Leitartikel
Hildebrand ist erledigt – wer kommt als Nächstes dran?

Hildebrand sei Opfer eines Kesseltreibens geworden, dessen Ursprung jedoch er selber geliefert hat, schreibt az-Chefredaktor Christian Dorer. Nun stelle sich Frage, wen die Kreise um Christoph Blocher als Nächstes ins Visier nehmen wollen.

Christian Dorer
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SNB-Präsident Philipp Hildebrand umringt von Medienleuten in Bern
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Hildebrand muss sich weiteren Fragen stellen
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SNB-Präsident Philipp Hildebrand umringt von Medienleuten in Bern

Keystone

Man nehme die Schrotflinte, schiesse aufs Geratewohl drauflos und schaue, wie viel Schaden man anrichten kann. So sind die Kreise um SVP-Chefstratege Christoph Blocher und die «Weltwoche» vorgegangen, um Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand abzuschiessen. Mit Erfolg: Hildebrand ist Opfer eines Kesseltreibens geworden, dessen Ursprung jedoch er selber geliefert hat.

Er und seine Frau haben mit ihren Dollargeschäften zwar wohl reglementskonform, jedoch moralisch nicht einwandfrei gehandelt. Man staunt, mit wie wenig Sensibilität sich hier ein hochintelligenter Mann selber seinen Feinden ausgeliefert hat. Und solche hat er viele: Weil er die Grossbanken regulieren will und weil er international denkt.

Verschweigt Hildebrand etwas?

Wir wissen nicht, ob Hildebrand weitere heikle Geschäfte verschweigt; dass er die Prüfung seiner Konten seit 2003 von sich aus angeboten hat, spricht dagegen. Und auch der gesunde Menschenverstand spricht dagegen, dass er sich mit seinem Insiderwissen hat bereichern wollen. Wenn dem so wäre, hätte er mit viel weniger Einsatz viel grösseren Gewinn machen können – und zwar so, dass es nicht auffliegt.

Die Schweiz hat selten eine so starke Rücktrittsrede erlebt wie diejenige von Hildebrand – man erinnere sich nur an die Tränen Samuel Schmids. Es kommt auch selten vor, dass eine Führungspersönlichkeit sich nicht bis zum bitteren Ende ans Amt klammert – man schaue nach Deutschland zu Christian Wulff.

Er verdient Respekt

Hildebrand verdient Respekt für seine Grösse, zu erkennen, dass er zur Belastung für die Nationalbank geworden ist. Und für seine Analyse, dass er den ultimativen Beweis für seine Version der Dinge nicht erbringen kann. Deshalb, so Hildebrand, werde es immer Leute geben, die denken, er lüge.

Bedenklich ist bloss: Seit wann muss in einem Rechtsstaat ein Beschuldigter seine Unschuld beweisen und nicht ein Ankläger die Schuld? Wenn es in unserem Land üblich wird, dass man jemanden aus dem Amt ekeln kann, indem man mit Teil- und Falschinformationen Beschuldigungen aufstellt – dann gute Nacht! Vermutlich wird sich bei jedem irgendetwas finden lassen, mit dem sich eine Schauergeschichte fabrizieren lässt, die dann unaufhaltsam ihren Lauf nimmt.

Alles offengelegt

Hildebrand hat gestern alle Dokumente offengelegt. Nun liegt es an der Gegenseite um Christoph Blocher, ebenfalls Transparenz zu schaffen. Denn hier liegt einiges im Dunkeln: Bisher weigert er sich aufzuzeigen, welche Informationen ihm vorlagen, womit er zu wem gegangen ist, welches seine Motive waren.

Besonders störend: Die SVP hat in ihrer Verfolgungsjagd ein Opfer in Kauf genommen, das für immer erledigt ist – den Datendieb, der nach eigenen Angaben mit der Sache nie an die Öffentlichkeit wollte und sich von der SVP missbraucht fühlt. Er wird im Gegensatz zu Hildebrand nie mehr einen Bankenjob finden.

Gestern Abend hat Blocher bereits angekündet: «Die Sache ist nicht zu Ende.» Fragt sich bloss, wen er in dieser Angelegenheit als Nächstes ins Visier nehmen will: etwa
Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, seit seiner Abwahl 2007 die grösste Gegnerin?