Kürzungen

Lohnverzicht: ABB-Spitze setzt in der Coronakrise ein Zeichen – Spitzengehälter der Banken geraten unter Druck

Zeigen politisches Gespür: Noch-UBS-CEO Sergio Ermotti und ABB-Präsident Peter Voser

Zeigen politisches Gespür: Noch-UBS-CEO Sergio Ermotti und ABB-Präsident Peter Voser

Beim Industriekonzern ABB kürzt sich Präsident Peter Voser freiwillig den Lohn - damit geraten die hohen Spitzengehälter der Banken unter Druck.

Die hohen Löhne für Chefs und Präsidenten von Grosskonzernen stehen in der Coronakrise quer in der politischen Landschaft – mehr als ohnehin schon. Es müssen wohl 15,6 Prozent der Erwerbstätigen bald Kurzarbeit leisten. Im Tessin sind es gar 40 Prozent. Milliarden an Steuergeldern müssen in die Wirtschaft gepumpt werden. Nach wenigen Tagen zeigt sich: Die ersten 20 Milliarden Franken werden nicht reichen.

Von links bis rechts wird die Wirtschaft darum gewarnt. Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard will «nationale Solidarität», die auch für die höchsten Kreise gelten müsse. Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt seinerseits fordert «Feingefühl von Beteiligten». Sonst lasse die öffentliche Reaktion nicht lange auf sich warten.

Forderung: Die Geschichte darf sich nicht wiederholen

Nun hat ein erster Konzern reagiert. Die Spitze von ABB senkt sich selber den monatlichen Grundlohn, per sofort. Der Industriekonzern mit Präsident Peter Voser lässt verlauten, man wolle ein Zeichen der Solidarität setzen. Zugleich ruft man die Manager auf unteren Hierarchiestufen zum Nachziehen auf, es geht um etwa 100 Manager.

Dieser Verzicht hat Folgen für die Boni, die für 2020 ausbezahlt werden. Denn diese sind an die Basissaläre geknüpft, die nun gesenkt werden. Doch hat der Verzicht keinen Einfluss auf die Boni für 2019. Diese wurden, wie ein Sprecher sagt, schon letzte Woche ausbezahlt, auch an die Konzernleitung. Ziehen die Banken nach? In der Finanzkrise zahlten sie Löhne und Boni aus, als wäre nichts gewesen. «Dicke Boni – trotz der Krise», so eine Schlagzeile in der NZZ. Nur wenige Monate später wurde die UBS vom Staat gerettet. Gewerkschafter Maillard warnt: «Die Geschichte darf sich nicht nach so kurzer Zeit wiederholen.»

Auch Investoren mahnen zu Zurückhaltung. Vincent Kaufmann von der Anlagestiftung Ethos sagt: Vor allem jene ­Firmen müssten ihre Boni reduzieren, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. «Wir wären schockiert, wenn das nicht der Fall wäre.» Je nach Ausmass der Krise bei einem Unternehmen müssten die Manager ganz auf ihre Boni verzichten.

Einige Banker setzen ein Zeichen. Der scheidende Chef der Grossbank UBS, Sergio Ermotti, hat am Wochenende via Boulevard-Zeitung «Blick» eine Spende von einer Million Franken öffentlich gemacht. Der gebürtige Tessiner will Notbedürftigen in seinem Heimatkanton helfen. «Die Situation ist dramatisch.»

Trotz Börsencrash: An den Boni wird nicht gerüttelt

Dagegen will die Branche nicht an den Gehältern für das Jahr 2019 rütteln. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse stehen mit den Löhnen für ihre scheidenden Chefs schweizweit ganz weit oben. Ermotti erhält 12,5 Millionen Franken, für ­Tidjane Thiam sind es 10,7 Millionen. Mehr kassiert wird nur bei Roche. Beim Pharmariesen erhält Chef Severin Schwan rund 15 Millionen. Knapp hinter den Banken kommen Novartis und Nestlé, wo die Chefs 10,6 bzw. 10,4 Millionen einstreichen.

Doch Pharmakonzern und Nahrungsmittelgigant lassen die Banken an der Börse weit hinter sich. Nestlé hat dieses Jahr nur rund 6 Prozent verloren. Roche weniger als 2 Prozent. Dagegen ist die UBS etwa 26 Prozent weniger wert als zu Jahresanfang, die Credit Suisse gar 39 Prozent (siehe Tabelle). Offensichtlich rechnen die Investoren mit bedeutend geringeren Gewinnen als noch vor der Krise.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der letzten Krisen

Wiederholt sich die Geschichte? Die Unterschiede zur Finanzkrise sind gross. Der wirtschaftliche Schock geht dieses Mal nicht vom Finanzplatz aus. Im Gegenteil, die Banken können gar im Kampf gegen die Krise mithelfen. Im Rahmen des staatlichen Rettungsprogramms verteilen sie dringend benötigte Liquidität an kleine und mittlere Unternehmen, KMU. Die UBS streicht auf Anfrage stolz heraus, sie habe seit Donnerstag bereits eine Milliarde Franken für rund 10000 KMU bereitgestellt.

Doch die Unterschiede zur Finanzkrise könnten sich gegen die Banken auswirken. Der Folgen für die Arbeitnehmer sind bisher weit schlimmer. Im Vergleich zu damals müssen sechs Mal mehr Menschen auf Kurzarbeit umstellen. Angesichts solcher Ausmasse könnten die Bankenlöhne in den Augen der Öffentlichkeit bald im eklatanten Widerspruch stehen zur Forderung des Arbeitgeberpräsidenten Valentin Vogt: Alle Beteiligten sollen Feingefühl zeigen.

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