Krise

Lohndumping, Pfusch und Co.: Die fünf ärgsten Baustellen auf dem Bau

Ärger im Paradies: Das Baugewerbe hat fette Jahre hinter sich. Die Branche sollte trunken sein vor Freude. Doch weit gefehlt: Die Sozialpartnerschaft steckt in der Krise, Lohnverhandlungen gibt es keine. Wie konnte es so weit kommen?

In der Schweiz wird nach wie vor fleissig gebaut: Im dritten Quartal 2014 hat der Umsatz im gesamten Baugewerbe gegenüber der gleichen Vorjahresperiode um 0,6 Prozent zugenommen, teilte das Bundesamt für Statistik gestern mit. Das Wachstumstempo dürfte seinen Höhepunkt zwar überschritten haben. Die Auftragsbücher der Schweizer Bauunternehmen sind aber nach wie vor gut gefüllt. Trotzdem ist die Stimmung in der Branche mies. Das hat Gründe.

Baustelle 1: Brutaler Preiskampf

Die Schweiz befindet sich zwar seit einigen Jahren in einem regelrechten Baurausch. Doch auch im Rausch schauen die Schweizer aufs Geld. Der Preis ist meist der ausschlaggebende Punkt bei der Auftragsvergabe. Nicht nur bei privaten Bauprojekten, sondern auch bei öffentlichen Ausschreibungen. Gemäss Richtlinien der Welthandelsorganisation (WTO) muss bei öffentlichen Aufträgen das «wirtschaftlich günstigste Angebot» den Zuschlag erhalten. Wegen dieser Formulierung setzen die öffentlichen Auftraggeber in der Regel auf den billigsten Anbieter. Denn tun sie das nicht, müssen sie mit einer Klage des unterlegenen Anbieters rechnen. Dann müssen sie erklären, wieso das Gesamtpaket des Gewinners trotz des höheren Preises «wirtschaftlich günstiger» war.

So entsteht zwischen den Bauunternehmen ein brutaler Preiskampf. In einigen Baubereichen wie zum Beispiel bei den Eisenlegern werden teils so tiefe Preise offeriert, wie sie ohne Umgehung der geltenden arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Bestimmungen gar nicht möglich wären. Das erhöht natürlich auch den Preisdruck für die vielen ehrlichen Firmen auf dem Schweizer Bau.

Baustelle 2: Lohndumping

Der brutale Preiskampf ist unter anderem eine Folge von Lohndumping. Es sind zahlreiche Unternehmen auf dem Markt, die sich um einen Auftrag bewerben, nur um ihn an einen Subunternehmer weiterzuvermitteln. Und die Subunternehmer geben den Auftrag teilweise an einen Sub-Subunternehmer weiter.

So geschehen auf der SBB-Baustelle Zürcher Durchmesserlinie: Eine Schweizer Brandschutzfirma erhielt von den SBB einen 4,4-Millionen-Franken-Auftrag, weil ihr Angebot 300 000 Franken günstiger war als die zweittiefste Offerte.

Dann gab das Unternehmen den Auftrag an einen deutschen Subunternehmer weiter. Dieser wiederum delegierte die Arbeiten an polnische Scheinselbstständige. Diese führten schliesslich die Brandschutzarbeiten an der Durchmesserlinie durch. Entlöhnt wurden sie jedoch deutlich schlechter, als es der geltende Gesamtarbeitsvertrag verlangt.

Wie verbreitet Lohndumping auf dem Schweizer Bau ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Baumeisterverband sieht kein flächendeckendes Problem und spricht von Einzelfällen. Unterstützung erhält der Verband unter anderem vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich. Die Gewerkschaft Unia wiederum behauptet, dass Lohndumping in einigen Baubereichen weit verbreitet sei.

Baustelle 3: Qualitätsprobleme

Lohndumping ist nicht nur für die unterbezahlten Arbeiter und die ehrlichen Mitbewerber ein Problem, sondern schadet auch der Qualität auf dem Bau. Die erwähnten polnischen Scheinselbstständigen zum Beispiel hatten Arbeitsbewilligungen als Fernfahrer, Tomatenzüchter und Möbelschreiner. Trotzdem waren sie für die Brandschutzarbeiten an der Durchmesserlinie verantwortlich.

Solchen Beispielen zum Trotz sagt Daniel Lehmann, Direktor des Baumeisterverbands: «Grundsätzlich ist die Qualität auf dem Schweizer Bau sehr gut.» Natürlich gebe es mal Mängel – aber in welcher Branche sei das nicht der Fall? Ein flächendeckendes Qualitätsproblem könne es aber gar nicht geben. Schliesslich würden die Arbeiten vom Auftraggeber abgenommen, sobald sie fertig seien. Der Bauriese Halter sieht das genau gleich: «Die Schweizer Bauqualität ist auf einem sehr hohen – und auch teuren – Niveau», sagt Sprecherin Sandra Wetzel.

Allreal, eine andere Branchengrösse, sieht das anders: «Wer Qualitätsprobleme auf den Schweizer Baustellen verneint, verkennt leider die Realität», sagt Sprecher Matthias Meier.

Baustelle 4: Solidarhaftung

Um die Qualität der vergebenen Arbeiten zu verbessern, setzt Allreal seit Februar 2014 auf die neu geschaffene Fachstelle Risikoanalyse der Unia. Diese soll prüfen, ob Unternehmen, die von Allreal einen Auftrag erhalten wollen, korrekt arbeiten.

Ausschlaggebend für die Zusammenarbeit war für Allreal aber nicht die Hoffnung auf eine Qualitätsverbesserung, sondern die Einführung der verstärkten Solidarhaftung im Sommer 2013. Diese macht Druck auf Generalunternehmen wie Allreal, Halter & Co. Denn sie hat zur Folge, dass sie haftbar gemacht werden können, wenn sich ein Subunternehmen nicht an die Lohn- und Arbeitsbedingungen hält.

«Dank der Risikoanalyse der Unia können wir das Risiko einer Auftragsvergabe an Unternehmen minimieren, die sich nicht an die geltenden Vorschriften halten», sagt Allreal-Sprecher Meier. Mit den paritätischen Kommissionen seien solche Vorabklärungen nicht möglich. Andere Branchenvertreter bezeichnen die Risikoanalyse als unnötig. Halter-Sprecherin Wetzel: «Dass unternehmerische Aufgaben zur Verhinderung von Lohndumping oder zur Sicherstellung der Bauqualität an eine Fachstelle Risikoanalyse ausgelagert werden sollen, ist für uns nicht nachvollziehbar.»

Noch schärfer die Kritik des Baumeisterverbands: «Die Unia unterläuft mit der sogenannten Fachstelle Risikoanalyse die Sozialpartnerschaft», sagt Lehmann. Für die Einhaltung der Gesamtarbeitsverträge seien die paritätischen Kommissionen aus Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertretern verantwortlich.

Baustelle 5: Keine Lohnverhandlungen

Der Baumeisterverband ist über den Alleingang der Unia derart erbost, dass er die Lohnverhandlungen für dieses Jahr definitiv abgesagt hat. Die Unia sieht das als billige Ausrede (siehe Interviews rechts). Unabhängig davon, wer recht hat. Die Verlierer sind die Arbeitnehmer, die keine Lohnerhöhungen erhalten.

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