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Hypothekarbank Lenzburg zeigt sich offen für Finanz-Start-ups – ihr geht es auch um ihre Unabhängigkeit

Marianne Wildi

Marianne Wildi

Die Hypothekarbank Lenzburg (HBL) ist eine der wenigen Regionalbanken, die ihre Eigenständigkeit bewahrt haben.

Statt sich dem Regionalbankenverband anzuschliessen, wie dies vor 25 Jahren viele kleinere Banken getan hatten, entschied sich die HBL für die Unabhängigkeit. Mit einigem Erfolg: Die Bank konnte ihre Position als regional verankerte Universalbank verteidigen und gleichzeitig einen neuen Geschäftsbereich im Informatik-Bereich aufbauen.

Der grosse Unterschied der Hypi, wie die Bank im Heimmarkt genannt wird, zu den meisten anderen Banken in der Schweiz, nicht nur den Regionalbanken: Sie verfügt über eine eigene Kernbankenlösung. Darunter versteht man eine zentrale Anwendung, die sämtliche Bankprozesse steuert, also Zahlungsverkehr, Kontoführung, Wertschriftenverwaltung etc. Die allermeisten Banken haben im Zuge der zweiten Welle der Digitalisierung der Bankprozesse um die Nullerjahre entschieden, keine eigene Informatiklösung mehr zu entwickeln und auf Produkte von Softwarelieferanten zu setzen. Allerdings zeigte sich bald, dass die Bedürfnisse der Banken sehr unterschiedlich waren und nur schwer ins Schema einer Standardlösung passten.

Kooperation mit Fintechs

Wer die Hypi in Lenzburg besucht, betritt einen grosszügigen Bau mit viel Sichtbeton, wie das typisch ist für die Architektur Ende der 1960er-Jahre. Vor wenigen Jahren wurde die Schalterhalle erneuert. Die grossen Wandteppiche aus der Zeit hingegen wurden hängen gelassen. 150 Jahre gibt es die Hypothekarbank Lenzburg. Seit 2010 ist Marianne Wildi die Chefin der Bank.

Aus Zürich angereist ist Thomas von Hohenhau, der das Fintech-Unternehmen Deposit Solutions in der Schweiz leitet. Über die Plattform Savedo.ch vertreibt Deposit Solutions Festgeldanlagen, die seit November 2018 via die HBL gekauft werden können. Seit die UBS die Zinsen letzte Woche auf 0,00 gesenkt hat, kommen alternative Sparanlagen wie Festgelder wieder in Mode. Wer sein Geld für vier Jahre blockiert, erhält bei Savedo derzeit einen Zins von 0,25 Prozent. Das ist mehr als bei vielen Säule-3a-Konten. Deposit Solutions weist eine Bewertung von 500 Millionen Dollar aus und arbeitet in Europa mit 90 Banken zusammen, darunter Grossbanken wie die Deutsche Bank.

Einlage-Riese Schweiz

Die Schweiz ist einer der grössten Bargeld-Märkte in Europa. Die Schweizer Haushalte verfügen über 1200 Milliarden Franken Bar-Einlagen. Das ist etwa so viel wie alle italienischen Haushalte zusammen. Gleichzeitig gibt es für Schweizer Anleger aber nur wenige Möglichkeiten, ihre Einlagen zu attraktiven Konditionen anzulegen. Hier will von Hohenhau mit der Hypi für die Sparer eine Bresche schlagen.

Da Deposit Solutions selbst keine Banklizenz hat und somit keine Gelder von Sparern annehmen kann, ist sie auf Kooperationen mit Banken angewiesen. Von Hohenhau, der früher bei Julius Bär gearbeitet hatte, kennt sich in der Szene aus. Als Fintech-Unternehmen mit Grossbanken eine Kooperation zu besiegeln, koste Zeit. Nur den richtigen Ansprechpartner zu finden, erweise sich bei manchen Banken als ein Gang durch ein Labyrinth, sagt von Hohenhau. Hinzu kommen technische Hürden: Schnittstellen in die Informatik einer Grossbank zu bauen, sei ein «aufwendiges und langwieriges Unterfangen», so von Hohenhau. Hierfür nehme sich das Unternehmen Zeit.

«Wir haben uns zum Start in der Schweiz bewusst für die Hypi entschieden», sagt von Hohenhau. Hier habe Deposit Solutions «ein offenes Dorf vorgefunden». Worte, die bei Marianne Wildi gut ankommen. Schon früh sei es ihre Vision gewesen, ihre Kernbanken-Software mit offenen Schnittstellen zu versehen und damit ein «ganzes Ökosystem» zu bauen.

Inzwischen ist aus der eigenen Bankinformatik der HBL ein Geschäftszweig geworden. Im Zentrum steht Finstar, das von der Hypi entwickelte und vertriebene Kernbankensystem, das neun weitere Institute verwenden. Die IT-Plattform generiert inzwischen Einnahmen von 4,5 Millionen Franken – in Zeiten negativer Zinsen ein willkommener Posten in der Erfolgsrechnung. «Mit der eigenen Software ist die Bank unabhängiger und vor allem flexibler, wenn es um Anpassungen und Kooperationen geht», sagt Wildi, die bei der HBL als Programmiererin begann und jahrelang die Informatikabteilung leitete. Schlagwörter wie «agiles Entwickeln» oder «Design thinking» klingen bei ihr glaubwürdig.

Die Bank arbeitet mit mehreren Fintech-Unternehmen wie Deposit Solutions zusammen, die ihre Produkte über die Plattform der Hypi abwickeln. Eine Kooperation unterhält die Bank etwa mit Neon, einer Mobile-App-Betreiberin, für die HBL Privatkonten zur Verfügung stellt. Die Kunden von Neon nutzen die App für Überweisungen und Kartenzahlungen. Neon ist für die HBL wie ein externes Online-Banking.

Wildi geht es nicht darum, mit möglichst vielen Fintechs zusammenzuarbeiten. Für die Bank machen vor allem Kooperationen Sinn, die einen Ergebnisbeitrag leisten und das Dienstleistungsangebot für die HBL-Kunden erweitern. Als regionales Institut ist Offenheit geradezu eine Bedingung, um eigenständig und unabhängig zu bleiben.

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Autor

Beat Schmid

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