Ausgesteuerte

«Ich fühle mich als Mensch zweiter Klasse»

Für Reinhard Nyffeler ist die erfolglose Jobsuche mehr als belastend: «Die Krebsdiagnose hat mich weniger beschäftigt als meine Arbeitssituation.»chris iseli

Für Reinhard Nyffeler ist die erfolglose Jobsuche mehr als belastend: «Die Krebsdiagnose hat mich weniger beschäftigt als meine Arbeitssituation.»chris iseli

Der 59-jährige Reinhard Nyffeler sucht seit längerer Zeit einen Job. Seine Stellensuche ist alles andere als gemütlich. Jetzt steht der Arbeitswillige kurz vor der Aussteuerung – die Jobsuche will er weiterführen.

Reinhard Nyffeler bestellt im Café Pöstli in Suhr einen Pfefferminztee. Das Lokal mit Bäckerei und Konditorei lädt «zum gemütlichen Verweilen» ein.

Unter anderen Umständen wäre das auch für Nyffeler eine Option. Aber er erzählt seine lange Geschichte der Stellensuche. Und die ist alles andere als gemütlich. Der 59-Jährige wird Mitte Januar 2015 ausgesteuert.

Jährlich 30 000 Ausgesteuerte

Der Suhrer steht damit nicht alleine da. Jahr für Jahr werden landesweit durchschnittlich über 30 000 Personen von der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert, wie eine Studie des Bundesamtes für Statistik zeigt.

Im Amtsdeutsch liest sich das so: «Eine ausgesteuerte Person ist ein Bezüger von Arbeitslosenentschädigung, der einen Anspruch auf die Höchstzahl von Tagesgeldern ausgeschöpft hat oder dessen Anspruch auf Taggelder erloschen ist, weil seine Rahmenfrist für den Leistungsbezug von zwei Jahren abgelaufen ist.»

Mit den Aussteuerungen wird auch die Arbeitslosenstatistik ungewollt «geschönt». Denn die Mehrheit der Betroffenen lässt sich bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) nicht mehr registrieren. Nur rund ein Viertel der Ausgesteuerten ist weiterhin bei einem RAV eingeschrieben und bleibt damit als arbeitslos oder stellensuchend erfasst.

«Eine solche Person bin ich», erzählt Reinhard Nyffeler, äusserlich ruhig und gelassen. Er nippt am heissen Tee. Der gelernte Industrie-Schuhmacher ist in Gränichen aufgewachsen und wohnt seit langer Zeit in Suhr.

Bis Ende der 80er-Jahre war er für die Schuhfabrik Bally tätig; im Tessin und in Italien, in verschiedensten Funktionen, vom Verantwortlichen für die Schaftproduktion bis hin zum Abteilungsleiter.

«Ich war beruflich immer à jour, habe mich stets weitergebildet, im kaufmännischen Bereich, als Betriebsfachmann und so weiter.»

Nachdem Bally, der Inbegriff der Schweizer Schuhtradition, die Eigenproduktion einstellte, arbeitete Nyffeler während 17 Jahren in der Baubranche.

Zuletzt war er verantwortlich für den Aufbau eines Kies- und Betonwerkes, welches kurze Zeit später aus wirtschaftlichen Gründen wieder geschlossen wurde. «Danach war ich erstmals arbeitslos, für ein halbes Jahr.»

400 Bewerbungen verschickt

Dank seines grossen technischen Fachwissens habe er aber wieder in der Schuhbranche Fuss fassen können. Vier Jahre als Betriebsleiter bei einem Sportschuhproduzenten.

«Wir haben uns im gegenseitigen Einvernehmen getrennt.» Danach erhielt Nyffeler eine befristete Anstellung bei einem Herrenschuhhersteller; als Techniker und Verantwortlicher für die Qualitätsüberwachung.

