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Leere Kirchen kämpfen mit leeren Kassen

Fehlende Steuern, zu wenig Spender: Die Gotteshäuser leiden unter der Wirtschaftskrise.

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Fehlende Steuern, zu wenig Spender: Die Gotteshäuser leiden unter der Wirtschaftskrise.

Fehlende Steuern, zu wenig Spender: Die Gotteshäuser leiden unter der Wirtschaftskrise. Gotteshäuser werden weitervermietet, Personal abgebaut, Dienstleistungen eingestellt. Die Kirchen in der Region sind in Geldnot.

Von Daniel Ballmer

Die Reformierte Kirche Basel-Stadt muss sparen. Oder wie es Kirchensprecher Roger Thiriet ausdrückt: Mit einer vorausschauenden Planung sei sicherzustellen, dass «die personellen und infrastrukturellen Verhältnisse der Stadtbasler reformierten Kirche stets auf deren finanziellen Möglichkeiten ausgerichtet sind und sie nicht über ihre Verhältnisse lebt».

Dies hat seinen Grund: 1960 hatte die Reformierte Kirche Basel-Stadt 137 000 Mitglieder, Mitte 2009 sind es noch 35 000. Entsprechend hat sich das Budget entwickelt. Umfasste es 2005 rund 26 Millionen Franken, wird für 2009 noch mit Steuereinnahmen von knapp 20 Millionen Franken gerechnet. «Wir schätzen, dass wir 2015 rund 22 500 Mitglieder haben und noch etwa 19 Millionen Franken zur Verfügung haben - 7 Millionen weniger als noch 2005.»

Die reformierte Kirche Basel-Stadt steht mit ihren Problemen nicht alleine da. In den Schweizer Gotteshäusern wird auf Teufel komm raus gespart. Die Dachverbände der reformierten und der katholischen Kantonalkirchen prognostizieren einen massiven Einbruch bei den Kirchensteuern.

«Als Folge der Wirtschaftskrise und des Mitgliederschwunds rechne ich in drei bis fünf Jahren mit Mindereinnahmen von 10 bis 15 Prozent», wird Theo Schaad in der «SonntagsZeitung» zitiert. Der Geschäftsleiter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds rechnet vor: Die Erträge drohen von 725 Millionen im vergangenen Jahr auf 620 Millionen Franken im Jahr 2014 einzubrechen.

Schon heute vermieten die Basler Reformierten wegen des Mitgliederschwunds einzelne Kirchen wie etwa die St. Alban-Kirche an die Serbisch-Orthodoxe Gemeinde. Geschlossen aber würden keine. Möglich dagegen ist der Verkauf nicht mehr benötigter weltlicher Gebäude. So war das Union früher das Gemeindehaus St. Matthäus.

Gleichzeitig wird die Zahl von 130 Vollstellen langfristig über natürliche Abgänge «an die gesunkenen Ansprüche» angepasst. Auch wurden bereits vor einigen Jahren die Gemeinden St. Theodor, Markus, Matthäus und Kleinhüningen zur Grossgemeinde Kleinbasel zusammengelegt. Geplant ist weiter die Fusion der Gemeinden St. Johannes, St. Leonhard und Oekolampad zu einer Grossgemeinde.

Ähnlich im Baselbiet: Auch hier prognostizieren die Reformierten einen drastischen Rückgang der Steuereinnahmen. «Bei den Kirchensteuern der juristischen Personen ist ab 2010 ein Rückgang von 20 bis 25 Prozent zu erwarten», sagt Kirchensprecher Paul Dalcher. Neben der Krise sei dafür die Unternehmenssteuerreform verantwortlich. Bei den Steuereinnahmen von natürlichen Personen rechneten einzelne Kirchgemeinden mit Einbussen von 5 bis 10 Prozent.

Zwar analysiere die Reformierte Landeskirche Baselland nun kritisch ihre Auf- und Ausgaben, ein kurzfristiger Leistungsabbau aber sei nicht vorgesehen, betont Dalcher: «Zum Glück konnten in den ‹fetten Jahren› Reserven gebildet werden. Allfällig einschneidende Massnahmen dürften frühestens in drei Jahren ergriffen werden, sollte bis dann die Talsohle noch nicht durchschritten sein.» Geprüft werden aber auch im Landkanton Kooperationsmöglichkeiten für kleinere Kirchgemeinden. Fusionen aber lägen in weiter Ferne. Denn dazu wäre eine Änderung der Kirchenverfassung nötig.

Nicht viel besser ergeht es den Katholiken: Massive Ertragseinbussen «werden gerade dort erwartet, wo ein grosser Teil der Kirchensteuern von juristischen Personen kommt», sagt Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz. Manche Kantonalkirchen erwarten bei den Firmensteuern ein Minus von 20 Prozent. Doch nicht nur Mitgliederschwund und Rezession machen den Kirchen zu schaffen. Auch grosse Spenden würden immer seltener.

Die katholische Landeskirche Baselland wird an einer Klausurtagung im Herbst die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Steuereinnahmen erörtern. Der Landeskirchenrat werde diskutieren, wie die erwarteten Mindereinnahmen aufgefangen werden sollen, erläutert Kirchensprecher Markus Weber. «Wegen der Senkung der Unternehmenssteuer sind wir für dieses Thema bereits sensibilisiert.»

Schon fürs 2008 habe ein möglicher Minderertrag von 1,5 Millionen Franken mit Sparmassnahmen aufgefangen werden müssen - dies bei einem Gesamtaufwand von 11,6 Millionen Franken. Weber: «Das Budget 2009 ist mit 10,5 Millionen schon ein kleines Sparbudget.»

Sollten die Einnahmen weiter zurückgehen, «müssen wir sicher über die Leistungen diskutieren, die wir im Interesse der Gesellschaft erbringen». Betreffen könnte dies etwa die Spital- und Jugendseelsorge, Jugendprojekte, das Aidspfarramt oder das Pfarramt «Wirtschaft und Industrie». «Es liegt auf der Hand: Wenn wir weniger Geld einnehmen, müssen wir auch unsere Leistungen reduzieren.»

Die Katholische Kirche Basel-Stadt «befasst sich ernsthaft mit dem Gedanken», Kirchen zu schliessen und allenfalls zu verkaufen, bestätigt Kirchensprecher Xaver Pfister. «Sie sind für 90 000 Menschen gebaut worden, wir haben aber nur noch 30 000 Mitglieder.» Noch sei die Frage einer möglichen Neunutzung aber nicht geklärt. «Für viele Gläubige wäre es natürlich schmerzvoll, wenn wir Kirchen schliessen müssten», ist sich Pfister bewusst. Pfarrhäuser dagegen sind schon mehrere zu Wohnungen umgebaut worden, die nun vermietet werden.

Zusätzliche Einbussen bei der Kirchensteuer hinnehmen müssen die Katholiken wegen des anhaltenden Mitgliederschwundes. Schon länger sind sie deshalb daran, ihren Personalbestand zu reduzieren. Daneben sind die Kleinbasler Kirchgemeinden bereits zusammengelegt worden; Anfang 2010 sollen drei Gemeinden in Grossbasel Ost fusioniert werden. «Wir tun, was wir können, um uns nicht verschulden zu müssen», kommentiert Pfister.

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