Ski-Wahnsinn

Immer weniger Skifahrer, immer mehr Brands auf dem Markt – was steckt dahinter?

Schnee in Massen. Kaum Wolken am Himmel. Und doch zieht es immer weniger Schweizerinnen und Schweizer zum Skifahren in die Berge. Hauptgrund: der Klimawandel und kürzere Winter. Unter diesen Entwicklungen haben auch die Skiverkäufe gelitten. Die Branche hat sich vor rund 15 Jahren erstmals dazu durchgerungen, Zahlen zu erheben.

Und so weiss man, dass im Winter 2004/05 in der Schweiz noch 290 000 Paar Ski verkauft wurden. Letzte Saison waren es 90 000 weniger. «Natürlich schwanken die Verkaufszahlen je nach Saison, aber der Markt ist über die Jahre stets geschrumpft», sagt Walter Reusser, Geschäftsleitungsmitglied von Stöckli.

Die ganz grossen Tage der Ski-Nation Schweiz sind längst passé. Was sich auf den Hängen in Åre bei der Ski-WM dieser Tage zu bestätigen scheint, hat sich auf dem Markt längst manifestiert. Von den 200 000 in der Schweiz verkauften Ski kommt bloss noch rund jeder fünfte von Schweizer Herstellern. Dabei geht der grösste Teil auf das Konto von Stöckli. «Wir verkaufen eigentlich überall, wo man Ski fahren kann», sagt Reusser.

Obschon der Ski-Markt schrumpft, wuchs Stöckli kontinuierlich. Im Wintersport-Bereich legte der Schweizer Skihersteller in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 11 Prozent zu. Hinter dem Zugpferd Stöckli halten sich seit Jahrzehnten einige Kleinproduzenten im umkämpften Markt (siehe nachfolgende Tabelle). Noch überraschender ist jedoch, dass in jüngster Vergangenheit neue Schweizer Player auf den Markt drängten.

Ein Ski-Wahnsinniger

Einer dieser Ski-Wahnsinnigen ist der 36-jährige Solothurner Alex Maienfisch. Die dritte Saison verkauft er nun Ski der von ihm ins Leben gerufenen Marke «MACH». Dabei war das nie seine Absicht. Vielmehr rutschte er da so rein. Nach dem BWL-Studium arbeitete er als Produktmanager in der Autoindustrie, schliesslich machte er sich als Brillenverkäufer selbstständig. Das Ski-Business hat jedoch in kurzer Zeit alles andere zur Nebensache verkommen lassen.

Skifahren, das ist schon von Kindesbeinen an seine Passion. Die Eltern haben eine Wohnung in Wengen, er drängte darauf, dass sie ihn im lokalen Skiklub anmeldeten. «Das war als Unterländer nicht ganz einfach. Aber sie gewöhnten sich an mich», sagt er und lacht. Während Jahren trainierte er im Berner Oberland, fuhr Rennen, qualifizierte sich für den Final des Migros-Grandprix, wo er einst gar gegen den späteren Junioren-Weltmeister und Weltcupsieger Marc Berthod fuhr. Maienfisch: «Er war irgendwo ganz weit vorne, ich irgendwo ziemlich hinten.»

Mit 15 Jahren hörte er auf mit dem Rennsport, geblieben ist die Faszination für die Ski. «Als ich noch Rennen fuhr, habe ich meine Ski immer selbst präpariert, war quasi mein eigener Servicemann. Sobald ich mit den Wettkämpfen aufhörte, begann ich zu experimentieren», sagt er. Er tüftelte mit altem Material, schraubte Rennbindungen auf All-Mountain-Ski, sorgte für ungläubiges Kopfschütteln bei Skiverkäufern. Ein Ski-Wahnsinniger eben.

Aber so sehr er auch suchte, er fand nicht, was ihm entsprochen hätte. Er wollte einen Ski, mit dem er sich auf einer normalen Piste so sehr in die Kurve hängen kann, dass er mit der Hüfte den Schnee touchiert. Er wolle Profi-Material für den Normalverbrauch.

