen, um Ankünfte aus einer ausgewählten Anzahl Länder zu empfangen. Ob damit auch ausländische Gäste willkommen sind, wurde zwar von asiatischen Medien kolportiert, aber noch nicht bestätigt. Auch sind die Einreise-Bestimmungen vor Ort noch nicht klar. Indonesien ist eines der am stärksten betroffenen Länder Asiens in Bezug auf Covid-Fälle und -Todesopfer.

Vietnam plant derweil laut «Reuters», ab Dezember wichtige Reiseziele für geimpfte Besucher aus Ländern, die als «geringes Risiko» eingestuft werden, wieder zu öffnen. Eine vollständige Wiedereröffnung sei allerdings erst per Juni 2022 vorgesehen. Aktuell sind im Land erst knapp 15 Prozent der Bevölkerung geimpft - einer der niedrigsten Werte in Asien.

Mitarbeit: Stefan Ehrbar

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