Das Anstellungsverhältnis sei ein erstes Mal verlängert worden, ein zweites Mal aber nicht. Der Auftragseingang ging zurück, die Firma musste die Kosten senken. Hinzu kam ein persönlicher Schicksalsschlag.

Das war im Winter 2012. Die Diagnose lautete Bauchspeicheldrüsenkrebs. Trotz dieses «brutalen Befundes» machte sich Nyffeler unbeirrt auf Jobsuche.

«Ich wollte immer und will weiterhin arbeiten. Dafür kämpfe ich an allen Fronten.» In den zwei Jahren ohne Arbeit habe er sicherlich rund 400 Bewerbungen abgeschickt.

Zweimal machte er mit an der Aargauer Kampagne «Potenzial 50plus – die Qualifikation zählt, nicht das Alter». Erfolglos.

In diesen Wochen läuft die Unterstützung durch die Arbeitslosenversicherung aus, ab Mitte Januar muss er sich bei der Sozialhilfe melden.

Die Gründe der Absagen sind inzwischen Allgemeinwissen und Nyffeler zählt auf: Zu alt, zu teuer, zu wenig spezialisiert, zu wenig flexibel, kein Bedarf an Allroundern – und spezifisch in seinem Fall seine Krankheit oder die Angst vor entsprechenden Folgekosten.

«Vielleicht war ich zu ehrlich»

Rückblickend glaubt er nicht, Fehler bei der Jobsuche gemacht zu haben. «Ich nahm professionelle Hilfe in Anspruch, arbeitete mit Jobvermittlern und Headhuntern zusammen, nutzte mein Netzwerk, und die Unterstützung vom RAV Suhr war sehr gut.»

Höchstens das: «Vielleicht war ich zu ehrlich.» Er meint seine Krebsdiagnose, die er jeweils bereits bei Erstgesprächen thematisierte – «obwohl ich gemäss Obligationenrecht dazu nicht verpflichtet wäre.»

Die Jobsuche will er auch nach der Aussteuerung fortsetzen. Die Hoffnung gebe er noch nicht auf.

Einfach wird es aber nicht. Zwar zeigt die erwähnte Studie, dass 2013 rund 61 Prozent der in den vorherigen fünf Jahren Ausgesteuerten wieder erwerbstätig waren. Das heisst aber auch, dass 39 Prozent grösste Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden.

Zudem sind die «Erfolgreichen» mit schwierigen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Sie arbeiten im Vergleich zum Durchschnitt aller Erwerbstätigen häufiger auf Abruf und temporär und sind öfters teilzeitbeschäftigt. Zudem ist der Median-Bruttostundenlohn von Ausgesteuerten, die wieder eine Stelle gefunden haben, fast 25 Prozent tiefer als jener aller Arbeitnehmenden.

Auf mögliche finanzielle Einbussen hat sich Nyffeler bereits eingestellt. «Bei meiner Jobsuche stelle ich keine hohen Lohnforderungen. Ich wäre auch bereit, zu einem deutlich tieferen Gehalt als vor der Arbeitslosigkeit zu arbeiten». Und er wisse, dass sein jetzt schon knappes Einkommen aus der Arbeitslosenversicherung mit dem Wechsel zur Sozialhilfe noch tiefer ausfallen werde.

Gegen Ende des Gespräches drücken bei Reinhard Nyffeler die Emotionen doch noch durch. Er nimmt einen letzten Schluck vom inzwischen kalten Tee, erzählt stockend, immer wieder die Augen reibend.

Empfinden Sie die erfolglose Stellensuche und den Gang zum Sozialamt als Niederlage?

«Nein, aber als unverständlich.» Er habe alles versucht, um einen Arbeitsplatz zu finden. «Ich fühle mich als Mensch zweiter Klasse.» Und der Gang aufs Sozialamt sei ein schwieriger Schritt. «Die Krebsdiagnose hat mich weniger beschäftigt als meine Arbeitssituation.»

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