Ski selbst bauen, das könnte er nicht. Aber er wusste, wer das kann. Ein Produzent in Norditalien. Auf der Heimreise aus den Frühlingsferien trifft er auf den jungen Geschäftsführer einer kleinen Manufaktur. Maienfisch erzählt, was ihm vorschwebt, lässt sich seinen Ski bauen. Das erste Modell ist noch zu hart, beim zweiten oder dritten passt es.

Wie viel ihn das gekostet hat? «Ich habe keine Ahnung. Das war wie bei einem Modelflugzeug-Bauer: Es spielte mir keine Rolle, es war einfach ein Hobby.» Freunde und Familie fanden den Ski so toll, dass er eine kleine Serie produzieren liess. Er gab sie Sportgeschäften zum Testen – und fand Anklang.

Das Risiko minimiert er, indem er nur auf Bestellung produzieren lässt. Noch immer in Norditalien. Wo genau, das will er nicht verraten. Geschäftsgeheimnis. Rund 1000 Stück dürften es diesen Winter sein. Sie kosten zwischen 1400 und 1600 Franken – je nach Bindung, die man wählt. Und man kann sie seit kurzem in über 30 Geschäften in elf Ländern kaufen. Nächsten Winter sollen weitere Geschäfte und Länder dazukommen. Wachstumspotenzial sieht Maienfisch vor allem im Ausland.

Von der Masse zur Nische

Erst seit diesem Winter gibt es den Molitor-Ski. Und trotzdem gehört der Neuling schon zu den bedeutendsten Schweizer Fabrikanten. Der Name geht auf Karl Molitor zurück. Der Berner Oberländer ist Rekordsieger am Lauberhorn (unter anderem 6 Mal Abfahrt zwischen 1939 und 1948), gewann Olympia-Bronze in der Abfahrt in St. Moritz und wurde nach seiner Rennfahrer-Karriere Skischuh-Produzent in Wengen, wo er herkommt.

In den besten Zeiten beschäftigte er 65 Schuhmacher, die pro Saison 20 000 Leder-Skischuhe fertigten. Molitor war Ausrüster der italienischen, der französischen und der Schweizer Ski-Nationalmannschaft. Bis der Kunststoff die Branche auf den Kopf stellte. 1977 muss die Produktion in Wengen geschlossen werden.

Das Sportgeschäft Molitor jedoch gibt es noch heute. Seit 2012 führt Beat von Allmen das Geschäft zusammen mit seiner Frau. Seit diesem Winter machen sie Ski. Zwei Modelle, eines für Frauen, eines für Männer. Das heisst: Stöckli hat die Ski entwickelt und produziert sie auch in Malters LU. Warum aber ein eigener Ski? «Wir wollten ein gutes und faires Produkt verkaufen zu einem Preis, der es uns auch ermöglicht, davon zu leben», erklärt von Allmen.

Was er damit sagen will: Der Online-Handel und die Grosshändler wie Migros mit SportXX oder Otto’s haben ihm und seinen Kollegen das Geschäft sehr schwer gemacht. Der Wettbewerb funktioniert nur noch über den Preis. «Da können wir als kleine Sportgeschäfte nicht mehr mithalten», sagt von Allmen.

Der zerstörerische Preiswettkampf der Grosshändler ist es, der die Nische geöffnet hat für Kleinproduzenten von Edel-Skimarken. Weil die kleineren Sportgeschäfte etwas bieten wollen, das man bei den Grossen nicht kriegt. Wer einen Molitor-Ski kauft, der kann ihn ein Ski-Leben lang in den Service bringen. Ohne dafür zu bezahlen.

Die grossen Marken aus dem Weltcup, die vermieten sie eigentlich nur noch. Aber auch da wird die Nachfrage kleiner. Die Konsequenzen brachte Jürg Stettler vom Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern gegenüber dem «Sonntagsblick» so auf den Punkt: «Skifahren verschwindet als Breitensport und wird zum Premiumprodukt für wenige.» Das Auftauchen neuer Premium-Marken scheint seine Prognose zu bestätigen.

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