Kommentar
Jordans Frühjahrs-Furcht

Am Dienstag reiste Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), nach Frankfurt, an den Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). Am 15. Januar 2015 hatte die SNB in Erwartung einer Geldflut aus dem Eurotower den Euro-Mindestkurs von Fr 1.20 aufgehoben. Gut ein Jahr danach wird damit gerechnet, dass EZB-Präsident Mario Draghi die Geldschleusen erneut öffnet. Jordan reiste aber nicht zu Draghi, sondern zum SAFE Policy Center, wo er über die «Geldpolitik in der Nachbarschaft der Eurozone» referierte.

Tommaso Manzin
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Der Sitz der europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Der Sitz der europäischen Zentralbank in Frankfurt.

KEYSTONE/EPA/BORIS ROESSLER

Am Dienstag reiste Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), nach Frankfurt, an den Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). Am 15. Januar 2015 hatte die SNB in Erwartung einer Geldflut aus dem Eurotower den Euro-Mindestkurs von Fr 1.20 aufgehoben. Gut ein Jahr danach wird damit gerechnet, dass EZB-Präsident Mario Draghi die Geldschleusen erneut öffnet. Jordan reiste aber nicht zu Draghi, sondern zum SAFE Policy Center, wo er über die «Geldpolitik in der Nachbarschaft der Eurozone» referierte.

Sein nützlicher Rückblick auf die Krisen-Massnahmen der Notenbanken geriet aber zuweilen zur wohlwollenden Geschichtsschreibung. Auch für Offensichtlichkeiten war sich Jordan nicht zu schade: Das Führen eigenständiger Geldpolitik für Eurozonen-Anrainer sei seit dem Ausbruch der Krise 2008 schwieriger. Jordan zieht dennoch den Schluss, eine autonome Geldpolitik sei für kleine Nachbarn eines grossen Währungsraumes möglich. Sie erlaube es, landesspezifischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und mittelfristig die Preisstabilität sicherzustellen.

Thomas Jordan schreibt Geschichte

Man horcht auf: Die Preise steigen längst nicht mehr mit der Zielrate von knapp 2 Prozent. Sie sinken. Wie lang dauert für Jordan die mittlere Frist? Als die Preise nicht sanken, war die Deflationsgefahr gut genug, um
den Mindestkurs einzuführen und drei Jahre lang mit der Präzision einer Schweizer Uhr als unverzichtbar gegen fallende Preise zu feiern. Mit einer Ausnahme: dem Tag seiner Abschaffung. Dies, obwohl die SNB just damals sinkende Preise voraussah.

Natürlich ist es ein Vorteil, eine eigene Zentralbank zu haben. Sagen müsste man aber auch: Ihr bleibt ein Feintuning, sozusagen der Flügelschlag des Schmetterlings, der manchmal – sagt die Chaostheorie – die Richtung eines Orkans zu verschieben vermag.

Wieder beten für die SNB

Nun, den Orkan hat die SNB nicht aufgehalten. Jüngst erstarkte der Euro auf Fr. 1.10, doch die Industrie ächzt. Und der nächste Orkan liegt in der Luft. Gero Jung, Chefökonom von Mirabaud, erwartet eine Erhöhung der EZB-Käufe am 10. März. Maxime Botteron, Ökonom der Credit Suisse, rechnet zudem mit leicht tieferen Zinsen. Als im Dezember 2015 die erste Aufstockung des EZB-Programms vom März drohte, meinte Ökonomie-
Professor Charles Wyplosz im Interview
mit der «Nordwestschweiz»: «Wenn ich die SNB wäre, würde ich beten.» Vielleicht hat Jordan gebetet. Denn die EZB fuhr weniger schweres Zusatzgeschütz auf als befürchtet.

Experten sehen nicht viele Optionen für die SNB, sollte die EZB nun einen Gang höher schalten. Der Strafzins für Bargeld in Franken sei mit –0,75 Prozent schon enorm tief. Er erwartet für heuer einen Eurokurs von Fr. 1.05 bis 1.10. Botteron glaubt, dass die SNB mehr Devisen wird kaufen müssen. Eine Zinssenkung scheint auch ihm unwahrscheinlich. Dies brächte die SNB noch näher an die kritische Untergrenze, wo die Bargeldnachfrage plötzlich steigen könnte. Jordan wies im Vortrag selbst darauf. Botteron ist ein Hauch optimistischer für den Euro: in zwölf Monaten bei Fr. 1.11. Bis dann wird noch manches Unternehmen aufgeben. Und auch danach bleibt die Luft dünn, dünn wie die Margen.

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